Treichel: Der Verlorene

In den Bauch zurückdrücken

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 14:
“Die Eltern aber waren weder beruhigt noch enttäuscht, sondern verzweifelt. (…) Bleich und schattenhaft stand die Mutter vor mir, als wäre ihr alles Blut aus dem Körper geflossen.” (S. 73-75)

In den Bauch zurückdrücken

Die Verzweiflung bringt die Mutter dazu, ihren Zweitgeborenen häufiger in die Arme zu schließen. Doch ist dies keine Bekundung von Zärtlichkeit und Nähe, sondern es sind Umarmungen, die den Jungen quasi unsichtbar machen, sie bedeckt seinen “Kopf mit ihren Händen” (S. 73) und drückt ihn so sehr an ihren Bauch, dass sie ihm den Atem nimmt und ihn zum Schwitzen bringt, eine Reaktion, die bei den Körperuntersuchungen im weiteren Fortlauf der Erzählung (Textausschnitt 19) eine Rolle spielt und mit Scham, körperlicher Grenzüberschreitung und Ekel in Verbindung gebracht wird. Die Mutter drückt den Kopf des Jungen so an ihren Bauch, so dass er das Gefühl bekommt, sie wolle ihn “in ihren Bauch hineindrücken” (S. 74), was beim Lesenden die Assoziation weckt, sie wolle seine Geburt irgendwie rückgängig machen. Der Erzähler erwähnt, dass er in seiner Kindheit keine körperliche Nähe erfahren habe und nun auch keinen Bedarf mehr daran verspüre: “Früher hatte mich die Mutter nie gedrückt, und jetzt wollte ich nicht mehr gedrückt werden, ich kam sehr gut zurecht, ohne gedrückt zu werden.” (S. 74)

Das “Drücken” ist also mehr ein Drücken im ursprünglichen Wortsinn, ein Druckausüben, ein Quetschen und Pressen, und weniger eine Umarmung, ein In-die-Arme-Schließen, es ist “ein schweres, verzweifeltes, ein vom Beben und Erschauern ihres Körpers begleitetes Drücken” und der Erzähler wiederholt nochmals: “Je mehr die Mutter bebte und erschauerte, um so stärker drückte sie mich an ihren Bauch und fast in ihren Bauch hinein.” (S. 74) Auch das beschriebene Beben lässt an eine Geburt denken, man assoziiert mit dem Drücken und Beben Wehen.
Das Motiv, dass eine Geburt rückgängig gemacht wird, gibt es in der Literatur im Zusammenhang mit zurücklaufender Zeit (z.B. Martin Amis, Der Pfeil der Zeit). Man mag auch an die archaische Vorstellung denken, dass der Tod eine Rückkehr in den Mutterleib, zu Mutter Erde, bedeutet. Die übergriffige Umarmung mag also auch einen latenten Wunsch der Mutter, den Zweitgeborenen auszulöschen, ungeschehen zu machen, zu töten, andeuten.
Der Sohn wagt nicht, sich verbal gegen die Umarmungen zu wehren, doch einige Male gelingt es ihm, sich körperlich zu entziehen, was dazu führt, dass der Mutter scheinbar jedes Leben entweicht: “so daß die Mutter, schon mit halbgeschlossenen Lidern und ein wenig wie in Trance, ins Leere griff und dabei fast vornüberkippte. Dann fing sie sich wieder, riß die Augen auf, starrte in den leeren Raum, der sich zwischen ihr und mir aufgetan hatte, und mit einem Schlag wich alle Farbe aus ihrem Gesicht. Bleich und schattenhaft stand die Mutter vor mir, als wäre ihr alles Blut aus dem Körper geflossen.” (S. 75) Das heißt, der gescheiterte Versuch, den Sohn mittels symbiotischer Verschmelzung auszulöschen, hat den Effekt, dass die Mutter selbst wie ausgelöscht wirkt.

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