Treichel: Der Verlorene

Der Lebensmittelhandel

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 7:
“Je mehr sich die Mutter im Haus zu schaffen machte, um so weniger konnten die Scham und die Schuld sich ihrer bemächtigen. (…) Besonders rührten mich die frischen, also verderblichen Lebensmittel, und noch Jahre später wunderte ich mich darüber, wie traurig ich angesichts eines Gemüseregals oder einer Frischwurstauslage werden konnte. ” (S. 32-38)

Lebensmittelhandel

Die Eltern ersticken unangenehme Gefühle und seelische Probleme in Arbeit. Die Mutter schuftet im Haus, der Vater – ursprünglich Landwirt – baut mit großem Ehrgeiz ein Unternehmen nach dem anderen auf, direkt nach dem Krieg eine Leihbücherei, später eine Lebensmittelhandlung, schließlich einen Fleisch- und Wurstgroßhandel.
Der Junge erlebt, dass der Vater völlig in der Arbeit aufgeht, wobei es die Strategie des Unternehmers ist, mit Geschäftsfreunden und Kunden persönlichen Kontakt zu halten und ihnen scheinbar einfühlsam zuzuhören: „Es reiche nicht, gute Ware zu liefern, man müsse auch ein Ohr für die Sorgen der Menschen haben, sagte der Vater. Wenn er seine Kunden bereiste, so vor allem, um mit ihnen über ihre Sorgen zu sprechen.“ (S. 33) Auch wenn sich das Einfühlungsvermögen des Vaters letztlich auf die Auswahl geeigneter Gemeinplätze beschränkt, so kann sich der Leser des Eindrucks nicht erwehren, dass der Vater offenbar bereit ist, allen anderen Menschen zuzuhören, nur seinem eigenen Sohn nicht.
Die Gespräche der Geschäftsleute, denen der Junge beiwohnt, drehen sich um wirtschaftliche Risiken im Lebensmittelhandel, die Schwierigkeiten, Angebot und Nachfrage aufeinander abzustimmen und um die Abhängigkeit von einer noch nicht sehr kaufkräftigen, zumindest aber außerordentlich sparsamen, zugleich kritischen, anspruchsvollen Kundschaft.
Der Junge beobachtet, dass der Beruf des Lebensmittelhändlers krank mache: „Die meisten Lebensmittelhändler, die der Vater besuchte, waren einerseits sehr gehetzte, andererseits aber auch sehr traurige Menschen. Viele von ihnen hatten Magenprobleme, so daß sie selbst nur sehr sparsam von ihrem eigenen Angebot Gebrauch machen konnten. Andere hatten es mit dem Herzen und wieder andere mit den Nerven. Ich kann mich nicht daran erinnern, auch nur einen einzigen Lebensmittelhändler kennengelernt zu haben, der keine Probleme mit der Gesundheit hatte.“ (S. 35) Während der Vater sich die Sorgen der Lebensmittelhändler aus geschäftlichem Kalkül anhört, lässt sich der Junge von den Erzählungen so stark beeindrucken und verinnerlicht die Befindlichkeit der Händler so anhaltend, dass er selbst noch Jahre später beim Anblick verderblicher Lebensmittel die Traurigkeit der Händler empfindet: „Die Traurigkeit der Lebensmittelhändler hatte mich insofern beeindruckt, als ich, ohne es zu merken, ihre Traurigkeit auf die Waren übertrug und bis in mein Erwachsenenleben hinein spezielle Lebensmittel immer als etwas Trauriges empfunden habe.“ (S. 37) Die eindrückliche Schilderung der Gefühle im Erwachsenenalter beim Anblick von Gemüse gerät durch ihre Wiederholung und Steigerung ins Komisch-Groteske, wirkt zumindest jedoch selbstironisch: „Besonders rührten mich die frischen, also verderblichen Lebensmittel, und noch Jahre später wunderte ich mich darüber, wie traurig ich angesichts eines Gemüseregals oder einer Frischwurstauslage werden konnte.“ (S. 37f.)

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *