Treichel: Der Verlorene

Der untote Bruder

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 3:
“Arnold war mein Freund geworden, und er wäre auch mein Freund geblieben, hätte mich die Mutter nicht eines Tages um das gebeten, was sie eine »Aussprache« nannte. (…) Denn erst jetzt begann ich zu begreifen, daß Arnold, der untote Bruder, die Hauptrolle in der Familie spielte und mir eine Nebenrolle zugewiesen hatte.” (S. 12-17)

Der untote Bruder: Arnold ist “in Wahrheit” verloren gegangen
Die Mutter eröffnet dem Erzähler, dass Arnold “in Wahrheit“ gar nicht tot, sondern verloren gegangen sei. Aus der Erzählung der Mutter geht hervor, dass sie das Kleinkind auf der Flucht während eines russischen Überfalls in Todesangst einer fremden Frau übergeben habe.
Dies ist mittlerweile die dritte Arnold-Version, mit der sich der Zweitgeborene auseinandersetzen muss.
• Erste Version: Der Phantombruder auf dem Bild im Fotoalbum, über den es keine weiteren Informationen gibt, als dass er trotz widriger Lebensumstände auf dem Bild Wohlgeratenheit und Freude ausstrahlt, ist gleichzeitig Ursache für die häufige Trauer der Mutter. In diesen frühen Kindheitsjahren erkennt der Zweitgeborene zwar bereits das Missverhältnis zwischen seiner eigenen Bedeutung und der Arnolds, was sich aus der unterschiedlichen Präsenz beider im Fotoalbum erschließt. Obgleich er den Phantombruder als latente Bedrohung wahrnimmt, steht er der Situation insgesamt jedoch eher neutral gegenüber.
• Zweite Version: Arnold ist tot, in den Armen der Mutter verhungert. Alle Rückfragen des Zweitgeborenen bleiben unbeantwortet. Er versucht aus der Geschichte persönlichen Nutzen zu ziehen.
• Dritte Version: Der Bruder ist nicht tot. Er ist verloren gegangen.
 Diese neue Version löst beim Zweitgeborenen Irritation und Enttäuschung aus. Die neue Erzählung über Arnold wird begleitet von den Andeutungen, dass der Mutter bei dem russischen Angriff „etwas Schreckliches“ angetan worden sei, was der Junge für sich nicht übersetzen kann. Ihm wird die alte Erzählung, die alte Wahrheit, entzogen, mit der er sich einigermaßen erträglich eingerichtet hatte, stattdessen muss er nun eine neue Wahrheit, die die alte Wahrheit als Lüge entlarvt, verkraften. Sein Bruder Arnold wird erneut und verstärkt zu einer Bedrohung für ihn. Darüber hinaus wird der Junge mit neuen beängstigenden Andeutungen belastet, die er alleine nicht aufzulösen vermag und bei deren Auflösung ihm auch niemand behilflich ist.
Während die zweite Version die erste lediglich ergänzte, widerspricht die dritte Version jetzt der zweiten Version.
Je mehr der Erzähler über seinen Bruder erfährt, desto mehr offene Fragen stellen sich ihm, die ihm niemand beantwortet.
Im ersten Teil des Textausschnitts bekommt der Leser Einblick in die Kommunikationssituation der Familie. Es ist das erste Mal, dass die Mutter den Sohn um eine Aussprache bittet. Der Erzähler erläutert, wie Kommunikation zwischen Eltern und Sohn üblicherweise ablaufe: gelegentliche Gespräche mit der Mutter, die sich um Arnold drehen und in Tränen und Schweigen enden, „kurze Befehle und Arbeitsanweisungen“ (S. 12 )vom Vater.
Im zweiten Teil folgt die neue Erzählung der Mutter, teils in der indirekten Rede, teils in der Form des Erzählerberichts.
Bemerkenswert sind die Reaktionen des Jungen im Verlaufe des Gesprächs:
„Die Aussprache wurde von der Mutter mit den Worten eröffnet, daß ich nun alt genug sei, um die Wahrheit zu erfahren. »Was für eine Wahrheit«, fragte ich die Mutter, denn ich befürchtete, daß es hierbei vielleicht um mich gehen könnte.” (S. 12)
Die Frage „Was für eine Wahrheit“ (S. 12) mag an dieser Stelle einfach soviel wie „worum geht es?“ bedeuten. Aber für den Leser schwingt auch eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem Begriff „Wahrheit“ mit. Die Frage kann auch in einem Sinne verstanden werden, als habe der Sprecher bereits Erfahrung damit, dass verschiedene Wahrheiten nebeneinander existieren können. Eine solche Haltung des Jungen erschließt sich aus dem bisherigen Verlauf der Erzählung zwar nicht, lässt sich aber durchaus auf den weiteren Verlauf beziehen, in dem er ja tatsächlich eine völlig neue „Wahrheit“ serviert bekommt.
Warum der Junge allerdings befürchtet, dass es um ihn selbst gehen könnte, bleibt offen. Doch auch seine Erleichterung, als er hört, dass es um Arnold und nicht um ihn selbst geht, bestätigt, dass es Grund für derlei Befürchtungen gegeben haben könnte: “»Es geht«, sagte die Mutter, »um deinen Bruder Arnold.« In gewisser Weise war ich erleichtert, daß es wieder einmal um Arnold ging, andererseits aber ärgerte es mich auch.” (S. 12f.)
Dass ihn das Thema ärgert, lässt sich leichter erklären: Es geht „wieder einmal“ (S. 13) um den Bruder, alles dreht sich immer nur um den Bruder. Es geht nie um ihn selbst. Aber auch die Vorstellung, dass es einmal um ihn selbst gehen könnte, erfüllt ihn mit Befürchtungen. Man könnte schließen, dass der Junge jeder Art Gesprächsangebot misstrauisch begegnet.

