Treichel: Der Verlorene

Fußabdrücke und Rohrerindex

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 18:
“Der Vater suchte nicht lange herum und steuerte gleich auf das erste Gebäude zu, bei dem es sich allerdings nicht um das Gerichtsanthropologische, sondern um das Gerichtspathologische Institut handelte und in welches niemand ohne Dienstausweis hineingelassen wurde. (…) Die Laborkantine befand sich im obersten Stockwerk des Gerichtsanthropologischen Laboratoriums und wurde anscheinend auch von den Mitarbeitern anderer Institute benutzt. ” (S. 87-97)

Fußabdrücke und Rohrerindex

Der Vater hat sich wieder gefangen und geht “mit festen Schritten” den anderen voraus, allerdings auf das falsche Gebäude, die Pathologie, zu. Der Pförtner weist den richtigen Weg, aber als gleichzeitig ein Leichenwagen vorfährt, verzögert sich der Gang ins richtige Gebäude noch ein wenig.
Wer mit “Pathologie” in erster Linie die Leichenobduktion verbindet, fragt sich beim Auftauchen des Leichenwagens vielleicht, ob diese Häufung von Todessignalen als Vorausdeutung zu lesen ist. Tatsächlich wird die Familie kurz darauf mit der Denk- und Arbeitsweise zweier Charaktere konfrontiert, deren Nähe zur menschenverachtenden nationalsozialistischen Ideologie nicht zu übersehen ist: zunächst der Leichenwagenfahrer und dann Dr. phil. et med. Freiherr von Liebstedt, Professor für Anthropologie und Erbbiologie an der Universität Heidelberg und Leiter des Gerichtsanthropologischen Laboratoriums.
Außerdem finden sich – seit dem Bau des Kühlhauses – zahlreiche Hinweise, dass es mit dem Vater allmählich bergab geht, jede Station scheint ihn seinem Tod am Ende der Heidelbergfahrt näherzubringen.
An Szenen aus Franz Kafkas “Der Prozess” könnte der Ehrfurcht heischende Gebäudekomplex aus Gründerzeitvillen erinnern, in deren Innerem sich irgendwo das Laboratorium befindet – wohlgemerkt das Gerichts(!)anthropologische Loboratorium – zu welchem der Weg fast labyrinthartig über Pathologie, Pförtner, Leichenwagen, Vorzimmerdame, Warteraum führt, wobei am Ende die Familie zuerst einmal noch nicht wie erhofft ein Gespräch mit dem Professor selbst erwartet. Stattdessen werden an Vater, Mutter, Sohn stundenlange skurrile Untersuchungen durch eine zugleich skurril und rigide wirkende Laborantin durchgeführt.
Die Laborantin lässt die Familie über den Ablauf der Untersuchungen zunächst völlig im Unklaren, fordert lediglich dazu auf, Schuhe und Strümpfe auszuziehen. Erst als sie mit dem Abnehmen der Fußabdrücke fertig ist, liefert sie eine Erklärung nach: “Die Tücher bildeten, erläuterte die Laborantin, die jeweilige Hohlform, die in einem weiteren Arbeitsgang ausgegossen werde. Der so entstandene künstliche Fuß könne dann im Labor gründlich vermessen und ausgewertet werden.” Doch bei dieser Erklärung lässt sie es nicht bewenden, sondern es folgt wie eine witzig gemeinte Pointe die bizarre Bemerkung: “Schließlich, so die Laborantin, sei es ja nicht möglich, die zu begutachtenden Personen beziehungsweise ihre Körperteile tagelang auf den Schreibtisch des Freiherrn von Liebstedt zu legen.” Den Erzähler scheint das Verhalten der Frau zu befremden und er beschreibt und kommentiert: “Die Frau, die ihrer Arbeit bisher eher mit einer gewissen Strenge nachgegangen war, reagierte auf ihre eigenen Worte mit einem bellenden Gelächter, das sie ebenso abrupt wieder einstellte, wie es aus ihr herausgeplatzt war.”
Als der Vater nach dem Professor fragt, reagiert sie zuerst wieder wortkarg und kurz angebunden: “»Nein«, sagte die Laborantin. Dann schwieg sie, und auch der Vater schwieg.” Als der Vater etwas später ein zweites Mal nachfragt, wirkt ihre Antwort wie kalkuliert, einstudiert, dabei überheblich: Sie “schaute den Vater überrascht an, schnalzte ein wenig mit der Zunge, spitzte dann die Lippen wie ein trotziges Kind, ging betont langsam zu ihrem Schreibtisch, blickte in den aufgeschlagenen Kalender und sagte mit dünner Stimme, daß wir ohne Termin gar nicht hier wären und daß unser Termin mit dem Professor am Nachmittag sei.”
Ihr Verhalten scheint sich für den Jungen zu wiederholen, als sie beginnt seine Körpermerkmale zu erheben: “Die Laborantin musterte mich mit kühlem Blick und schnalzte auf die gleiche abschätzige Art mit der Zunge, wie sie schon einmal geschnalzt hatte.”
