Treichel: Der Verlorene

Suche nach Arnold – das Findelkind 2307

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 10:
“Nach einem dieser Besuche teilte der Vater mir mit, daß es der Mutter wohl besser-, aber noch lange nicht gutgehe. (…) Dafür kehrte die Mutter aus der Kur zurück und war genauso traurig wie zuvor. ” (S. 48-58)

Das Findelkind 2307

Nachdem der Zweitgeborene bereits drei verschiedene Arnold-Versionen erzählt bekommen hat, wird ihm die vierte Version nunmehr vom Vater überbracht: Die Eltern haben den verlorenen Sohn mit Hilfe des Roten Kreuzes schon seit Längerem gesucht, möglicherweise auch gefunden.
Der Vater leitet das Gespräch mit dem Sohn damit ein, dass er über den Gesundheitszustand der Mutter und die mutmaßlichen Ursachen spricht. Er teilt mit, dass es “der Mutter wohl besser-, aber noch lange nicht gutgehe. Ein Grund ihrer Erkrankung seien gewiß die mit dem Umbau verbundenen Anstrengungen. Der wahre Grund aber sei, daß sie über den Verlust meines Bruders Arnold nicht hinwegkomme.“ (S. 48)
Im nächsten Satz gibt er eine Erklärung ab, warum die Mutter dem Sohn bisher nicht die Wahrheit gesagt habe: „Zugleich, so der Vater, habe sie den Eindruck, daß ich hingegen sehr wohl über den Verlust meines Bruders hinweggekommen sei. Ich sei so gut über den Verlust hinweggekommen, daß sich die Mutter viele Jahre nicht getraut habe, mir die Wahrheit über Arnold zu sagen.“ (S. 48-49) Diese Behauptung ist nur bedingt glaubwürdig aus verschiedenen Gründen. Erstens erfahren wir den Grund nur aus dritter Hand, der Erzähler sagt in indirekter Rede, der Vater habe gesagt, was die Mutter gesagt habe – wir wissen also nicht, was die Mutter tatsächlich gesagt hat. Zweitens erscheint der Grund nicht wirklich einleuchtend, warum soll jemandem, der über etwas gut hinweggekommen ist, die Wahrheit verweigert werden. Drittens wird der Sohn später, als die Familie in Heidelberg ist, Zeuge des folgenden Gesprächs, welches die Mutter als empathischer zeigt als den Vater: „Ich machte mir einen Spaß daraus, die Gasse im Zickzack hinaufzulaufen, schloß aber zwischendurch immer wieder dicht zu den Eltern auf und ging dann so nahe hinter ihnen, daß sie mich, wenn sie sich umschauten, nicht sehen konnten. Während ich mich so in ihrem Windschatten versteckt hielt, hörte ich, wie die Mutter zum Vater sagte, daß es auch für »ihn«, womit sie mich meinte, nicht immer einfach sei, worauf der Vater sagte, daß es für alle nicht einfach sei, aber für »ihn«, womit er mich meinte, sei es noch am einfachsten.“
Der Junge würde gerne aufbegehren, weil er nicht erkennen kann, inwiefern der Begriff „Verlust“ auf ihn zutreffen soll. Für ihn ist nicht der Tod oder das Verlorengehen des Bruders ein Verlust. Für ihn ist das Vorhandensein eines toten oder verlorenengegangenen Bruders nicht nur „kein Gewinn“, sondern eine Bedrohung. Doch behält er die Gedanken für sich, „wie sollte ich das dem Vater erklären“, denn er kann sowieso nicht auf Verständnis hoffen.
Die Reaktion des Jungen auf die Eröffnung des Vaters ist, wie schon bei dem früheren Gespräch mit der Mutter, zunächst unpassend und unlogisch. Als er auf die Aussage des Vaters, „wir suchen ihn“, fragt „Wen?“, zeigt er  Abwehr und Unlust, sich mit dem Thema erneut zu befassen.
