Treichel: Der Verlorene

Bildervergleichsgutachten

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 13:
“Nach ungefähr sechs Wochen erreichte die Eltern ein Brief des vom Jugendamt beauftragten Anthropologischen Instituts, in dem ein Professor Dr. med. Friedrich Keller aus Hamburg wissen ließ, daß der Vergleich zwischen Findelkind und gesuchtem Kind insofern schwierig sei, als vom gesuchten Kind nur ein Photo im Kleinstkindalter vorliege, welches zum einen, so der Professor, noch die allgemein kindlichen Prägungen aufweise und auf welchem zum anderen die weitgehend altersstabile Ohrregion nicht sichtbar sei, da das Gesicht des Kindes von einem Wolljäckchen umrahmt sei, welches die Ohren komplett verdecke. (…) Ich war beruhigt, auch ein wenig enttäuscht, aber mehr beruhigt als enttäuscht.” (S. 68-73)

Bildervergleichsgutachten

Der Bildervergleich stellt sich als schwierig heraus, weil es von Arnold kein Bild gibt, auf dem die Ohren zu sehen sind. Die Mutter und dann auch der Erzähler beklagen absurderweise das Fehlen der Ohren auf Arnolds Bild als Versäumnis, als schuldhafte Unterlassung der handelnden Personen, so als hätte man die Ereignisse vorausahnen müssen und bereits frühzeitig für potenzielle spätere Bildervergleichsgutachten bei dem Kleinkind an das Ablichten der Ohren denken müssen:

“Erst jetzt wurde auch den Eltern bewußt, daß der kleine Arnold mit verdeckten Ohren photographiert worden war. An die Ohren, sagte die Mutter, sei damals nicht gedacht worden. Schließlich sollte das Photo ja auch keine Vorlage für ein Gutachten werden, sondern eine Erinnerung an den ersten Geburtstag des Kindes. Niemand hatte auf die Ohren des Kindes geachtet, auch nicht der Photograph. Der Mann war mitsamt seiner Ausrüstung eigens aus der Kreisstadt Gostynin nach Rakowiec auf den Hof der Eltern gekommen, sogar die weiße Wolldecke hatte er mitgebracht, aber an die Ohren dachte auch er nicht. Nun fehlten sie und erschwerten die Untersuchung, was ich nicht ohne Schadenfreude zur Kenntnis nahm, denn letztlich war Arnold daran schuld, daß ich die Tortur der Rundumrasur und der Hinterkopfaufnahmen über mich hatte ergehen lassen müssen.”(S. 69-70)

