Treichel: Der Verlorene

Der Admiral

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 16:
“Es dauerte viele Wochen, bis die Fraktur so weit verheilt war, daß die Mutter wieder ihren täglichen Verrichtungen nachgehen konnte. (…) Den Admiral kaufte er trotzdem.” (S. 80-82)

Der Admiral

Der Erzähler teilt uns mit, dass die Mutter “ihre Zeit im Krankenhaus mit nichts anderem verbracht [hatte], als an die Vergangenheit zu denken, den Krieg, die Flucht und das Schreckliche, das ihr zugestoßen war.” (S. 80) Woher der Erzähler das weiß, erfahren wir nicht. So wirken diese Sätze, wie von einem auktorialen Erzähler ausgehend.
Vergleicht man den Umgang der Eltern mit der Vergangenheit, so zeigt sich ein wesentlicher Unterschied: Während die Mutter sich zwanghaft mit dem Vergangenen dauerbeschäftigt, schließt der Vater eher die Vergangenheit aus seinem Leben aus und unternimmt einiges, um Gedanken und Erinnerungen zu verbannen, indem er Erinnerungsorte vernichtet (vgl. Umbau des Hauses, Kühlhaus).

Für ihn scheint zunächst die Suche nach Arnold mit dem unbefriedigenden Gutachten beendet zu sein. Das Ergebnis des Gutachtens hat zunächst zu vermehrtem Streit zwischen den Eltern geführt und zu einem besessenen Arbeitseifer, der zumindest die Mutter physisch überfordert hat. Nun scheint ihre schwere Erkrankung beim Vater eine Verhaltensänderung zu bewirken: “Der Vater suchte sie aufzumuntern, er machte ihr Geschenke und überraschte sie damit, daß er ihr einen Autokauf ankündigte.” (S. 80) Dass er damit wenig Empathie zeigt, deutet sich dem Leser bald an. Er tätigt den Autokauf, ohne dies mit der Familie zu besprechen, und nimmt an, dass der mit dem neuen Wagen verbundene gesellschaftliche Statusgewinn nicht nur für ihn, sondern für alle Familienmitglieder mit gelte: “Mit dem Wagen beförderte er gewissermaßen sich selbst vom Kapitän zum Admiral, und er glaubte, auch die Familie damit auszeichnen zu können.” (S. 80)
Der Eindruck seiner durch und durch materialistischen Haltung wird noch durch die Schilderung seiner Zahlungsgewohnheiten verstärkt:

“Nun war der Wagen beim Händler eingetroffen, er mußte nur noch bezahlt und abgeholt werden. Der Vater wollte den Wagen bar bezahlen. Auch das Fleisch, das er beim Bauern kaufte, bezahlte er bar, schließlich hatte er auch in Rakowiec, wenn er auf den Viehmarkt gegangen war, seine Geschäfte in bar abgewickelt. Barzahlung war Ehrensache und brachte einen auf handgreifliche Weise sowohl in den Besitz der Dinge, die man erwarb, als auch um das Geld, das man dafür opfern mußte. Wäre es nach dem Vater gegangen, hätte er seine Geschäfte ausnahmslos in bar abgewickelt. Besonders bei der Lohnauszahlung hätte er es vorgezogen, den Fahrern am Monatsende ihren Lohn direkt aus einer Geldkassette in die Hand zu zählen, statt das Geld auf ein Konto zu überweisen. Auch das Geld für den Admiral wollte der Vater dem Autohändler direkt in die Hand zählen.” (S. 80-81)

Diese Eigenart führt nun zum Eklat: Die Mutter rebelliert offen dagegen, dass ihr Mann ihre eigentlichen Bedürfnisse so eklatant ignoriert und verkennt, indem er meint, er könne ihr mit einem neuen Auto etwas Gutes tun. Sie wirft das Bargeld mit den Worten “[S]sie wolle keinen Admiral […]. Sie wolle ihr Kind” (S. 82) ins Feuer.
Der Kommentar des Sohnes ist hier aufschlussreich in mehrfacher Hinsicht: Einerseits scheint er die Tat der Mutter mit den Augen des Vaters zu sehen. Er verurteilt ihr Handeln als “Untat“. Zugleich verwundert ihn die Reaktion des Vaters: “Hätte ich die Untat begangen, der Vater hätte mich gewiß halbtot geprügelt. Die Mutter aber rührte er nicht an.” (S. 82)
Die potenzielle Gewalttätigkeit des Vaters als Erzieher wird hier nur angedeutet, aber als Möglichkeit explizit formuliert. In der Erzählung gibt es keine weiteren Hinweise darauf, dass der Vater den Sohn selbst körperlich misshandelt. Doch an mehreren Stellen veranlasst der Vater oder nimmt billigend in Kauf, dass andere übergriffig werden und das Recht des Jungen auf Selbstbestimmung und Intimsphäre massiv verletzen (Kahlschlagfrisur, Laboruntersuchungen).
Der Junge vergleicht hier die Beziehung des Vater zur Mutter mit der Beziehung seines Vaters zu ihm selbst. Für die Mutter ist der Vater sogar bereit, über seinen Schatten zu springen: “Er schrie nicht einmal, sondern besann sich, griff nach der Brikettzange und holte so viele der brennenden Hundertmarkscheine aus dem Feuer, wie er nur greifen konnte.” (S. 82) Zwar rettet er einen Teil des Geldes. Und er kauft später den Admiral trotzdem. Aber im Verhältnis der Eltern zueinander verändert sich etwas: “Ich habe seit diesem Vorfall den Vater nie wieder mit der Mutter streiten hören.” (S. 82) Details im Umgang des Vaters mit dem Vorfall wirken auf den Leser trotzdem ambivalent: Einerseits “bewahrte er noch lange die Aschereste in einem Einmachglas auf”, andererseits wird “das verbrannte Geld […] nie wieder erwähnt” (S. 82). Er bewahrt also eine Erinnerung an den Vorfall bewusst auf, wobei die Asche in einem Einmachglas an eine Urne erinnert, und es stellt sich die Frage, ob dieses Verhalten eine Wende in seinem Umgang mit Vergangenem bedeutet oder ob sich damit lediglich wieder die geldaffine Haltung Vaters manifestiert. Gleichzeitig wird das Thema in der Familie totgeschwiegen.

Die Bedeutung dieser gesamten Szene für die Erzählung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Mutter rebelliert erstmals offen und hat Erfolg damit; der Sohn kommentiert zunehmend kritischer das Verhalten der Eltern; seit dem Bau des Kühlhauses, scheinen Macht und Erfolg des Vaters angekratzt, erst bricht die Mutter mit Schädelfraktur zusammen, dann revoltiert sie und verbrennt das Geld, mit dem er ihr ein Geschenk bereiten will. Weitere Rückschläge werden vorstellbar. Assoziationen zum Turmbau von Babel, dem Märchen “Vom Fischer und seiner Frau” oder zum Spiel Monopoly und dem bekannten Befehl “Gehe zurück auf Los” liegen nahe.
Die Geldverbrennung, das Symbol des Feuers, der Hitze und Zerstörung, steht im Kontrast zum Bau des Kühlhauses, Symbol für Kälte und Konservierung von Lebensmitteln. Beides, Verbrennen und Kühlhalten, lässt aber zugleich an Tod und Bestattung denken. Auch das Zittern der Mutter nach der Geldverbrennung evoziert gleichzeitig Kälte und Schmerz.

Dass der Vater den Admiral am Ende trotzdem kauft, liest sich wie eine witzige, lakonische Pointe.

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