Verwundert registriert er, dass der Vater einen völlig ungewohnten Gesprächston anschlägt: „So hatte ich den Vater noch nie mit mir sprechen hören. Er sprach zu mir wie zu einem Freund. Oder zumindest wie zu einem Kunden. Er wollte mich um etwas bitten. Der Vater hatte mich noch nie um etwas gebeten. Er hatte immer nur gesagt, was gemacht werden muß, und dann habe ich gemacht, was gemacht werden muß. Er hatte auch noch nie ein so langes Gespräch mit mir geführt.“ (S. 50) Doch dieser neue Ton alarmiert den Jungen gleichzeitig, die Neuigkeiten, die der Vater vermeldet, verleihen der alten, latenten Bedrohung neue Aktualität. Er spürt, „daß sich die alte Übelkeit wieder einstellte. (…) Der Ton des Vaters beunruhigte mich, mir wurde flau, und am liebsten hätte ich meiner alten Gewohnheit nachgegeben und mich erbrochen.“ (S. 50f.) Wie schon bei der erstmaligen Beschreibung der Reisekrankheit, als es heißt, er habe sich die Krankheit „zugelegt“, wird suggeriert, dass der Junge die Übelkeit kontrollieren kann, das Erbrechen wird als „Gewohnheit“ (S. 51) bezeichnet, der man „nachgeben“ (S. 51) kann oder nicht.
Während der Vater Details der Personensuche berichtet, läuft bei seinem Sohn ein innerer, eskalierender Film ab: “[I]ch stellte mir vor, daß wir schon bald nicht mehr zu dritt, sondern zu viert am Mittagstisch sitzen und daß ich nicht nur den Nachtisch, sondern auch mein Zimmer teilen wenn nicht sogar räumen müßte, um dem großen Bruder Platz zu machen. Denn der Arnold, den ich von dem Photo kannte, war wohl ein Säugling, aber er war noch vor Kriegsende geboren worden und darum einige bedrohliche Jahre älter als ich.“ (S. 51)
Es folgt ein langer Abschnitt, in dem der Bericht des Vaters über den bisherigen Verlauf der Suche in indirekter Rede wiedergegeben wird. Als der Bericht weitere Details zum Überfall der Russen während der Flucht streift, wird ein Erzählerkommentar in die Rede des Vaters eingefügt: „Vor den Russen, sagte der Vater, sei im Prinzip keine Frau sicher gewesen, ob jung oder alt. Und auch die Mutter war vor den Russen nicht sicher gewesen, schloß ich daraus. Höchstwahrscheinlich hatten sich die Russen auch auf die Mutter gestürzt, wobei ich mir nicht gänzlich darüber im klaren war, was es im einzelnen zu bedeuten hatte, wenn die Russen sich auf jemanden stürzten.“ (S. 54) Die Auslassungen des Vaters gipfeln in der in wörtlicher Rede wiedergegebenen Aussage: „»Der Junge«, sagte der Vater, »ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten.«“ (S. 55)
Läuft das Gespräch bereits klar darauf hinaus, dass der Zweitgeborene nicht nur gesprächsweise in die Vorgänge eingeweiht werden, sondern einen körperlichen Beitrag zur Suche leisten soll, „Es sei notwendig, sagte der Vater, verschiedene Untersuchungen vorzunehmen, um die Verwandtschaft mit dem fraglichen Jungen zu bestätigen. Und diesen Untersuchungen müßte auch ich mich unterziehen“ (S. 51), so löst der Satz, dass das Findelkind 2307 ihm „wie aus dem Gesicht geschnitten“ (S. 55) sei, beim Zweitgeborenen eine unmittelbare physische Reaktion aus: „Eine Vorstellung, die mir so großes physisches Unbehagen bereitete, daß ich mich zwar nicht übergeben mußte, wohl aber eine Art Magenkrampf bekam, der auch mein Gesicht erfaßte, die Wangen durchzog und hinter der Stirn endete. Fast schien es, als würde ich die Schnitte spüren, mit denen mir Arnold aus dem Gesicht geschnitten wurde, wobei sich die Schnitte auch in Stromschläge und Schmerzblitze verwandeln konnten, die durch mein Gesicht fuhren und mir ein krampfartiges Grinsen aufnötigten.“ (S. 55f.) Hier ist nicht mehr die Rede davon, dass der Junge die körperlichen Erscheinungen noch irgendwie unter Kontrolle habe, mit ihm passiert etwas, er wird von der Reaktion völlig überfallen. Die Bedrohung durch den älteren Bruder wandelt sich von einer gedanklichen in eine konkret körperliche Bedrohung und ihm wird abverlangt, dass er sich auf dem Wege einzuleitender ärztlicher Untersuchungen mit seinem ganzen Körper an der Identifizierung des Bruder beteiligen soll.
Das „Grinsen“ (S. 56) quittiert der Vater zunächst mit einer unwirschen Bemerkung, und aus „dem freundlichen Kameraden- beziehungsweise Kundengespräch wurde nun wieder das gewohnte Vater-Sohn- Gespräch.“ (S. 56)
