Treichel: Der Verlorene

Schwäche des Vaters – Stärke der Mutter

Offenkundig ist auf den ersten Blick der Vater der Starke: Er baut sich zum dritten Mal eine Existenz auf, er entscheidet, er tendiert zum Jähzorn und sein Sohn fürchtet ihn. Die Mutter ist die Leidende, Trauernde, sie weint, zittert, schwächelt, schweigt, dient dem Vater als Hilfskraft bei der schweren Arbeit, aber entscheidet und bewegt vordergründig nichts.

Doch es gibt auch diese Situationen:

“Er deponierte das Geld am Nachmittag in einer leeren Zigarrenkiste auf dem Küchentisch, und die schwermütige Mutter warf es am Abend, noch ehe der Vater einschreiten konnte, in den brennenden Küchenherd. Sie wolle keinen Admiral, sagte die Mutter. Sie wolle ihr Kind. Dann setzte sie sich an den Tisch und sagte nichts mehr; nur ihr Kopf zitterte wieder, wie er schon einmal gezittert hatte. Hätte ich die Untat begangen, der Vater hätte mich gewiß halbtot geprügelt. Die Mutter aber rührte er nicht an. Er schrie nicht einmal, sondern besann sich, griff nach der Brikettzange und holte so viele der brennenden Hundertmarkscheine aus dem Feuer, wie er nur greifen konnte. Einen Teil des Geldes konnte er retten, die Bank ersetzte ihm alle die Scheine, die nur bis zu einem gewissen Teil verbrannt und eindeutig zu identifizieren waren. Der Rest, ungefähr ein Drittel der Summe, war verloren, doch bewahrte er noch lange die Aschereste in einem Einmachglas auf. Ich habe seit diesem Vorfall den Vater nie wieder mit der Mutter streiten hören.

“Ein Bauer aus Rakowiec hatte normalerweise auch keinen Termin bei einem Professor Dr. phil. et med., und schon gar nicht bei einem, der zudem noch ein Freiherr war, und so konnte ich am nächsten Morgen bei dem doch überaus selbstsicheren Mann zum ersten Mal eine Art Lampenfieber bemerken. Der Vater war nervös wie ein Prüfling, und die Mutter versuchte ihn zu beruhigen, indem sie ihm die Krawatte band, ihm in den Anzug und in die Schuhe half. Sie machte aus dem Bauern einen Geschäftsmann, und dieser verlor erst dann wieder etwas von seiner Unruhe und Unsicherheit, als er im korrekten grauen Anzug, mit Mantel und Hut auf die Straße trat und mir und der Mutter mit festen Schritten in Richtung Gerichtslaboratorium vorausging.”

“»Und nun«, sagte die Laborantin, »machen Sie sich bitte frei. Aber einer nach dem anderen.« Als wenn wir uns danach gedrängt hätten, uns vor der Laborantin freizumachen. Das Gegenteil war der Fall. Ich ließ dem Vater den Vortritt, und der Vater ließ der Mutter den Vortritt, die dann auch mit der Laborantin hinter einem Vorhang verschwand.

“Kurz bevor wir die Autobahn verließen, um das letzte Stück auf der Landstraße zurückzulegen, übermannte den Vater eine Art Tobsuchtsanfall, der dazu führte, daß er Schmerzen in der Brust bekam und den Wagen anhalten mußte. Statt seiner setzte sich die Mutter ans Steuer und versuchte zugleich den Vater zu beruhigen, der sich trotz seiner Brustschmerzen weiter über die, wie er meinte, gänzlich überflüssige Fahrt nach Heidelberg empörte.”

“Die Mutter hatte vom Tag der Beerdigung an die Geschäfte des Vaters weitergeführt. Sie war nun genauso streng, wie der Vater einst gewesen war. Die Fahrer nannten sie Chefin, die Lieferanten hatten Respekt vor ihr, die Kundschaft verehrte sie […]”

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