Treichel: Der Verlorene

In der Kantine – der Leichenwagenfahrer

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 19:
“Alle Tische waren besetzt, so daß wir uns zu einem einzelnen Mann setzten, der gerade dabei war, seinen leeren Teller von sich zu schieben und eine Bierflasche zu öffnen. (…) »Zum Freiherrn von Liebstedt«, sagte der Vater, worauf der Leichenwagenfahrer erwiderte, als kenne er sich bestens mit dem Freiherrn aus: »Dann sollten Sie sich nicht verspäten.«” (S. 97-107)

In der Kantine – der Leichenwagenfahrer

In der Laborkantine des Gerichtsanthropologischen Laboratoriums setzt sich die Familie zu einem Mann an den Tisch, der sich als Fahrer des zuvor schon erwähnten Leichenwagens entpuppt.
In Thomas Bernhardscher Manier lässt der Erzähler in indirekter Rede den Leichenwagenfahrer salbadern, wobei dieser zuerst seine berufsbedingte Vertrautheit mit den Heidelberger Institutionen und deren Kantinen thematisiert. Hier werden auch umgangssprachliche Geschwätzigkeitsfloskeln mit in die indirekte Rede übernommen, wie z.B. “Er komme halt viel herum”, ” das wäre ja noch schöner”, “man glaube gar nicht”. Der Mann vergleicht wortreich und sich ständig wiederholend das Speiseangebot verschiedener Kantinen:

“Während es in den anderen Kantinen zumeist Leberkäse mit Spiegelei oder ähnliches gebe, habe er bei den Finanzbeamten noch kein einziges Mal Leberkäse mit Spiegelei auf der Speisekarte gesehen. Auch Hühnerfrikassee oder Brathering, was in den anderen Kantinen fast täglich angeboten werde, gebe es in der Oberfinanzdirektion nicht. Er jedenfalls habe während seiner gesamten Oberfinanzdirektionszeit noch niemals Leberkäse mit Spiegelei beziehungsweise Brathering oder Hühnerfrikassee gegessen. Und er habe auch noch nie gesehen, daß die Finanzbeamten etwas in der Art gegessen hätten. Die Finanzbeamten würden ganz andere Dinge essen, Cordon bleu zum Beispiel oder Rosenkohl mit gebräunter Butter und Prager Schinken oder überbackene Ananas mit Käsescheiben und Chicorée. Cordon bleu etwa habe er in noch keiner anderen Kantine entdeckt, die Kantine der Oberfinanzdirektion sei die einzige, in der man Cordon bleu essen könne, was in gewisser Weise auch seine Lieblingsspeise sei. Wenn Cordon bleu auf der Speisekarte stehe, dann bestelle er Cordon bleu. […] Das nächste Mal, sagte der Mann, sollten wir in der Oberfinanzdirektion essen.”

Diese Empfehlung verliert aber sofort an Relevanz, als der Erzähler feststellt, dass auf der “Speisekarte, […] von allen Speisen, die der Mann eben erwähnt hatte, keine einzige zu entdecken war”, und als der Leichenwagenfahrer einräumt, “[e]r selbst würde allerdings nicht mehr dort essen, weil es dort Schwierigkeiten wegen seines Wagens gegeben habe.” In die indirekte Rede werden nunmehr – wieder in indirekter Rede – die Äußerungen der “Beamten der Oberfinanzdirektion” hineingeschachtelt, “die meinten, daß es für das Ansehen des Finanzamtes nicht förderlich sei, wenn dauernd ein Leichenwagen vor dem Gebäude stehe. Das Ansehen des Finanzamtes und speziell auch der Oberfinanzdirektion sei insgesamt ja nicht das beste, und der Leichenwagen, so habe es ihm einer der Beamten ins Gesicht gesagt, würde den Ruf der Oberfinanzdirektion nachhaltig schädigen.” Schließlich zitiert der zitierte Finanzbeamte auch noch die mutmaßliche Sicht des Steuerzahlers: “Für den Steuerzahler seien die Finanzbeamten nichts anderes als Blutsauger und Straßenräuber. Er hatte sich beides schon anhören müssen, hatte der Finanzbeamte gesagt, und er und seine Kollegen wollten sich nun nicht auch noch anhören, daß sie Leichenfledderer seien.” Durch die verschachtelte indirekte Rede wird die distanzierte Haltung der Eltern verstärkt, die den Reden des Fahrers, während sie sich den Schweinenacken aus der Kantine einverleiben (vgl. auch das Schweinehirnessen) mit höflichem Desinteresse begegnen. Die einzige Bemerkung, die der Vater fallen lässt, einer seiner typischen Sprüche, “‘Das letzte Hemd hat keine Taschen'”, ermuntert den Leichenwagenfahrer sodann über Leichenhemden und deren Taschen zu fachsimpeln.
Bevor er sich am Ende schließlich über die Effektivität des neuen Heidelberger Krematoriums auslässt, erwähnt der Erzähler, dass er sich die Zeit damit vertreibt, den Leichenwagenfahrer einer detaillierten Betrachtung zu unterziehen:

