Treichel: Der Verlorene

Fingerabdruck- und Blutvergleich

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 11:
“Ihre Stimmung heiterte sich ein wenig auf, als der Vater für den Nachmittag den Besuch eines Kriminalbeamten ankündigte. (…) Darum könne man vorerst nur einem Bildervergleich zustimmen, alles Weitere müsse das Jugendgericht entscheiden.” (S. 58-63)

Fingerabdruck- und Blutvergleich

Für die Eltern bleibt das Findelkind in ungreifbarer Ferne, für den Zweitgeborenen ist der Phantombruder bedrohlich nahe gerückt.
Die Eltern bemühen sich um weitere Schritte, die auf eine Familienzusammenführung abzielen, ohne dass sie jedoch realistische Aussichten darauf hätten und ohne dass ihnen die geringsten Hoffnungen gemacht werden. Gleichwohl betreiben sie die Angelegenheit weiter.
Dem Abnehmen von Fingerabdrücken durch die Kriminalpolizei kann der Junge noch etwas abgewinnen. Doch seine Hoffnung, sich in der Schule mit den schwarzgefärbten Fingerkuppen interessant machen zu können, erfüllt sich nicht: „Noch ehe der Kriminalbeamte ganz das Haus verlassen hatte, schrubbte mir die Mutter mit einer Nagelbürste auch schon die Stempelfarbe von den Fingern.“ (S. 59) Diese erste Erwähnung von direkter körperlicher Berührung zwischen Mutter und Sohn entbehrt jeden Anzeichens von Zuneigung, Zärtlichkeit, Geborgenheit, es handelt sich um eine rein pragmatische Handlung im Dienste von Sauberkeit und Außenwirkung.
Der nächste Schritt ist die vergleichende Blutuntersuchung, die Proben nimmt der Hausarzt ab.
Die Untersuchungsergebnisse erscheinen dann wenig aussagekräftig und tragen nicht zu einer Gesamtklärung bei. Das Absurde der wissenschaftlich klingenden Ausführungen wird durch die Häufung von Fachbegriffen, „[i]n der Mitteilung über die Fingerabdrücke, die hier nicht mehr Fingerabdrücke, sondern Fingerbeerenmuster hießen, war von diversen Zentraltaschen, Doppelschleifen, Leisten und Wirbeln die Rede, die allesamt mit einem speziellen Kompliziertheitsindex verrechnet wurden“ (S. 59f.), und scheinbar mathematisch exakten Formulierungen betont: „Die Mitteilung schloß jedenfalls mit den Worten, daß »die Elternschaft der Antragsteller nach den Fingerbeermustern für das Findelkind 2307 wenig wahrscheinlich ist, aber nicht unwahrscheinlicher als auch für das eheliche Kind der Antragsteller«.“ (S. 60)
Das Ergebnis des Blutvergleichs „bestätigte, daß ich, das eheliche Kind, sowohl »möglich als auch positiv wahrscheinlich« das Kind des Vaters wie auch der Mutter sei, während das Findelkind 2307 »möglich, aber nicht positiv wahrscheinlich« das Kind der Eltern sei.“ (S. 61f.)
Die Schlüsse, die die Familienmitglieder aus den Ergebnissen ziehen, klaffen weit auseinander. Für den Jungen erscheint seine eigene Herkunft und Identität zunehmend fragwürdiger, während sich Arnolds Zugehörigkeit zur Familie als immer klarer herauskristallisiert, „[u]nd ich war, wenn man dem Untersuchungsergebnis folgte, genauso wenig wahrscheinlich das Kind meiner Eltern wie Arnold (…) und hatte nur den einen Gedanken, daß ich soeben selbst dabei war, ebenso unwahrscheinlich zu werden, wie Arnold einmal unwahrscheinlich geworden war. Doch während Arnold mit jeder Untersuchung immer wahrscheinlicher zu werden drohte, wurde ich mit jeder Untersuchung immer unwahrscheinlicher“. (S. 60f.)
Die Eltern hingegen versuchen mit Hilfe eines fragwürdigen Syllogismus aus den Formulierungen der Gutachter Ergebnisse in ihrem Sinne herauszulesen: „Die Eltern dagegen behaupteten, daß ich ganz sicher ihr Kind sei, und darum müsse auch das Findelkind 2307 ganz sicher das ihre sein. Denn wenn ihre Elternschaft für 2307 nicht unwahrscheinlicher sei als ihre Elternschaft für mich, dann müsse doch, da ihre Elternschaft für mich mehr als nur wahrscheinlich, nämlich ganz sicher sei, auch ihre Elternschaft für Arnold beziehungsweise das Findelkind mehr oder weniger sicher oder zumindest höchstwahrscheinlich sein.“ (S. 60f.) Das Verb „behaupteten“ suggeriert, dass der Erzähler an der Aussage der Eltern Zweifel hat und auch für möglich hält, dass die Eltern selbst Zweifel haben. Tatsächlich ist ja mit der Erzählung von der Flucht die Möglichkeit angedeutet, dass der Zweitgeborene gar nicht Sohn des Vaters ist.
Auch die Ergebnisse der Blutvergleiche werden unterschiedlich ausgelegt: Für den Jungen „lief der Arnold betreffende Befund »möglich, aber nicht positiv wahrscheinlich« auf ein eindeutiges »höchst unwahrscheinlich« hinaus. Die Eltern aber (…) legten ihn mit der Zeit so aus, als handle es sich um ein »höchst wahrscheinlich« oder gar um ein »mehr oder weniger sicher«. Speziell die Mutter ließ von dem Befund »möglich, aber nicht positiv wahrscheinlich« mit der Zeit nur noch das »möglich« gelten“. (S. 62) Jeder biegt sich die Ergebnisse so hin, wie er es braucht, wodurch der Sinn aller bisherigen ebenso wie aller weiteren Untersuchungen und Gutachten völlig in Frage gestellt wird.
Die Rolle des Jugendamtes ist äußerst ambivalent. Einerseits soll eine Belastung des Findelkindes vermieden werden, andererseits fragt sich niemand, welche Auswirkungen die Untersuchungen und Ängste auf den Zweitgeborenen haben könnten. Zudem wird den Eltern mit der Begründung, „daß das Findelkind 2307 sich schon einmal einem vergleichenden erbbiologischen Gutachten unterziehen mußte und daß dieses negativ verlaufen war“ (S. 63), von weiteren Untersuchungen abgeraten. Doch gerade der negative Verlauf für eine andere Familie muss doch für einen neuen Anlauf Hoffnungen wecken.

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