»Was ist mit Arnold«, sagte ich, und die Mutter schien schon wieder den Tränen nahe, worauf ich die spontane, aber nicht sehr überlegte Frage stellte, ob Arnold etwas zugestoßen sei, was die Mutter mit einem irritierten Blick quittierte. (S. 13)

Es fällt auf, dass hinter den Fragen „Was für eine Wahrheit“ (S. 12) und „Was ist mit Arnold“ (S. 13) keine Fragezeichen stehen. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Junge die Fragen eher fallend als steigend intoniert, sei es, weil er die Fragen nur aus Höflichkeit stellt, sei es, weil er damit bereits seine innere Abwehr gegen mögliche Antworten zeigt.
Die nächste Frage des Jungen, ob dem Bruder „etwas zugestoßen sei“ (S. 13), irritiert die Mutter, verständlicherweise, und auch der Leser ist irritiert. Noch weiß der Junge ja nicht, das sein Bruder gar nicht tot ist. Wie kann er dann fragen, ob Arnold etwas zugestoßen sei. Wie schon bei seiner Frage „Was für eine Wahrheit“ (S. 12) drängt sich dem Leser das Gefühl auf, dass der Junge bereits ahnt, was für eine neue Wahrheit auf ihn zukommen könnte. Man nimmt dem Erzähler die Erklärung, die Frage sei eben „spontan(e), aber nicht sehr überlegt“ gestellt, nicht wirklich ab.

“»Arnold«, sagte die Mutter ohne ein weiteres einleitendes Wort, »Arnold ist nicht tot. Er ist auch nicht verhungert.« Ich war nun ebenfalls irritiert und auch ein wenig enttäuscht.” (S. 13)

Die Enttäuschung des Jungen bei der Information, dass Arnold gar nicht tot sei, zeigt tatsächlich, wie wenig diese neue Wahrheit willkommen ist. Bereits mit dem ersten Satz in diesem Textausschnitt, „Arnold war mein Freund geworden, und er wäre auch mein Freund geblieben, hätte mich die Mutter nicht eines Tages um das gebeten, was sie eine ‘Aussprache’ nannte“ (S. 12), hat der Erzähler ja angedeutet, dass sich der Junge mit der bisherigen Version leidlich eingerichtet hat.