“Ich war allerdings mehr an seinem Gesicht und seinem Aussehen interessiert, aus dem ich die Spuren seines Berufes herauszulesen suchte. Ich suchte den Tod im Leichenwagenfahrer – oder wenigstens die Leiche. Der Tod hatte ein gerötetes Gesicht und bräunliche Zähne mit einer Lücke im Unterkiefer. Seine Haare waren streng nach hinten gekämmt, ohne Scheitel, und standen leicht über den Hemdkragen. Die Haare glänzten und waren ganz offensichtlich mit einer Frisiercreme behandelt worden. Der Tod benutzte eine Frisiercreme. Das gefiel mir nicht. Und mir gefiel auch nicht, daß die Koteletten des Mannes ebenfalls von Frisiercreme glänzten. Außerdem hatte er auf der Wange einen großen braunen Fleck, der mit einer rötlichen Kruste überzogen war. Ich bildete mir ein, daß es sich bei dem Fleck um einen Altersfleck handelte. Manche nannten diese Altersflecken auch Gruft- oder Grabflecken, und am deutlichsten konnte man sie auf den Händen alter Menschen sehen. Auch der Vater hatte schon einige dieser Grabflecken auf seinen Händen. Aber er hatte noch keinen im Gesicht. Die Blutkruste auf dem Grabfleck des Leichenwagenfahrers war noch ziemlich frisch. Wahrscheinlich hatte der Mann an dem Fleck herumgekratzt, möglicherweise hatte er sogar versucht, ihn abzukratzen. Der Leichenwagenfahrer, der für einen Grabfleck von dieser Größe noch viel zu jung war, hatte Angst vor dem Tod, dachte ich mir und fixierte weiterhin seine Wange, was diesen wiederum beflügelte, mit seinen Erzählungen fortzufahren.”

Dieser als derart abstoßend beschriebene Mann ergeht sich daraufhin – Höhepunkt seiner Tirade – in der Wiedergabe einer grotesk-widerlichen Krematoriumsanekdote, die die Leistungsfähigkeit der Verbrennungsöfen unterstreichen soll: “Um ihm zu demonstrieren, wie sauber, perfekt und hygienisch seine Verbrennungsöfen arbeiteten, habe der Direktor dann eines der Knöchelchen in den Mund genommen und darauf herumgebissen und ihn, den Leichenwagenfahrer, gefragt, ob er es auch einmal versuchen wolle. Dabei habe der Krematoriumsdirektor ihm eines der Knöchelchen in die Hand gedrückt und, während er selbst weiter auf seinem Knochen herumgebissen habe, immer wieder gerufen: »Probieren Sie mal! Probieren Sie mal!« Er habe aber dankend abgelehnt, sagte der Leichenwagenfahrer, alles habe seine Grenzen, obwohl er keinen Zweifel daran hatte, daß die Öfen absolut hygienisch arbeiteten.”

In seinem Aufsatz “Die Grammatik des Verlust” kommentiert Amir Eshel diese Szene folgendermaßen: “Während das Krematorium die Gegenwart und Nachwirkung der Shoah unmißverständlich evoziert, bleibt der Erzählmodus auch hier frei von jedem moralisierenden Ton. Wie bei der Persiflage der Rassentheorie, bildet auch dieses literarische Bild keine bloße Darstellung politischer oder sozialer Wirklichkeit. Vielmehr laufen Bild und Rhetorik auf die Verkehrung von pompösen Gesten, auf das Entblößen des leeren Sprechens von der Notwendigkeit des Neinsagen hinaus: Auf das Angebot des Direktors, ‘Knöchelchen’ zu kauen und somit, metaphorisch, die zivilisatorische Grenze zu überschreiten, antwortet der quasi aufgeklärte Leichenwagenfahrer entsprechend mit der hohlen Formel: ‘alles hat seine Grenzen.’“

In der Wikipedia wird zusammengefasst:
“Der Roman berührt aus der Sicht des kindlichen Erzählers eine Reihe von Themen der Nachkriegszeit, ohne diesen systematisch nachzugehen. Da sind zunächst Vertreibung und Flucht aus dem Osten, die Vergewaltigungen durch russische Soldaten und der Verlust von Angehörigen. (…) Auch die Körpervermessungen und das Verhalten der Mediziner lassen Düsteres über deren Vergangenheit erahnen. (…) Aus der kindlichen Erzählposition erscheint dies jedoch so rätselhaft und verklausuliert, wie es den Kindern der Nachkriegszeit erschienen sein muss: als allgegenwärtiges, aber unverständliches Hintergrundrauschen. Das Grauen ist da, meist aber verklausuliert und grotesk.” (https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Verlorene_(Roman)#Themen)

Bezeichnend, dass die Eltern die Krematoriumsanekdote gar nicht mehr mitbekommen: “Die Eltern lächelten freundlich, hörten aber dem Mann nicht mehr richtig zu. Beide schienen sie müde vom Essen und in schläfriger Stimmung zu sein. Dem Vater fielen sekundenlang die Augen zu, und die Mutter blickte wie so oft mit erschöpftem und zugleich ein wenig gehetztem Blick in eine entlegene Ferne.”
Der Lesende wird durch die Begegnung mit dem Leichenwagenfahrer emotional auf die nächste Szene vorbereitet: die Körpervermessungen durch Dr. phil. et med. Freiherr von Liebstedt, Professor für Anthropologie und Erbbiologie an der Universität Heidelberg und Leiter des Gerichtsanthropologischen Laboratoriums.

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