Treichel: Der Verlorene

Das Kühlhaus

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 15:
“Während sich die Mutter nur schwer vom Ergebnis des Gutachtens erholte, kümmerte sich der Vater um so mehr um das Geschäft. (…) Eines Abends, der Vater war nicht »auf Tour« gewesen und hatte den Tag mit Büroarbeiten verbracht, erlitt die Mutter einen Schwächeanfall und stürzte so unglücklich auf den Küchenboden, daß sie sich eine Schädelfraktur zuzog. ” (S. 75- 80)

Das Kühlhaus

Das Ergebnis des Gutachtens hat negative Auswirkungen auf die Beziehung der Eheleute. So muss der Junge “jetzt des öfteren erleben, wie er [der Vater] mit der Mutter in Streit geriet. Der Streit endete zumeist mit einem Wutanfall des Vaters, mit Gebrüll und Türenschlagen und immer wieder mit dem Satz »Ich muß mich um das Geschäft kümmern!«” (s. 75).
Der Vater stürzt sich in die Arbeit, die Mutter unterstützt ihn dabei. Seine “kaufmännische Grundmaxime” (S. 75) lautet: “Stillstand ist Rückgang. Und Rückgang ist der Anfang vom Ende.” (S. 75-76) Sprüche dieser Art sind typisch für den Vater. Wie schon beim Umbau des Hauses wird alles platt gemacht, was an die Vergangenheit erinnern könnte: “Eine »Polenwirtschaft« nannte der Vater die alten, schon ein wenig verfallenen Gebäude. Aber er hatte sie in dem Zustand gelassen, in dem er sie vorgefunden hatte, und dies wohl auch, weil sie ihn an seine bäuerliche Vergangenheit in Rakowiec erinnerten.” (s. 76) Auf die liebevolle, detailreiche Beschreibung des Areals

“Der Pferdestall mit den Kojen und den eisernen Haken, an denen noch brüchiges und mit einer mehligen Schimmelschicht überzogenes Pferdegeschirr hing, das Waschhaus mit dem steinernen Wasserkessel, der direkt befeuert werden konnte, die Zinkwanne, die nicht nur zum Wäschewaschen benutzt wurde, sondern auch der Familie als Badewanne gedient hatte, der Geräteschuppen mit den Arbeitsgeräten, den Harken, Sicheln, Sensen und dem mit einem Trittbrett zu bedienenden Schleifstein. Schließlich der Taubenschlag, in dem ein Dutzend Tauben nisteten, die der Vater mit Namen ansprach, wenn er ihnen das Futter ausstreute, und die ihn ebenfalls zu kennen schienen.” (S. 76)

folgt die kurze, brutale Zusammenfassung der Vernichtung: “All das wurde binnen einer Woche dem Erdboden gleichgemacht. Zuerst wurden die Tauben getötet, dann Pferdestall, Geräteschuppen und Waschhaus abgerissen.” (S. 77)
Kaum überraschend oder bemerkenswert die Arbeitsteilung: Der Vater leitet das Unternehmen, die Mutter macht sich nützlich und der Sohn wird mit der Entsorgung des Schutts beauftragt.

“Der Vater dirigierte die Arbeiten, die Mutter stand mit Gummistiefeln in den Trümmern und machte sich nützlich, wo immer es ging. Meine Aufgabe bestand darin, den Schutt mit abzuräumen. Ich füllte tagelang Eimer um Eimer mit Bauschutt und trug alles zur Verladestelle an der Hofeinfahrt.” (S. 77)

Das Unternehmen entsorgt Vergangenheit und Erinnerung, der Sohn muss die Müllabfuhr erledigen. Übrig bleibt für einige Zeit Staub:

