Treichel: Der Verlorene

Fernsehen

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 6:
“Glücklicherweise erlaubte es der geschäftliche Erfolg dem Vater, einen Fernseher anzuschaffen, so daß ich mich der beängstigenden Wirkung des Radios und speziell des russischen Senders ohne Schwierigkeiten entziehen konnte. (…) Der ausgeschaltete Fernseher erleichterte mich, und noch mehr erleichterte mich, daß die Mutter den Raum verlassen hatte und sich nun irgendwo im Haus zu schaffen machte.” (S. 25-32)

Fernsehen

Der unternehmerische Erfolg des Vaters erlaubt, dass ein Fernseher angeschafft wird. Die Familienmitglieder erleben das neue Medium, ein Radio mit bewegten Bildern, jedoch sehr unterschiedlich. Der Vater hat das Gerät zwar gekauft, doch scheint er selbst wenig Gefallen am Fernsehen zu finden. Vielmehr wird der Fernseher Mittel zu Machtdemonstrationen innerhalb der Familie. Der Apparat darf nur mit seiner Erlaubnis eingeschaltet werden, er erträgt aber den laufenden Fernseher gar nicht und der Junge muss jeden Moment damit rechnen, dass der Vater wieder sofortiges Ausschalten befiehlt, so dass dem Jungen „in seiner Gesellschaft niemals möglich war, eine Fernsehsendung auch nur ansatzweise zu Ende zu sehen.“ (S. 27).  Der Erzähler kommentiert das Verhältnis des Vaters zum Fernsehen folgendermaßen: „Der Vater war vor den Bildern insofern gefeit, als in seinem Hirn nichts anderes arbeitete als ein weitgehend bilderresistentes Programm zur Organisation und Verteilung anfallender Arbeiten.“ (S. 28)
Sobald der Junge fernsieht, wird dem Vater außerdem bewusst, dass sein Sohn untätig ist, „wer fernsieht arbeitet nicht“ (S. 28), und „[d]ie Mitteilungen, die dann folgten, waren nichts anderes als immer neue Arbeitsanweisungen. Entweder fiel dem Vater ein, daß der Hof gefegt werden mußte, oder es galt, einen Karton mit abgelegten Kleidern oder Hausrat auf den Dachboden zu tragen, oder aber es mußte ein Brief zur Post oder ein Schriftstück zu einer Behörde gebracht werden. Oft kam es mir vor, als tue der Vater vor dem laufenden Fernseher nichts anderes, als darüber nachzusinnen, welche Arbeiten noch getan werden müßten.“ (S. 27)
Völlig anders verhält sich der Vater, wenn seine Schwester, Tante Hilde, zu Besuch ist. Die fromme Frau, „eine der medienabstinentesten Personen, die ich je kennengelernt habe“ (S. 28), hält den Fernseher für „eine Erfindung des Teufels“ (S. 29), was den Vater, „der sich über nichts so amüsieren konnte wie über die Versuchungen, denen sich seine fromme Schwester ausgesetzt sah“ (S. 29), ansatzweise sadistisch dazu verleitet, gerade dann Fernsehen anzuordnen. Die Tante wiederum löst das Problem, indem sie mit dem Rücken zum Fernseher nur die akustischen Signale wie bei einem Radio empfängt, „[d]as Radio war erlaubt, während das Fernsehen eine Sünde war“ (S. 30), dabei aber die anderen Familienmitglieder anschaut, was bei dem Jungen wieder Schamgefühle auslöst: „Sie blickte nicht auf den Apparat, aber sie hörte auf ihn. Und während sie auf ihn hörte, schaute sie zugleich dem Vater, der Mutter und mir dabei zu, wie wir auf den Fernseher schauten. Während die Eltern nichts dabei fanden, daß sie von der Tante beim Fernsehen angeschaut wurden, fühlte ich mich während des Fernsehens von der Tante nicht nur angeschaut, sondern auch durchschaut. Die Tante schaute mich an, und ich schämte mich dafür, daß sie mich anschaute.“ (S. 29f.)
Der Vater instrumentalisiert den Fernseher also sowohl dazu, dem Jungen die Freude am Fernsehen zu vergällen, als auch dazu, die Schwester lustvoll zu quälen, indem er sie religiösen Gewissenskonflikten aussetzt.
Mutter und Sohn schauen am liebsten gemeinsam fern, wenn der Vater abwesend ist. Allerdings leiden beide gleichermaßen unter Filmszenen, die Intimität und Zweisamkeit andeuten. Der Junge identifiziert sich offenbar so sehr mit der Mutter, dass er auf die gleichen Auslöser gleichermaßen mit Schamgefühlen reagiert: „Allerdings waren die gemeinsamen Stunden vor dem Fernseher nur so lange vergnüglich, solange es auf dem Bildschirm nicht zu Intimitäten kam. Sobald aber eine intime Szene zu sehen war, erstarrten sowohl die Mutter als auch ich vor dem Fernseher, und es herrschte eine solche Verlegenheit und Beschämung im Raum, daß wir kaum zu atmen wagten.“ (S. 31)

 

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