Später wird der Junge aber doch zum Arzt geschickt. Was über die Therapie der diagnostizierten „Trigeminusneuralgie“ erzählt wird, wirft ein denkbar schlechtes Bild auf den konsultierten Mediziner: „Der diagnostizierte eine Trigeminusneuralgie, die allerdings so gut wie nicht behandelbar sei, da man ihre Ursachen nicht kenne. In schweren Fällen würde man den Trigeminusnerv lahmlegen, das könne aber mit einer Störung der gesamten Gesichtsmuskulatur einhergehen und sei darum nicht zu empfehlen. In meinem Fall, so der Arzt, sei Abwarten das beste. Vielleicht würde man eines Tages die Ursache meiner Beschwerden herausfinden, vielleicht würden die Beschwerden aber auch von selbst abklingen. Es wäre nicht das erste Mal, daß eine Trigeminusneuralgie ebenso plötzlich verschwinden würde, wie sie aufgetaucht war. Die Trigeminusneuralgie verschwand nicht, sondern plagte mich weiterhin in größeren, aber regelmäßigen Abständen mit ihren stromstoßähnlichen Attacken. Ursachenforschung brauchte ich nicht zu betreiben, ich war sicher, daß die Gesichtskrämpfe mit Arnold und speziell mit dem zu tun hatten, was der Vater eine verblüffende Ähnlichkeit nannte.“ (S. 57) Niemand kommt auf die Idee, nach seelischen Ursachen für die Neuralgie zu suchen, stattdessen wird der bereits vorhandenen Bedrohung eine neue hinzugefügt, das Lahmlegen des Nervs und das damit verbundene Risiko einer Verletzung der gesamten Gesichtsmuskulatur. Der Erzählerkommentar zeigt, dass der Junge selbst eine klarere Diagnose stellt, die unter den Erwachsenen aber niemanden interessiert.
Ähnlich unergiebig gestaltet sich für die Eltern die Zusammenarbeit mit den Behörden. Der Suchdienst des Roten Kreuzes hat zwar nach vielen Jahren mit Hilfe der Daten, die die Eltern angeben können, einen Menschen ausfindig gemacht, auf den alles Genannte zutrifft: „das Findelkind 2307 [besitze] nicht nur einen starken rechten Haarwirbel, es habe sich auch nach Auskünften des Suchdienstes in demselben Treck befunden, mit dem auch die Mutter und er aus dem Osten geflohen seien. Es sei zudem nicht nur derselbe Treck gewesen, es sei auch derselbe Tag, nämlich der 20. Januar 1945 gewesen, an dem der Junge einer fremden Frau in die Arme gelegt worden sei.“ (S. 53) Sie dürfen auch Fotos anschauen und stellen die verblüffende Ähnlichkeit mit ihrem Zweitgeborenen fest. Doch dann endet das Entgegenkommen der Behörden.
Die attestierte Ähnlichkeit mit dem Findelkind 2307 bewirkt, dass sich in dem Jungen alles aufbäumt und er sich jetzt selbst völlig in Frage stellt: „Ich wollte niemandem ähnlich sein, und schon gar nicht meinem Bruder Arnold. Die angeblich verblüffende Ähnlichkeit hatte die Wirkung, daß ich mir selbst immer unähnlicher wurde. Jeder Blick in den Spiegel irritierte mich. Ich sah nicht mich, sondern Arnold, der mir zunehmend unsympathischer wurde.“ (S. 57f.) Er wird nun nicht mehr nur von anderen, von den Eltern, als quasi nicht-existent angesehen, sondern er sieht sich selbst nicht mehr: Er sieht in den Spiegel und sieht dort nur noch seinen Bruder.
Dem toten Arnold hatte der Junge alles gönnen können: „Ich trauerte um Arnold, und ich war stolz auf ihn, ich teilte mit ihm mein Kinderzimmer und wünschte ihm alle Milch dieser Welt.“ (S. 11) Diesem neuen Arnold, der ihm jetzt derart bedrohlich körperlich näherrückt, wünscht er den Tod: „Wäre er doch auf der Flucht verhungert. Statt dessen mischte er sich in mein Leben ein. Und in mein Aussehen. Um ihn doch noch verhungern zu lassen, wünschte ich mir einen dritten Weltkrieg.“ (S. 58) Der dann folgende Satz ist durch seine Lakonie und fast schon katachretische Komik eine der ergreifendsten Stellen der Erzählung: „Doch der dritte Weltkrieg kam nicht. Dafür kehrte die Mutter aus der Kur zurück und war genauso traurig wie zuvor.“ (S. 58)

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