Überhaupt gibt es eine Fülle von Doppelungen, mit Variationen, in dieser Szene: Der Vater fragt zweimal nach dem Professor – die Laborantin reagiert jeweils unterschiedlich; zweimal schnalzt die Laborantin schnalzt mit der Zunge; zweimal ist es notwendig, dass Familienmitglieder dem Vater beim Aus- bzw. Ankleiden behilflich sind, am Anfang der Sohn, später die Mutter; zweimal sagt die Laborantin “bitte einer nach dem anderen”. Dass die Laborantin simultan die Bauchfalte des Sohnes festkneift und gleichzeitig in ihren Unterlagen herumliest, könnte man auch zu den Doppelungen zählen; dieses Verhalten wiederholt sich ganz ähnlich später beim Professor, der mit der einen Hand den Kopf des Jungen abtastet, mit der anderen Hand raucht.
Kern der Szene aber ist die groteske Beschreibung der zwei Füße des Vaters, die sich “insgesamt zwar nicht von den Füßen anderer Menschen unterschieden, […] [die] sich aber, jeder für sich genommen, voneinander unterschieden”:
“Der rechte Fuß war ein eher fleischiges, muskulöses Organ mit kurzen, kräftigen Zehen, die sich wie der ganze Fuß geschmeidig und fest auf den Boden drückten. Der linke Fuß dagegen war schlank, knochig und ein wenig gewölbt, mit ebenso knochigen und fast krallenartigen Zehen. Seltsamerweise waren auch die Nägel am linken Fuß nicht so kurz geschnitten wie die des rechten Fußes, so daß der krallenartige Eindruck noch verstärkt wurde.”
Der Vergleich mit “Krallen” erinnert an den Begriff der “Tierohrspitzen” im Bildervergleichsgutachten. Der Körper, insbesondere einzelne Körperteile, erinnern an Tiere und wirken damit fremdartig losgelöst von der eigenen Person. Dass dem Sohn die Füße des Vaters fremd erscheinen müssen, ist klar, wenn es das erste Mal in seinem Leben ist, dass er sie sieht, und wenn er ihnen dann auch gleich so nahe kommen muss. Mit der detaillierten Beschreibung gelingt es dem Sohn vielleicht erzählend wieder, den Abstand zum Körper des Vater zu vergrößern, nachdem seine Intimdistanz (die des Sohnes!) so unerwartet verletzt worden ist.
Die zwei unterschiedlichen Füße mögen auch symbolisch für die zwei Seiten der väterlichen Persönlichkeit stehen: der bodenständige Bauer und der weltmännische Unternehmer; der liebevolle Ehemann und der harsche Vater; der autoritäre Familienvorstand und der devot wirkende Klient in dem hierarchisch strukturierten Institut der Humangenetik.
Die Überlegungen, die der Sohn aus der Verschiedenheit der väterlichen Füße ableitet, lesen sich wie eine witzige Parodie auf die verschiedenen medizinischen Gutachten in der Erzählung. Dem Jungen fällt auf, dass die Laborantin nur jeweils Abdrücke von den rechten Füßen der Familienmitglieder abnimmt, was ihm aus wissenschaftlicher Sicht nicht einleuchtet. “Anscheinend genügte dem Laboratorium der Abdruck von jeweils einem Fuß. Die Laborantin, die nur mit unseren rechten Füßen beschäftigt war und unsere linken keines Blickes würdigte, ahnte schließlich auch nichts von dem enormen Unterschied zwischen dem rechten und dem linken Fuß des Vaters. Der Gipsabdruck seines rechten Fußes würde auf einen gänzlich anderen Menschen schließen lassen als der Gipsabdruck seines linken Fußes, und einen Moment lang überlegte ich, ob ich die Laborantin auf die Problematik hinweisen sollte.”
Er entscheidet sich dagegen, weil er sich in Kenntnis stochastischer Berechnungsmethoden klarmacht: “Wies ich nämlich die Laborantin auf die Füße des Vaters hin, dann verdoppelte sich die Wahrscheinlichkeit einer Verwandtschaft. Hatte das Findelkind 2307 keine kräftigen fleischigen Füße mit platten kurzen Zehen, dann hatte es sicherlich knochige und gebogene Füße mit krummen langen Zehen. Lägen beide Fußabdrücke des Vaters vor, könnten sich die Gutachter den passenden Fuß aussuchen. Damit aber war so gut wie sicher, daß ich in Zukunft mein Leben mit Arnold zu teilen hatte. Ich wollte aber mein Leben nicht mit Arnold teilen. Ich wollte überhaupt nichts mit Arnold teilen.” Auch hier geht es um Verdoppelung. Die Überlegungen zur Wahrscheinlichkeit, das Findelkind 2307 als Blutsverwandten akzeptieren zu müssen, in Abhängigkeit davon, welcher der väterlichen Füße für den Abdrucksvergleich herangezogen wird, werden später wieder aufgenommen, als der Sohn vom Wartezimmer aus die Laborantin beobachtet,