An den Satz der Mutter, “[a]n die Ohren (…) ] sei damals nicht gedacht worden” (S. 69), der in der indirekten Rede wiedergegeben ist, schließt sich der Erzählerkommentar im Indikativ an, in dem die Klage wiederholt und erweitert wird, es wird aufgezählt, welcher Aufwand für das Foto betrieben wurde, die Anreise des Fotografen, das Mitführen der Ausrüstung und der weißen Wolldecke, um letztlich ein im Rückblick wertloses Foto zu schießen, ein Foto, das für ein Bildervergleichsgutachten nicht tauglich ist. So übernimmt der Erzähler scheinbar die Haltung der Mutter, und dadurch, dass das Fehlen der Ohren auf den Bildern mehrfach wiederholt wird, entsteht der Eindruck, dass auch der Erzähler diesen Umstand vorwurfsvoll markiert. Entweder nimmt der Erzähler hier die Perspektive des Jungen ein, der die Haltung der Mutter unkritisch übernimmt, oder der Erzähler karikiert die Haltung der Mutter bereits ironisch, wofür die folgende Erwähnung seiner Schadenfreude (“nicht ohne Schadenfreude”, Litotes) spricht.
Der weitere Text gibt Passagen des Gutachtens wieder, dazwischen werden die Reaktionen der Familienmitglieder darauf geschildert. Der Vater nimmt vorlesenderweise die Rolle des Vermittlers zwischen dem Gutachten und den beiden Zuhörern, der Mutter und dem Sohn ein. Die Mutter erhofft und erwartet eine möglichst große Übereinstimmung zwischen den verglichenen Personen und ist folglich bei jeder Formulierung, die etwas anderes andeutet, verzweifelt.
Schon als einleitend im Gutachten das Fehlen der Ohren auf Arnolds Bild vermerkt wird, reagieren die Eltern “außerordentlich bestürzt. Speziell die Mutter, die wochenlang an nichts anderes als an das Eintreffen des Gutachtens hatte denken können, reagierte mit einer Art Schockreaktion, als der Vater ihr die ersten Sätze des Gutachtens vorlas. Sie schlug die Augen nieder, stützte den Kopf in die Hände und schien nicht mehr ansprechbar zu sein. Nur ein Zittern des Kopfes verriet die Erregung, in der sie sich befand.” (S. 70)
Die pseudo-objektiv klingenden Sätze des Gutachtens, das insgesamt schwammig und ohne klare Aussage bleibt, wirken dann aber auf die Mutter ” etwas weniger pessimistisch” (S. 70), der Vater kommentiert im Sinne der Mutter und nimmt sie in den Arm, so dass sie sich etwas entspannt: “»Ihr ähnelt euch«, sagte daraufhin der Vater zur Mutter, die erst jetzt den Kopf aus ihren Händen löste und ihn ansah. Dann las er ihr noch einmal die Passage über die Lidspalte vor, setzte sich zu ihr, nahm sie in den Arm und drückte sie an sich. Die Mutter schwieg weiterhin, aber ich konnte sehen, wie das Zittern ihres Kopfes langsam nachließ und schließlich ganz verschwand.” (S. 71)
Als der dann folgende Ohrenvergleich zwischen dem Findelkind und der Familie jedoch in den vernichtenden Satz “Darum sei aus erbbiologischer Sicht eine Identität des gesuchten Kindes Arnold mit dem Findelkind 2307 »in hohem Maße unwahrscheinlich«” (s. 72-73) mündet, stürzt dies die Eltern erneut in Verzweiflung (siehe Textausschnitt 14).
Die Gefühle des Erzählers andererseits schlagen immer genau in die entgegengesetzte Richtung aus. Bei den detaillierten Ausführungen zur Form der Ohren (“Darüber hinaus bemerkte er »das Fehlen der Ausbuchtung der Helix in der Gegend der Tierohrspitze«, was die Eltern betrübt, aber ohne Kommentar zur Kenntnis nahmen. Ich dagegen war erleichtert, daß Tierohrspitzen oder ähnliches an mir nicht festgestellt worden waren.” (S. 72)) reagieren die Eltern “betrübt”, der Junge selbst jedoch “erleichtert”. Seine Erleichterung resultiert hier offensichtlich aus seiner verständlichen Unlust, Ohren zu haben, die irgendwie mit Tieren Ähnlichkeit hätten.
Für den Lesenden erschließt sich nicht, wie die Untersuchungsdaten zu dem Befund führen können, dass “eine Identität des gesuchten Kindes Arnold mit dem Findelkind 2307 »in hohem Maße unwahrscheinlich«” (S. 73) sei. Doch die Familie nimmt die Fragwürdigkeit der Schlussfolgerung nicht wahr. Jeder nimmt die Aussagen für bare Münze, jeder verarbeitet sie jedoch auf seine eigene andere Weise. Den Jungen jedenfalls beruhigt das Ergebnis einerseits, was andererseits unmittelbar wieder relativiert wird: “Ich war beruhigt, auch ein wenig enttäuscht, aber mehr beruhigt als enttäuscht.” (S. 73) – der Junge ist also nicht wirklich beruhigt, seine Gefühlle sind ambivalent. Worin die Enttäuschung jedoch begründet ist, wird nicht erläutert.
Das Familienleben ist ausschließlich auf das Gutachten fokussiert. Während der Vater die Mutter durch seine Umarmung emotional unterstützt, wird der Junge mit seinen Gefühlen völlig allein gelassen. Für die Eltern bleibt außerhalb jeder Vorstellung, dass eine belegbare Verwandtschaft mit dem Findelkind 2307 für den Zweitgeborenen eine existenzielle, emotionale Bedrohung darstellen könnte.

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