Treichel: Der Verlorene

Umbau des Hauses

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 9:
“Er hätte in Frieden leben können, aber es gab keinen Frieden. (…) Die Kur dauerte mehrere Wochen, und an den Wochenenden besuchte der Vater die Mutter in der Kurklinik, während ich das Haus hüten durfte. ” (S. 45-48)

Umbau des Hauses

Der Vater hält Untätigkeit nicht aus. Als der Großhandel floriert, sucht er ein neues Betätigungsfeld: Er baut das Wohnhaus um. Der Erzähler kommentiert das so: „Er [der Vater] hätte in Frieden leben können, aber es gab keinen Frieden.“ (S. 45) Das Gegenteil wäre Krieg, Unfrieden, Unruhe –  tatsächlich beschreibt der Erzähler den Umbau des Hauses als Totalsanierung, bei der alles Vertraute getilgt wird. Nichts bleibt, wie es war: Das Fachwerkhaus der Kindheit, kein Paradies, sondern „Kinderheitslabyrinth“ (S. 46), „Zauberwald“ (S. 46) und „Angstort“ (S. 46) zugleich, wird zerstört, entkernt, entbeint. Der Vater zerstört damit Kindheitserinnerungen, er zerstört Vergangenheit, er setzt ohne Rücksicht auf Verluste einzig auf Gegenwart und Zukunft (eine ähnliche Stelle findet sich noch einmal etwas später, als er das Kühlhaus baut). Dies ist eine der wenigen Stellen in der Erzählung, wo ein parabolischer Bezug zur Geisteshaltung und zum Umgang mit Vergangenheit einer Mehrheit in der Nachkriegsgesellschaft gezogen werden kann: Fächensanierung, Totalsanierung, Vernichtung der Erinnerung, Verhinderung einer Aufarbeitung. Was  bleibt, ist ein unauslotbarer Raum unter einer Falltür, den der Junge nie betreten hat, in den er nur heimlich hinuntergeschaut hat und der nach dem Umbau unbegreiflicherweise weiterhin vorhanden zu sein scheint, jedoch nun nicht mehr zugänglich, nicht einmal mehr einsehbar, weil der einzige Zugang, die Falltür, verschwunden ist.
Dieser Raum, der hinter den Wänden zugleich da ist und nicht mehr da, dessen Ausmaße und Sinn und Zweck ursprünglich und weiterhin unbekannt und unbegreiflich sind, lässt sich als die unterdrückte, verdrängte Vergangenheit deuten, die nicht weg ist, die weiterhin irgendwo im Untergrund lauert, die aber für den gegenwärtigen Augenblick weggeschlossen ist. Er lässt sich außerdem als Symbol für alles Unbegreifliche und Unzugängliche in der Erzählung auffassen. Der Junge beobachtet, reimt sich zusammen, fragt aber nicht nach, weil er sich nicht traut, wie hier, oder weil er sich schämt, oder er fragt nach, erhält aber keine ehrliche oder befriedigende Antwort, und das ominöse Gebilde bleibt für alle Zeiten psychischer Ballast.
Der Umbau kostet seinen Preis: „Nachdem der Umbau des Hauses beendet war, erlitt die Mutter einen Zusammenbruch. Der Arzt diagnostizierte Überanstrengung und verordnete ihr eine Kur. Die Kur dauerte mehrere Wochen, und an den Wochenenden besuchte der Vater die Mutter in der Kurklinik, während ich das Haus hüten durfte.“ (S. 48)

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