“die sich mit den inzwischen ausgegossenen Fußformen beschäftigte. […] Sie war gerade dabei, die Fußsohle des Vaters einschließlich der Zehen und Ferse mit einer dunkelblauen tintenartigen Lösung zu bestreichen. Dann nahm sie den mit Farbe bestrichenen Fuß wie einen Stempel in die Hand und drückte ihn auf ein großes weißes Blatt. Sie betrachtete das Ergebnis ihrer Arbeit und war ganz offensichtlich zufrieden damit, denn nun nahm sie sich den Fuß der Mutter und schließlich meinen Fuß vor. Sowohl der Fuß der Mutter als auch mein Fuß verursachten größere Schwierigkeiten. Beide konnte sie nicht einfach als Stempel benutzen, sondern mußte, nach erneutem Bestreichen mit der Lösung, von den verschiedenen Fußpartien jeweils Einzelabdrücke machen. Hätte sie den linken, weniger platten Fuß des Vaters als Vorlage gewählt, dann hätte sie auch diesen nicht einfach wie einen Stempel auf das Papier drücken können. Im Zweifelsfall, dachte ich mir, wird die Laborantin ihre Gipsabdrücke also eher von den platten Füßen machen, um sich die Arbeit zu erleichtern. Was natürlich auch heißt, daß Findelkinder mit platten Füßen eine insgesamt größere Chance haben, als blutsverwandte Kinder identifiziert zu werden. Ich hätte mit meinen Füßen, die eher nach dem linken, also hohlen und krummen Fuß des Vaters geraten waren, demzufolge weniger Chancen, mit meinen Eltern wieder zusammengeführt zu werden. Zum Glück war ich kein Findelkind. Zum Glück war 2307 das Findelkind, und ich konnte immer noch hoffen, daß auch das Findelkind 2307 eher hohe und krumme als platte und fleischige Füße hatte.”

Dass er mit seinem passiven Widerstand, seiner Unterlassung, selbst Schicksal spielt und die wissenschaftlichen Methoden quasi sabotiert, will er nicht auf sich sitzen lassen. Zum einen argumentiert er mit seiner Angst vor dem Vater: “Ich tat es nicht, und dies zuallererst aus Furcht vor dem Vater. Schließlich neigte er zum Jähzorn, überdies hatte ich bereits während der Autofahrt für einige Verstimmungen gesorgt.” Zum anderen schiebt er die Verantwortung auf die Laborantin, wobei er ihr die Rolle der “Schicksalsgöttin” überträgt: “Darum schwieg ich und ließ dem Schicksal seinen Lauf. Schicksalsgöttin war die Laborantin, und die hatte sich für Vaters rechten Fuß entschieden.”
Es bleibt festzuhalten, dass der Sohn sich erstmals durch sein Handeln in die Suche nach Arnold einmischt und Widerstand leistet, wenn auch nicht aktiv, aber aus seiner Perspektive durchaus möglicherweise folgenreich.

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