Treichel: Der Verlorene

Reise nach Heidelberg

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 17:
“Doch am selben Tag, an dem der Wagen auf den Hof rollte und neben dem Kühlhaus geparkt wurde, verfaßte er je ein Schreiben an das zuständige Jugendamt und an den Suchdienst des Roten Kreuzes, in dem er ein anthropologisch-erbbiologisches Abstammungsgutachten beantragte. (…) Das Laboratorium befand sich in einem aus mehreren Gründerzeitvillen bestehenden Gebäudekomplex.” (S. 82-87)

Reise nach Heidelberg

Nach den bislang weitgehend ergebnislos verlaufenen Verfahren, die die Verwandtschaft mit dem Findelkind 2307 klären sollen – dem Fingerabdruck- und Blutvergleich sowie dem Bildervergleich – nimmt die Familie nun einen dritten Anlauf: Gegen den Widerstand des Jugendamts klagt der Vater das Recht auf ein anthropologisches-erbbiologisches Abstammungsgutachten ein.
In diesem Textausschnitt werden Themen aus der vorangegangenen Handlung wiederholt und variiert. Das Jugendamt tritt wieder als Gegenspieler auf, wobei für die Argumentation der Behörde bezeichnend ist, dass sie einen negativen Ausgang des Abstammungsgutachtens bereits als unausweichlich vorhersieht:

“[… ] das zuständige Jugendamt aber wollte, wie es den Eltern schrieb, das Mündel mit der Kennziffer 2307 vor weiteren Enttäuschungen bewahren, schließlich sei mit ihm schon einmal ein anthropologischerbbiologisches Abstammungsgutachten durchgeführt worden, welches sich, wie schon gesagt, seelisch nicht gut auf den Jungen ausgewirkt habe. Speziell die im Rahmen des gutachterlichen Verfahrens vorgenommene Gegenüberstellung mit den möglichen Eltern habe ihn außerordentlich belastet. Inzwischen habe er sich aber, so das Jugendamt, mit seinem Schicksal abgefunden, und ein weiteres negatives Gutachten würde den Jungen nur erneut beunruhigen.” (S. 83)

Die Aussicht auf weitere Schritte führt zur Verbesserung des mütterlichen Gesundheitszustands; wieder wird gezeigt, wie abhängig die Mutter davon ist, dass immer wieder neue Maßnahmen unternommen werden: “Seit der Untersuchungstermin den Eltern mitgeteilt worden war, besserte sich der Zustand der Mutter. Das Zittern des Kopfes verschwand, sie sprach wieder mehr und lachte sogar gelegentlich, sie freute sich auf die Reise nach Heidelberg, und sie freute sich nun auch über den Admiral, der uns dorthin bringen sollte.” (S. 84)
Der Sohn kann erwartungsgemäß diese Freude nicht teilen, seine Reisekrankheit ist erneut Thema – mit der Variation, dass er dieses Mal vor der Fahrt Medikamente erhält, die das Erbrechen erfolgreich verhindern, “[a]nscheinend wirkten sie wie eine Schutzimpfung. Ich wurde gegen die Reise nach Heidelberg geimpft, und ich hatte das Gefühl, daß ich auch gegen Arnold geimpft wurde” (S. 85), die aber letztlich doch nicht wirksam sind, weil sich sein inneres Aufbäumen über den Weg der Neuralgie trotzdem wieder Bahn bricht.
Das Verhalten des Vaters wird nicht nur neutral geschildert, sondern auch kommentiert. Aus der Perspektive des Sohnes, bzw. des rückblickenden Erzählers, scheint der Vater dessen Reisekrankheit als Undank zu begreifen. Bei der Ankunft in Heidelberg nimmt der Sohn beim Vater eine deutliche Unsicherheit wahr: “[S]o konnte ich am nächsten Morgen bei dem doch überaus selbstsicheren Mann zum ersten Mal eine Art Lampenfieber bemerken. Der Vater war nervös wie ein Prüfling […]”. (S. 86)
Er erklärt sich dieses Verhalten damit, dass der Vater in einer ihm ungewohnten Rolle auftritt (“Ein Bauer aus Rakowiec hatte normalerweise auch keinen Termin bei einem Professor Dr. phil. et med., und schon gar nicht bei einem, der zudem noch ein Freiherr war […]” (S. 86)) und die Mutter muss ihm helfen, sich vom Landwirt zum weltgewandten Familienoberhaupt zu verwandeln: “[D]ie Mutter versuchte ihn zu beruhigen, indem sie ihm die Krawatte band, ihm in den Anzug und in die Schuhe half. Sie machte aus dem Bauern einen Geschäftsmann, und dieser verlor erst dann wieder etwas von seiner Unruhe und Unsicherheit, als er im korrekten grauen Anzug, mit Mantel und Hut auf die Straße trat und mir und der Mutter mit festen Schritten in Richtung Gerichtslaboratorium vorausging.” (S. 87) Dass der Sohn den Vater so distanziert und mit psychologischem Gespür beobachten kann, mag als Hinweis darauf gewertet werden, dass er inzwischen älter und reifer geworden ist und den Vater differenzierter und als weniger bedrohlich wahrnimmt.
Mit dem pompösen Titel des Experten in Heidelberg, “Dr. phil. et med. Freiherr von Liebstedt, Professor für Anthropologie und Erbbiologie an der Universität Heidelberg und Leiter des Gerichtsanthropologischen Laboratoriums” (S. 83-84), deutet sich schon an, dass sich auch der folgende Untersuchungsprozess wieder als Farce herausstellen wird, der die Eltern ihrem Ziel nicht näher zu bringen vermag.

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