Treichel: Der Verlorene

Arnold ist ein Bild

Inhalt und Interpretation von Textausschnitt 1:
“Mein Bruder hockte auf einer weißen Wolldecke und lachte in die Kamera. (…) Und auch die Tatsache, daß Arnold wohl mein Bruder war, ich ihn aber noch niemals leibhaftig zu Gesicht bekommen hatte, hatte mich die ersten Jahre nur beiläufig beunruhigt, zumal es mir nicht unlieb war, mein Kinderzimmer nicht mit ihm teilen zu müssen.” (S. 7-10)

Arnold ist ein Bild.
Erste Jahre der Kindheit: Der Erzähler beneidet Arnold „um seine Freude“ (S. 7) und „um seinen Platz im Photoalbum“ (S. 7).
Der Erzähler selbst hat also keine Freude.
Der Erzähler hätte sich mit der Situation „abfinden können“ (S. 9), aber da er oft und lange gezwungen ist Arnolds Bild zu betrachten und dabei Tränen und Ergriffenheit der Mutter auszuhalten, sitzt er „misslaunig und mit verkniffenem Gesicht“ (S. 10) neben der Mutter.
Der Erzähler hat sich zufrieden gegeben, ist nur „beiläufig beunruhigt“ (S. 10), ihm ist „nicht unlieb“ (S. 10), dass er sein Kinderzimmer nicht teilen muss.
Denkbare Assoziationen des Lesers: Vielleicht wäre es besser, wenn Arnold noch andere Menschen (Geschwister) hätte, damit er seiner Mutter und ihrem Leid nicht so unentrinnbar ausgeliefert wäre. Gegenargument: Es geht nicht um irgendwelche Geschwister, sondern um einen Bruder, der alles Interesse und alle Gefühle der Mutter auf sich zieht. Der Erzähler ist zwar im Fotoalbum quasi nicht vorhanden, aber er hat immerhin sein Kinderzimmer für sich. Wäre der Bruder in seinem Kinderzimmer, müsste er also befürchten, dass er dieses nicht nur teilen müsste, sondern dass er auch im Kinderzimmer – analog zum Fotoalbum – quasi gar nicht mehr vorhanden wäre. Aber: Offenbar hat der Erzähler schon jetzt gar nichts von seinem Kinderzimmer. Auch für ihn scheint Arnold das einzige Thema zu sein, der Leser erfährt nichts über andere Interessen und Beschäftigungen des Erzählers.
Widerspruch: Die Mutter nimmt den Erzähler einerseits überhaupt nicht wahr (keine Bilder, keine Ansprache, Schweigen); andererseits benutzt sie ihn als Dauerzeugen ihrer eigenen Notsituation.
Die Situation wirkt aussichtslos: Die Mutter ist Vertriebene oder Flüchtling, sie erlebt ihren derzeitigen Aufenthaltsort nicht als Zuhause, sie ist ausweglos mit ihrer Trauer beschäftigt, der Erzähler erlebt, dass er keine eigene Daseinsberechtigung hat, er wird emotional vernachlässigt und missbraucht. Er hat sich in dieser Situation eingerichtet. Es gibt einen Vater, dieser tritt aber in diesem ersten Abschnitt nicht weiter in Erscheinung.

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