Treichel: Der Verlorene

Nähe – Intimität – Gewalt

Die Mutter hielt ein weißes Kissen auf dem Arm, über dem eine wiederum weiße Decke lag. Unter dieser Decke befand ich mich, was man daran erkennen konnte, daß die Decke sich am unteren Ende des Kissens verschoben hatte und die Spitze eines Säuglingsfußes darunter hervorschaute.

(…)
»Verhungert«, sagte die Mutter, »in meinen Armen verhungert.«

(…)

Irgendwann, soviel verstand ich, ist auf der Flucht vor dem Russen etwas Schreckliches passiert. Was es war, sagte die Mutter nicht, sie sagte nur immer wieder, daß auf der Flucht vor dem Russen etwas Schreckliches passiert sei und daß ihr auch der Vater nicht habe helfen können und daß ihr niemand habe helfen können.

(…)

»Das Schreckliche aber«, sagte die Mutter, »ist dann doch passiert.«

(…)

Wohl sei ihr etwas Schreckliches zugefügt worden von den Russen, aber die Russen hätten es gar nicht auf ihr Leben oder das ihrer Familie abgesehen gehabt. Die Russen hätten es immer nur auf eines abgesehen gehabt.

(…)

Die Mutter und ich hingegen fanden uns so oft wir konnten vor dem Fernseher ein, und dies am liebsten dann, wenn der Vater nicht im Haus war. Allerdings waren die gemeinsamen Stunden vor dem Fernseher nur so lange vergnüglich, solange es auf dem Bildschirm nicht zu Intimitäten kam. Sobald aber eine intime Szene zu sehen war, erstarrten sowohl die Mutter als auch ich vor dem Fernseher, und es herrschte eine solche Verlegenheit und Beschämung im Raum, daß wir kaum zu atmen wagten. Schon bei der harmlosesten Kußszene wartete ich auf nichts anderes als auf den Fortgang des Films und die Erlösung von der bedrängenden Szene. Doch oftmals stellte sich die Erlösung nicht ein, und die Beschämung hielt auch dann noch an, wenn es keinerlei intime Szenen mehr auf dem Fernsehschirm zu sehen gab. Die bloße Zweisamkeit vor dem Fernseher trieben mir und der Mutter die Schamröte ins Gesicht. Wir saßen mit heißen Köpfen in dem halbdunklen Raum und wagten nicht uns zu rühren. Wenn wir vor dem Fernseher saßen, schämten wir uns, auch wenn ich nicht weiß, wofür wir uns schämten. Vielleicht war es gar nicht die Intimität im Fernseher, für die wir uns schämten, sondern die Intimität vor dem Fernseher. Vielleicht hatte es auch mit meinem Bruder Arnold zu tun. Wenn die Bedrückung zu groß wurde, schaltete die Mutter den Fernseher aus. Ohne ein Wort sprang sie auf, drückte auf den Knopf und verließ den Raum. Ich protestierte nicht dagegen, ich war froh, daß die Mutter den Fernseher ausgeschaltet hatte, froh, nicht länger den Druck des Blutes in meinem Kopf spüren zu müssen.

(…)

Auch die Mutter habe sich mit einem Tuch verhüllt. Das erste, worauf die Russen sich gestürzt hätten, sagte der Vater, seien junge Frauen gewesen. Wobei sie natürlich den Trick mit dem Tuch ziemlich schnell durchschaut und sich demzufolge gerade auf jene Frauen gestürzt hätten, die ihr Gesicht bedeckt hielten. Das konnten allerdings auch alte Frauen gewesen seien. Vor den Russen, sagte der Vater, sei im Prinzip keine Frau sicher gewesen, ob jung oder alt. Und auch die Mutter war vor den Russen nicht sicher gewesen, schloß ich daraus. Höchstwahrscheinlich hatten sich die Russen auch auf die Mutter gestürzt, wobei ich mir nicht gänzlich darüber im klaren war, was es im einzelnen zu bedeuten hatte, wenn die Russen sich auf jemanden stürzten.

