Treichel: Der Verlorene

Bildervergleich

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 12:
“Für den Bildervergleich benötigte man Photos der Eltern, von Arnold und mir. (…) Ob sie das vergleichende Bildergutachten beeinflußt haben, vermag ich nicht zu sagen.” (S. 63-68)

Bildervergleich

Die Tatsache, dass er im Fotoalbum der Familie im Gegensatz zu seinem verlorengegangenen Bruder Arnold so gut wie nicht präsent ist, ist immer wieder Thema.
Mit bitterem Unterton schildert der Erzähler, mit wie viel Nachdruck und Akribie nun das Erstellen von Fotos geplant wird, als es um die Beweisführung bei der Verwandtschaftsfrage geht: „Es hatte den Eltern vollkommen ausgereicht, daß ich auf den vorhandenen Familienphotos nur teilweise und manchmal so gut wie gar nicht zu sehen war. Nun kam alles darauf an, daß ich so deutlich wie möglich zu sehen war, was unter anderem bedeutete, daß ich in ein weißes Hemd mit Schillerkragen gesteckt wurde und mir der Vater eine Kurzhaarfrisur verordnete, die mich zu einer Art Lagerinsassen machte. Ich wurde gleichsam kahlgeschoren und dann von allen Seiten abgelichtet.“ (S. 66)
In mehrfacher Hinsicht wird die Würde des Jungen verletzt, das Fotografieren als solches ist bereits problematisch, der Erzähler schildert, dass der Junge das Ausstellen von Fotos im Schaukasten des Fotografen als eine Art Entblößung empfindet und das Vergilben und Altern der Fotos mit dem Tod assoziiert. Auch muss die Tatsache, dass die Bilder nicht etwa für das Fotoalbum gemacht werden, sondern letztlich um den ohnedies dauerpräsenten Phantombruder noch präsenter werden zu lassen, auf den Zweitgeborenen zutiefst demütigend wirken. Sodann liefert das Fotografieren dem Vater endlich den Grund, den Sohn vorher völlig kahl scheren zu lassen, so dass quasi Nacktfotos des Kopfes angefertigt werden. Schließlich geht es beim Fotografieren dann nicht einmal so sehr um Porträtfotos, sondern primär um Hinterkopf- und Ohrhinteraufnahmen.
Zur Thematik des Haareschneidens sei an dieser Stelle auf Sigmund Freuds Werk „Die Traumdeutung“ (Kapitel 6, Die Traumarbeit) verwiesen, wo ein Zusammenhang zwischen Kastration bzw. Kastrationsangst und dem Schneiden von Haaren konstruiert wird.
Dass der Schaukasten des Fotografen „ zu den festen Stationen gehörte, die ich ansteuerte, wenn ich mit dem Fahrrad meine Runden durch die Ortschaft drehte“ (S. 64), zeigt, wie faszinierend und irritierend zugleich das Thema Fotografie für den Jungen ist. Er fährt dort bewusst regelmäßig vorbei und macht sich nicht nur Gedanken über den Zusammenhang zwischen Fotografie, Zurschaustellung, Entblößung und Tod, sondern er erlegt sich wieder selbst Aufgaben auf, die er lösen muss, wie bei seinen einsamen Sonntagen zu Hause, hier das Erkennen von Gesichtern im Schaukasten, wobei er seine Erfolge oder Misserfolge jeweils mit Belohnung oder Strafe sanktioniert. Dass Belohnung und Strafe völlig harmlos und zudem noch identisch sind, zeigt vielleicht, dass dem Jungen Spiele dieser Art inzwischen nicht mehr wirklich altersgemäß erscheinen und anderen Interessen und Beschäftigungen weichen, wie hier z.B. den Gedanken zu Existenz und Vergänglichkeit.
Für den Bildervergleich muss die Mutter Arnolds Foto aus dem Album entfernen und einreichen. „Arnolds Photo aus dem Photoalbum war das einzige, was überhaupt von ihm existierte. Die Mutter löste es schweren Herzens aus dem Album. Würde es verlorengehen, wäre der ganze Arnold verloren.“ (S. 63f.) Hier wird das Foto des Bruders mit der Person des Bruders gleichgesetzt, ob aus der Sicht der Mutter oder aus der des Jungen, ist nicht klar. Vielleicht gibt er nur wieder, was die Mutter gesagt hat, oder aber er mokiert sich darüber, dass von dem Bild wieder einmal so viel Aufhebens gemacht wird. Der Formulierung „der ganze Arnold“ (S. 64) könnte ein ironischer Ton anhaften. Der Junge selbst ist inzwischen der Vorstellung entwachsen, das Bild vom Bruder sei der Bruder selbst. Diese Phase entspricht der ersten Arnold-Version, der ersten „Wahrheit“, die ihm mit Ende seiner frühen Kindheitsjahre entrissen worden ist.

 

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