“Während des Abrisses war das gesamte Gelände in Staub gehüllt, und der Staub wollte auch dann noch nicht abziehen, als auch die letzten Reste des Bauschutts auf Lastwagen verladen und abtransportiert worden waren. Der Staub war auf der Haut, in den Kleidern, im Mund und in den Augen. Er schmeckte nach Stroh, nach getrocknetem Mist, nach Erde und Tieren, und ein wenig schmeckte er auch nach dem Futter, das der Vater den Tauben in den Schlag gestreut hatte.” (S. 77-78)

Unwillkürlich denkt man an Redewendungen wie “Staub aufwirbeln”, “Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub”, “sich aus dem Staube machen” usw. Der Staub vernebelt alles, das Vergangene lässt sich nicht so ohne Weiteres beseitigen, der Staub bleibt, bleibt länger als erwartet, lässt Erinnerungen aufflackern, bis er sich irgendwann doch verzieht. Dann wird “auch das anliegende Gartengelände bis auf die Grenzmauer und eine Buchenhecke planiert und für die Ausschachtungsarbeiten vorbereitet.” (S. 78)
Die Eltern haben es eilig, alle beide: “Der Vater drängte den Architekten und die Baufirma zur Eile, die Mutter schien es auf ihre Weise ebenfalls eilig zu haben, das Kühlhaus zu errichten.” (s. 78) Solange beide in Bewegung sind, ein Ziel haben, können sie alles andere verdrängen, sie betäuben sich mit Arbeit. Das Ziel ist der Bau eines Kühlhauses – symbolisch genug: Die Assoziationen, die der Bau eines Kühlhauses weckt, umfassen alles, was mit Kälte und fehlender Wärme zu tun hat ebenso, wie mit dem Lagern von toten Tieren, Leichen.
Tatsächlich hat der Vater zunächst Erfolg mit dem Kühlhaus: “Die Investition hatte sich gelohnt, das Kühlhaus verschaffte dem Vater einen Vorsprung vor den Konkurrenten. Er konnte längerfristig planen, großzügiger disponieren, die Preisschwankungen nutzen und darüber hinaus einen Teil der Lagerfläche an andere Händler vermieten, die ebenfalls Kühlungsbedarf, aber kein eigenes Kühlhaus hatten. Das Geschäft florierte so gut, daß der Vater es mit der Zeit auf sechs Lieferwagen und ebenso viele Fahrer brachte, die in seinem Auftrag Bestellungen aufnahmen und auslieferten. Meist war der Vater selbst mit einem der Fahrer unterwegs. Er ging »auf Tour«, wie er es nannte.” (s. 79) Ahnt der Lesende hier schon, dass dieser Weg des Wachstums, dieses ausschließlich zielorientierte Vorwärtsstreben, koste es, was es wolle, langfristig zu einer Katastrophe führen wird?
Jedenfalls lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch an der gesteigerten Mobilität und Umtriebigkeit des Vater der momentane Geschäftserfolg ablesen.
Doch eines “Abends, der Vater war nicht »auf Tour« gewesen und hatte den Tag mit Büroarbeiten verbracht, erlitt die Mutter einen Schwächeanfall und stürzte so unglücklich auf den Küchenboden, daß sie sich eine Schädelfraktur zuzog.” (S. 79-80)
Dass die Mutter gerade zu einem Zeitpunkt einen Schwächeanfall erleidet, wo der Vater zu Hause und nicht “auf Tour” ist, kann nicht unkommentiert bleiben. Der Erzähler hätte den Schwächeanfall der Mutter auch ohne die Information, dass der Vater zu Hause ist, erwähnen können. Warum ist es von Bedeutung, dass der Vater zu Hause ist? Handelt es sich um das sogenannte “Samstagsphänomen” – der Stress lässt nach, der Körper meldet sich zu Wort? Sind die Probleme zwischen den Eltern so groß, dass die räumliche Nähe wieder zu Streit (siehe Anfang des Textausschnittes) oder zumindest zu spürbaren Spannungen geführt hat?

Sicher ist: Die Schädelfraktur der Mutter ist die erste Katastrophe, die der Bau des Kühlhauses nach sich zieht.

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