(…)

Die Behörden aber, sagte der Vater, seien längst nicht so felsenfest davon überzeugt, auch wenn sich der zuständige Sachbearbeiter anhand einiger Photos davon überzeugen konnte, daß der Heimjunge eine verblüffende Ähnlichkeit mit mir, seinem mutmaßlichen Bruder, habe. »Der Junge«, sagte der Vater, »ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten.« Eine Vorstellung, die mir so großes physisches Unbehagen bereitete, daß ich mich zwar nicht übergeben mußte, wohl aber eine Art Magenkrampf bekam, der auch mein Gesicht erfaßte, die Wangen durchzog und hinter der Stirn endete. Fast schien es, als würde ich die Schnitte spüren, mit denen mir Arnold aus dem Gesicht geschnitten wurde, wobei sich die Schnitte auch in Stromschläge und Schmerzblitze verwandeln konnten, die durch mein Gesicht fuhren und mir ein krampfartiges Grinsen aufnötigten.

(…)

Noch ehe der Kriminalbeamte ganz das Haus verlassen hatte, schrubbte mir die Mutter mit einer Nagelbürste auch schon die Stempelfarbe von den Fingern.

(…)

Nun kam alles darauf an, daß ich so deutlich wie möglich zu sehen war, was unter anderem bedeutete, daß ich in ein weißes Hemd mit Schillerkragen gesteckt wurde und mir der Vater eine Kurzhaarfrisur verordnete, die mich zu einer Art Lagerinsassen machte. Ich wurde gleichsam kahlgeschoren und dann von allen Seiten abgelichtet. Das Anthropologische Institut, welches das Gutachten erstellte, hatte eigens darauf hingewiesen, daß die Ohren gut erkennbar sein müßten und daß eine Ohrhinteransicht äußerst hilfreich wäre. Um dem Institut eine Ohrhinteransicht zukommen zu lassen, mußte eine Hinterkopfaufnahme gemacht werden, eine für den Photographen besondere Herausforderung, der er sich in meinem Fall zum ersten Mal stellen mußte. Während er die Vorder- und Seitenaufnahmen routiniert erledigte, widmete er sich der Hinterkopfaufnahme mit äußerster Sorgfalt und machte eine ganze Serie von jeweils verschieden ausgeleuchteten Aufnahmen. Schon die üblichen Aufnahmen hatte ich nur verkrampft über mich ergehen lassen, die nicht enden wollenden Hinterkopfaufnahmen aber waren eine Tortur, denn ich betrachtete meinen Hinterkopf in gewisser Weise als meinen schwächsten und unansehnlichsten Körperteil. Normalerweise lebt ein Mensch mit seinem Hinterkopf, ohne ihn eigentlich wahrzunehmen oder ihm besondere Auf merksamkeit zuteil werden zu lassen. Für mich war der Hinterkopf insofern ein hochproblematischer Körperteil, als ich schon in frühester Kindheit immer darum bemüht war, meine Haare darüber wachsen zu lassen. Es gab für mich nichts Schöneres, als langes Hinterkopfhaar zu tragen; und ich war glücklich, wenn das Haar an den Kragen reichte oder sogar über den Kragen hinauswuchs. Je länger mein Haar war, um so zufriedener war ich mit mir selbst. Für den Vater galt allerdings das genaue Gegenteil: je länger mein Haar war, um so unzufriedener war er mit mir. Durfte mein lockiges Kleinkindhaar noch fast bis auf die Schultern reichen, so verkürzte sich die väterliche Toleranzgrenze von Lebensjahr zu Lebensjahr um einige Zentimeter. Je älter ich wurde, um so kürzer mußte mein Haar sein. Inzwischen war ich bei Streichholzlänge angekommen, wobei schon seit langem nicht mehr daran zu denken war, daß das Haar noch an die Ohren oder den Hemdkragen stoßen durfte. Doch mit der Zeit genügte auch das dem Vater nicht mehr, ein inneres Maß hatte seine Toleranzgrenze auf Frontsoldaten- beziehungsweise Lagerinsassenhaarlänge festgelegt. Das war freilich so ohne weiteres nicht durchzusetzen, selbst der Friseur plädierte weiterhin für einen »knappen Fassonschnitt« und schreckte vor der Rundumrasur zurück. Erst das notwendige Bildergutachten erlaubte dem Vater, sein Idealmaß durchzusetzen und meinen Kopf rundherum bis auf die Haut freilegen zu lassen.

