Treichel: Der Verlorene

Arnold ist tot

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 2:
“Irgendwann aber klärte mich die Mutter insoweit über Arnolds Schicksal auf, als sie mir offenbarte, daß Arnold auf der Flucht vor dem Russen verhungert sei.(…) Von meinen Spielkameraden hatte kein einziger einen toten und schon gar nicht einen auf der Flucht vor dem Russen verhungerten Bruder. ” (S. 10-12)

Arnold ist tot.

Am Ende seiner „ersten Jahre“ wird der Erzähler über den Tod Arnolds „aufgeklärt“. Der Erzähler bekommt auf Rückfragen keine Antworten. Die Information, dass sein Bruder tot sei, erleichtert ihn.
Als toter Bruder stellt Arnold, so nimmt es der Erzähler wahr, keine Bedrohung mehr dar.
Er erzählt, dass er Arnold nunmehr sogar Sympathie entgegengebracht habe und dass er Stolz empfunden habe, „einen toten Bruder zu besitzen“ (S. 11).
Der Besitz eines toten, „auf der Flucht vor dem Russen verhungerten“ (S. 12) Bruders hebt seinen Status unter Gleichaltrigen. Aus der Behauptung „Ich trauerte um Arnold“ (S. 11) und der darauf folgenden grotesk anmutenden Steigerung, die sich fast wie ein Jubel anhört, „ich war stolz auf ihn, ich teilte mit ihm mein Kinderzimmer und wünschte ihm alle Milch dieser Welt. Ich hatte einen toten Bruder, ich fühlte mich vom Schicksal ausgezeichnet.“ (S. 11) klingt Selbstironie heraus. Gleichzeitig aber drängt sich der Gedanke auf, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein kann, zumal auf den ersten Blick befremdlich und makaber wirkt, dass ein toter Bruder mehr hermachen soll als ein lebender. Man fühlt sich daran erinnert, dass in Kriegszeiten gefallene Söhne mehr Ehre für die Familie bringen als lebende.

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