Treichel: Der Verlorene

Arnold ist für Schuld und Scham verantwortlich

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 4:
“Ich begriff auch, daß Arnold verantwortlich dafür war, daß ich von Anfang an in einer von Schuld und Scham vergifteten Atmosphäre aufgewachsen war. (…) Die Eltern hätten sich mit dem regelmäßigen Erbrechen in der Teutoburger-Wald-Eisenbahn ohne weiteres arrangiert, wären da nicht die anderen Mitreisenden gewesen, die vor allem dann an meinem Erbrechen Anstoß nahmen, wenn es mir nicht mehr gelang, die Zugtoilette aufzusuchen und ich mich auf den Fußboden oder die Sitzbänke erbrach.” (S. 17-22)

Die von Schuld und Scham vergiftete Atmosphäre
Der Junge macht den abwesenden Bruder (und nicht etwa seine Eltern) für die Atmosphäre in der Familie verantwortlich. Es folgt eine Schilderung der „von Schuld und Scham vergifteten Atmosphäre“ (S. 17). Dabei zeigen Beispiele, wie jeder Daseinsfunktion, jeder Betätigung Schuld und Scham anhaften: Essen, Radiohören, Fahrradfahren. Aber besonders die sonntäglichen Ausflüge und Spaziergänge mit den Eltern „drückten mein Gewissen und lösten große Schamgefühle in mir aus“ (S. 19).
Diese Unternehmungen sind dem Jungen derart zuwider, dass er Widerstand leistet:
„Gegen diese Ausflüge entwickelte ich mit der Zeit eine so große Abneigung, daß die Eltern mich nur noch unter Androhung von Strafe dazu bewegen konnten, sie zu begleiten. Die schönste Strafe, die mir die Eltern androhten, war Hausarrest. Doch in den Genuß des sonntäglichen Hausarrestes kam ich erst, nachdem ich mir eine spezielle Form von Reisekrankheit zugelegt hatte, die auch bei kleineren Ausflügen bereits Wirkung zeigte.“ (S. 20f.)
Die Formulierung „zugelegt hatte“ (S. 21) irritiert, suggeriert sie doch, der Junge habe das regelmäßige Erbrechen mutwillig herbeigeführt. Neben dieser Formulierung erstaunt auch, dass die Eltern außerordentlich lange das Erbrechen gleichmütig hinnehmen und dass der Junge selbst angesichts dieses allgemein als eklig empfundenen Vorgangs keinerlei Schuld und Scham empfindet – jedenfalls wird davon nichts erzählt. Das Erbrechen lässt sich daher vielleicht auch als Versuch des Jungen deuten, durch störendes Verhalten die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich zu ziehen. Doch tatsächlich ist den Eltern das Erbrechen offenbar nur unangenehm, wenn eine Außenwirkung verbunden ist: „Die Eltern hätten sich mit dem regelmäßigen Erbrechen in der Teutoburger-Wald-Eisenbahn ohne weiteres arrangiert, wären da nicht die anderen Mitreisenden gewesen, die vor allem dann an meinem Erbrechen Anstoß nahmen, wenn es mir nicht mehr gelang, die Zugtoilette aufzusuchen und ich mich auf den Fußboden oder die Sitzbänke erbrach.“ (S. 20)
Sonntagsausflüge in den 1950er Jahren wurden verbreitet als Inbegriff spießbürgerlicher Verhaltensweisen wahrgenommen und waren generell keine Lieblingsbeschäftigung heranwachsender Kinder. Auseinandersetzungen deshalb mögen üblich gewesen sein. Außergewöhnlich in dieser Familie ist, dass die Unternehmungen von dem Jungen als „wahre Schuld- und Schamprozessionen“ erlebt werden und dass die Eltern nicht nur ihren Sohn, sondern auch sich selbst zu den ungeliebten Ausflügen zwingen: „Wobei auch die Eltern während dieser Ausflüge einen bedrückten und gepeinigten Eindruck machten und es mir immer so vorkam, als schleppten sie sich jeden Sonntag regelrecht aus dem Haus.“ (S. 19) Die Beschreibung der Sonntagsausflüge erinnert an Franz Joseph Degenhardts Song „Deutscher Sonntag“ aus dem Jahr 1965: „(…) Die Luft riecht süß und säuerlich. Ich glaube, ich erbreche mich, (…) Dann ist die Spaziergangstunde, durch die Stadt, zweimal die Runde.“

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