Treichel: Der Verlorene

Allein zu Hause

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 5:
“Schließlich kapitulierten die Eltern, und ich durfte die Sonntage allein im Haus verbringen, was für mich zu den schönsten Kindheitserinnerungen zählt. (…) Natürlich war ich mir meiner Sache nicht sicher, sah mich aber in meiner Sonntagseinsamkeit vor dem Radio immer wieder von dem Gedanken verfolgt, daß der Russe von der Schande redete und dem Schrecklichen, das meinen Eltern und speziell der Mutter widerfahren war, und daß von dieser Schande und dem Schrecklichen nun der ganze Äther erfüllt war. ” (S. 22-25)

Allein zu Hause

Die Eltern geben nach, sie „kapitulierten“ (S. 23) – an dieser Stelle fällt die Wortwahl aus der Militärsprache auf – und der Junge wird von den sonntäglichen Unternehmungen entbunden. Er darf zu Hause bleiben, doch die Freude ist nicht ungetrübt: „ich durfte die Sonntage allein im Haus verbringen, was für mich zu den schönsten Kindheitserinnerungen zählt. Um genau zu sein: vor allem der erste Sonntag, den ich allein im Haus verbringen durfte, zählt zu den schönsten Kindheitserinnerungen. Wobei es im wesentlichen die erste Viertelstunde nach dem Weggang der Eltern war, während der ich mich rundum glücklich und frei gefühlt habe. Nachdem diese Viertelstunde vorüber war, stellte sich ein bedrückendes Gefühl von Beklemmung und Verlassenheit ein, dem ich durch verschiedene Ablenkungen zu entkommen suchte.“ (S. 23) Hier wird ein erzählerisches Verfahren angewendet, das an Sätze in Franz Kafkas „Der Process“ erinnert: Eine einmal getroffene Aussage wird in den darauffolgenden Sätzen so lange modifiziert, eingeschränkt und entwertet, dass am Ende kaum noch etwas vom ursprünglichen Inhalt übrig ist. Erst behauptet der Erzähler, die Sonntage seiner Kindheit, alleine zu Hause, ohne die Eltern, ohne die Ausflugsverpflichtungen, zählten „zu den schönsten Kindheitserinnerungen“ (S. 23). Von den Sonntagen im Plural bleibt im nächsten Satz lediglich der erste dieser Sonntage übrig, und schließlich verengt sich die Aussage einzig auf die erste Viertelstunde dieses ersten Sonntags.
Doch diese eine Viertelstunde sei vom Gefühl, „rundum glücklich und frei“  (S. 23) zu sein, erfüllt gewesen, was im Umkehrschluss erahnen lässt, wie sehr alle übrige Zeit mit Unglück und Unfreiheit verknüpft gewesen sein mag.
Das „bedrückende[s] Gefühl von Beklemmung und Verlassenheit“ (S. 23) ist also allgegenwärtig und nicht an die Anwesenheit der Eltern gebunden (wie auch vorher schon Schuld und Scham, die sich auch beim Fahrradfahren und Radiohören einstellten).

Aber der Junge bemüht sich dem Gefühl zu entkommen und sucht Ablenkungen. Er erfindet das Spiel des Automarkenratens bei geschlossenen Augen und der Erzähler erwähnt, dass er mit der Zeit recht geübt dabei gewesen sei, „Ich war mit der Zeit so routiniert in diesem Spiel, daß ich die meisten der Fahrzeuge schon erriet, bevor sie unser Haus überhaupt erreicht hatten“ (S. 23), doch schon im nächsten Satz entwertet er die eigene Leistung wieder: „Allerdings bestand damals auch ein Großteil der Autos aus den Basismodellen von VW und DKW.“ (S. 23)
Die elternfreien Sonntage sind letztlich kein besonderes Vergnügen. Der Junge langweilt sich schnell, erlegt sich selbst Pflichtübungen auf, jede Ablenkung mündet wieder in Langeweile oder neue Bedrückung. Schnell wird er auch des Radiohörens überdrüssig, bis er einen russischen Sender findet. Beim Versuch, das Russische zu verstehen, überfallen ihn dann aber beklemmende Gedanken und Gefühle, die er seit der unverstandenen, unverdauten Erzählung der Mutter mit sich herumträgt.
So legt er auch alleine letztlich dasselbe Freizeitverhalten wie seine Eltern an den Tag: Er kann seine freie Zeit nicht genießen, ebenso wie er es bei den Eltern beobachtet und sich erklärt hat. Da er offenbar dressiert ist auf das Ausführen von Anweisungen, erteilt er sich in Abwesenheit des Vaters selbst Befehle. Das Thema der Mutter verfolgt ihn auch beim Radiohören weiter.
Er versteht zwar kein Russisch, macht sich aber sein eigenes Bild dessen, was er zu verstehen glaubt: Je länger er lauscht, „um so mehr schien es mir, als würde ich nicht nur einzelne Teile der Russenrede verstehen, ich bildete mir auch ein, daß die Worte des Russen irgend etwas mit mir und meiner Familie zu tun hatten.“ (S. 25) Wie immer wieder in der gesamten Erzählung tritt an die Stelle des Verstehens die Einbildung.

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