Treichel: Der Verlorene

Das Schweinehirnessen

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 8:
“Den Vater dagegen stimmte eine Frischwurstauslage eher euphorisch. (…) Er, der zweimal, nach beiden Weltkriegen, erleben mußte, Haus und Hof zu verlieren, und der nach dem Krieg mit leeren Händen nach Ostwestfalen gekommen war, hatte sich nun ein drittes Mal eine sogenannte Existenz aufgebaut. ” (S. 38-45)

Das Schweinehirnessen

Mit etwas Fantasie sieht der derart behandelte Text wie ein Produkt aus der Frischfleischauslage aus. Die Worthäufungen und -wiederholungen aus dem Schlachtereiwortschatz (“Schweinebacke und Schweinezunge, Schweineohren und Schweineschnauze, Schweinekopfbrühe und Schweinekopfpaste. Das alles konnte geräuchert oder gegrillt, gekocht oder gebraten, gedörrt oder eingemacht werden und wurde noch ergänzt durch die Verwertung des Schweineblutes, aus dem man Suppe zubereiten konnte und Wurst, das sich zum Kuchenbacken eignete oder auch in Gläser füllen und in eingedicktem Zustand konservieren ließ.”, S. 41) stellen für den sensiblen Lesenden eine drastische Zumutung dar. Der Erzähler zwingt den Lesenden so, dem Geschehen aus der Perspektive des Jungen mit den gleichen gemischten Gefühlen aus massivem Ekel und umbestimmter Faszination beizuwohnen.

In der Textstelle wird der Vater auf dem Höhepunkt seiner unternehmerischen Karriere gezeigt. Er ist als Wurst- und Fleischgroßhändler erfolgreich und angesehen. Sein Verhältnis zu seinen Mitmenschen ist eher nicht innig, aber seine Begeisterung für Fleischwaren nimmt orgiastische Formen an: “Den Vater dagegen stimmte eine Frischwurstauslage eher euphorisch. (…) Zu seinen Lieblingsspeisen zählte ein frisches Kotelett. Ein frisches Kotelett, das war für ihn ebenso frisch wie frische Luft oder frisches Wasser.” (S. 38)
Die “Reste eines Schlachttieres” (S. 38) sind für ihn “etwas höchst Lebendiges” (S. 38), „»Schweineblut ist Lebenssaft«, sagte der Vater, und wäre es nach ihm gegangen, dann wäre ich statt mit Milch mit Schweineblut aufgezogen worden.“ (S. 39f.) (Sarkasmus, Hyperbel)
Die Begeisterung des Vaters spiegelt sich auch sprachlich und stilistisch im Text wider: “Noch lieber aber als ein frisches Kotelett war dem Vater ein frischer Schweinekopf”. (S. 38) Der Schweinekopf ist Gegenstand ästhetischer Betrachtungen (“»Diesmal ist es aber ein besonders schöner Kopf.«”, S. 39) und er belehrt den Sohn darüber, dass “ein besonders schöner Schweinekopf [sich ]von einem weniger schönen Schweinekopf [darin] unterscheide, (…) daß ein besonders schöner Schweinekopf eben ein gleichmäßig ausgereifter Schweinekopf sei, wogegen ein weniger schöner Schweinekopf eben ein nur ungleichmäßig ausgereifter Schweinekopf sei” (S. 39).
Die Schilderung gipfelt in der Darstellung des Schweinehirnessens, der Klimax des Textausschnitts, wenn nicht sogar der gesamten Erzählung: “Das eigentliche Festessen aber war das Schweinehirn, das noch an dem Tag auf den Tisch kam, an dem der Vater den Kopf und ich das Blut nach Hause brachten. Dies war gewissermaßen unser Schlachttag, zu dem Gäste geladen wurden und der für den Vater auch deshalb eine besondere Bedeutung hatte, weil er ihn an die Schlachttage auf dem Bauernhof seiner Eltern erinnerte.” (S. 42)
Auch die Stimmung der Gäste steigert sich rauschhaft, “so heiter und ausgelassen ging es in meinem Elternhaus sonst nie zu. In gewisser Weise löste das Verspeisen des Schweinehirns bei dem Vater und seinen Gästen regelrechte Heiterkeitsräusche aus.” (S. 43)
Das Schweinehirnessen macht den Vater temporär zu einem besseren Menschen: Es wirkt sich “auf den Vater äußerst beruhigend aus, so daß der ansonsten aufbrausende und zum Jähzorn neigende Mann einen so versöhnlichen Glanz in den Augen hatte, daß ich glaubte, mich nie wieder vor ihm fürchten zu müssen.” (S. 44)
Dieser eine Moment wird von dem Jungen freilich teuer bezahlt, er muss dem Schlachten beiwohnen, weil er für den Transport des Schweinbluts zuständig ist, die Schlachtanekdoten der Gäste verursachen Albträume, zum Hirnessen wird er gnadenlos gezwungen: “Wohl konnte er [der Vater] gelegentlich großmütig sein und mich vom Verzehr von Blutsuppe oder Blutkuchen befreien, doch in bezug auf das Hirn kannte er keine Kompromisse. ” (S. 42) Der Erzähler erinnert sich, wie er “die weichliche Hirnmasse so schnell und unzerkaut wie möglich die Speiseröhre hinunterzubringen suchte” (S. 43).
So wohnt der gesamten Szene auch wieder in jedem Detail eine Ambivalenz inne, jede Phase der Schildung ist antithetisch gebrochen, „[a]llerdings muß ich zugeben, daß ich mich vor dem Hirn zwar ekelte, mich andererseits aber an den abendlichen Schweinehirnessen gern beteiligte, denn so heiter und ausgelassen ging es in meinem Elternhaus sonst nie zu“ (S. 42f.), was sich zum Beispiel auch in Sarkasmus und Übertreibung bei den Erzählerkommentaren zeigt: „Doch wunderbarerweise verstand es die Mutter, aus dem Schweinekopf so viele Mahlzeiten herzustellen, daß wir uns lange Zeit davon ernähren konnten. (…) In Wahrheit reichte der Frühjahrsschweinekopf fast bis in den Herbst hinein und der Herbstschweinekopf reichte wiederum fast bis zum Frühjahr, so daß wir uns beinahe das ganze Jahr über von den Schweinekopf- und Schweineblutprodukten ernährten.“ (S. 41f.)
Auf das Schweinehirngelage folgt bei den Eltern eine Art Kater, Vergnügen und Lust stehen bei ihnen ja eigentlich im Wertekanon ganz unten, und so müssen beide büßen, die Mutter durch Schweigen und der Vater durch Arbeit.

 

 

 

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