Treichel: Der Verlorene

(Anti-)Proportionale (Schein-)Zusammenhänge

je – desto; je – um so

Und je länger ich den Worten des Russen zuhörte, die mal wie Befehle oder wie Anweisungen klangen und dann wieder einem melancholischen Singsang ähnelten, um so mehr schien es mir, als würde ich nicht nur einzelne Teile der Russenrede verstehen, ich bildete mir auch ein, daß die Worte des Russen irgend etwas mit mir und meiner Familie zu tun hatten.
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Je mehr sich die Mutter im Haus zu schaffen machte, um so weniger konnten die Scham und die Schuld sich ihrer bemächtigen.
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Je mehr die Mutter unter der Last der Erinnerung zu erstarren drohte, um so aktiver wurde der Vater.
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Je länger mein Haar war, um so zufriedener war ich mit mir selbst. Für den Vater galt allerdings das genaue Gegenteil: je länger mein Haar war, um so unzufriedener war er mit mir. Durfte mein lockiges Kleinkindhaar noch fast bis auf die Schultern reichen, so verkürzte sich die väterliche Toleranzgrenze von Lebensjahr zu Lebensjahr um einige Zentimeter. Je älter ich wurde, um so kürzer mußte mein Haar sein. Inzwischen war ich bei Streichholzlänge angekommen, wobei schon seit langem nicht mehr daran zu denken war, daß das Haar noch an die Ohren oder den Hemdkragen stoßen durfte. Doch mit der Zeit genügte auch das dem Vater nicht mehr, ein inneres Maß hatte seine Toleranzgrenze auf Frontsoldaten- beziehungsweise Lagerinsassenhaarlänge festgelegt. Das war freilich so ohne weiteres nicht durchzusetzen, selbst der Friseur plädierte weiterhin für einen »knappen Fassonschnitt« und schreckte vor der Rundumrasur zurück. Erst das notwendige Bildergutachten erlaubte dem Vater, sein Idealmaß durchzusetzen und meinen Kopf rundherum bis auf die Haut freilegen zu lassen.
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Doch je weniger ich atmete, um so mehr drückte sie mich an sich, fast, als wollte sie mich in ihren Bauch hineindrücken.
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Je mehr die Mutter bebte und erschauerte, um so stärker drückte sie mich an ihren Bauch und fast in ihren Bauch hinein.
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Während sich die Mutter nur schwer vom Ergebnis des Gutachtens erholte, kümmerte sich der Vater um so mehr um das Geschäft.
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Wohl war der Schädelbruch verheilt, doch war die Mutter nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus mehr denn je in sich versunken, schweigsam und still.
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Je länger der Professor tastete, desto mehr Höcker und Erhebungen hatte mein Kopf, und je länger er tastete, desto mehr schämte ich mich für diese Höcker und Erhebungen.
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Und je mehr ich auf dem Kopf schwitzte, um so mehr schämte ich mich dafür, daß der Professor meinen nassen und verschwitzten Kopf unter seinen Händen hatte.
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Während der Heimfahrt sprachen die Eltern nur wenig miteinander, und je länger die Fahrt andauerte, um so mehr wurde ihnen bewußt, daß sie keinen Schritt weitergekommen waren.
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Auch die Untersuchung von Kinn und Ohren hatte keine wirkliche Klarheit geschaffen, und je detaillierter das Gutachten war, um so verwirrender schien es auch.
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Je länger die Mutter über die Tatsache nachgedacht habe, daß 99,73 Prozent keine 100 Prozent seien, um so mehr seien ihr die restlichen 0,27 Prozent zum 99,73prozentigen Beweis dafür geworden, daß Arnold und das Findelkind identisch seien. Die Mutter habe sich auch von ihm, der die Dinge realistischer sehe, nicht umstimmen lassen, und je mehr er sie habe umstimmen wollen, um so weniger habe sie sich umstimmen lassen.

 

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