“Doch statt zu schweigen, fragte ich die Mutter, wiederum ohne lange nachzudenken, woran Arnold denn dann gestorben sei. »Er ist gar nicht gestorben«, sagte die Mutter noch einmal und ohne jegliche Regung, »er ist verlorengegangen.«” (S. 13)

Noch ein weiteres Mal stellt der Junge so eine unlogische, unpassende Frage. Der Leser gewinnt den Eindruck, dass sich der Junge auf keinen Fall auf die Idee, sein Bruder sei am Leben, einlassen kann und will. Er will, dass Arnold tot bleibt.
Der Fokus verschiebt sich dann in der Erzählung der Mutter vom Verbleib Arnolds zu der vermutlichen Vergewaltigung durch die Russen, was aber für den Jungen unverständlich bleibt.

„Das Schreckliche, sagte die Mutter, sei dann insofern doch nicht passiert, als die Russen weder sie noch den Vater erschossen hätten. Denn das sei das erste gewesen, was sie befürchtet hatten, und darum habe sie auch den kleinen Arnold der fremden Frau in die Arme gedrückt. Andererseits aber, so die Mutter, sei das Schreckliche dann doch passiert. »Das Schreckliche aber«, sagte die Mutter, »ist dann doch passiert.« Daraufhin weinte sie wieder, und ich war mir sicher, daß sie um Arnold weinte, und um sie zu trösten, sagte ich ihr, daß sie Arnold schließlich das Leben gerettet habe und nicht zu weinen brauche, worauf die Mutter sagte, daß das Leben Arnolds gar nicht bedroht gewesen sei. Und auch das Leben des Vaters sei nicht bedroht gewesen und auch ihr eigenes nicht. (S. 15f.)

Sein Versuch, die Mutter zu trösten, kennzeichnet gleichzeitig den Moment, in dem der Junge offenbar akzeptiert, dass Arnold nicht tot ist. Doch freilich versteht er nicht die gesamte Schuld- und Schamthematik, geschweige denn dass er seine eigene Abkunft hinterfragt. So reden Mutter und Sohn auch hier wieder aneinander vorbei.
Die Erzählung über den Überfall der Russen endet mit wörtlicher Rede: »Arnold lebt«, sagte die Mutter, »aber er trägt einen anderen Namen.« (S. 16)
Die Reaktion des Jungen, „»Vielleicht«, sagte ich darauf, »hat er ja Glück gehabt, und sie haben ihn wieder Arnold genannt«“ (S. 16f.), wirkt, als machte er sich über die ganze Geschichte lustig. Die Formulierung „vielleicht […] hat er ja Glück gehabt“ (S. 16f.) klingt sogar zynisch. Eine andere Erklärung könnte regressives Verhalten sein: Den Jungen hat die Geschichte der Mutter völlig überfordert, er zieht sich in ein kindliches Gedankenspiel zurück: Warum soll der Bruder durch Zufall nicht noch einmal Arnold genannt worden sein? Wäre doch möglich? Ob die dann folgende Erklärung für die Bemerkung, er sei „wütend auf Arnold“ (S. 17) gewesen, eher dem erwachsenen Erzähler zuzuordnen ist oder ob der Junge das unmittelbar danach bereits selbst so empfunden hat, könnte man diskutieren. Spätestens hier muss jedenfalls die Frage thematisiert werden, aus welcher Perspektive erzählt wird, bzw. wann aus welcher: aus der des unmittelbar erlebenden Jungen oder aus der des rückblickenden Erwachsenen. Der letzte Satz des Textausschnitts liest sich auf jeden Fall wie eine nachträgliche Analyse. Dem erinnerten Ereignis wird in späterer Reflexion die Bedeutung einer adoleszenten Entwicklungsschwelle beigemessen: „Denn erst jetzt begann ich zu begreifen, daß Arnold, der untote Bruder, die Hauptrolle in der Familie spielte und mir eine Nebenrolle zugewiesen hatte.“ (S. 17)

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