(…)

»Ihr ähnelt euch«, sagte daraufhin der Vater zur Mutter, die erst jetzt den Kopf aus ihren Händen löste und ihn ansah. Dann las er ihr noch einmal die Passage über die Lidspalte vor, setzte sich zu ihr, nahm sie in den Arm und drückte sie an sich. Die Mutter schwieg weiterhin, aber ich konnte sehen, wie das Zittern ihres Kopfes langsam nachließ und schließlich ganz verschwand.

(…)

Manchmal geschah es, daß sie die Arme nach mir ausstreckte, mich an sich drückte, meinen Kopf mit ihren Händen bedeckte und fest an ihren Bauch drückte. Dort blieb mir die Luft weg, und ich begann zu schwitzen, während ich spürte, wie erst der Bauch und dann die ganze Mutter bebte. Ich wollte nicht an den Bauch der Mutter gedrückt sein, und ich wollte nicht, daß die Mutter bebte, während ich an ihren Bauch gedrückt war. Doch je weniger ich atmete, um so mehr drückte sie mich an sich, fast, als wollte sie mich in ihren Bauch hineindrücken. Aber ich wollte nicht in den Bauch der Mutter hineingedrückt werden, ich wollte gar nicht gedrückt werden. Früher hatte mich die Mutter nie gedrückt, und jetzt wollte ich nicht mehr gedrückt werden, ich kam sehr gut zurecht, ohne gedrückt zu werden. Aber die Mutter kam anscheinend nicht mehr zurecht, ohne zu drücken. »Laß dich drücken«, sagte sie manchmal und aus heiterem Himmel. Doch wenn sie mich dann drückte, war es ein schweres, verzweifeltes, ein vom Beben und Erschauern ihres Körpers begleitetes Drücken. Je mehr die Mutter bebte und erschauerte, um so stärker drückte sie mich an ihren Bauch und fast in ihren Bauch hinein. Ich wagte nicht, der Mutter zu sagen, daß ich nicht gedrückt werden wollte. Einige Male war es vorgekommen, daß ich mich ihren Händen entzogen hatte und vor ihrer Umarmung zurückgewichen war. »Laß dich drücken«, hatte die Mutter gesagt, doch ich war noch im letzten Moment ein wenig in die Knie gegangen und hatte zugleich einen Ausfallschritt nach hinten gemacht, so daß die Mutter, schon mit halbgeschlossenen Lidern und ein wenig wie in Trance, ins Leere griff und dabei fast vornüberkippte. Dann fing sie sich wieder, riß die Augen auf, starrte in den leeren Raum, der sich zwischen ihr und mir aufgetan hatte, und mit einem Schlag wich alle Farbe aus ihrem Gesicht. Bleich und schattenhaft stand die Mutter vor mir, als wäre ihr alles Blut aus dem Körper geflossen.

(…)

Sie wolle keinen Admiral, sagte die Mutter. Sie wolle ihr Kind. Dann setzte sie sich an den Tisch und sagte nichts mehr; nur ihr Kopf zitterte wieder, wie er schon einmal gezittert hatte. Hätte ich die Untat begangen, der Vater hätte mich gewiß halbtot geprügelt. Die Mutter aber rührte er nicht an.

(…)

Wir wurden in einen Warteraum geführt und von der Laborantin ohne weitere Erklärungen aufgefordert, Schuhe und Strümpfe auszuziehen, was die Mutter in einer Umkleidekabine erledigte, der Vater und ich aber an Ort und Stelle. Der Vater, der nicht mehr, wie auf den alten Photos, ein schlanker und junger Soldat war, sondern ein übergewichtiger Geschäftsmann, hatte Mühe mit dem Bücken, so daß ich ihm beim Ausziehen der Schuhe und Strümpfe behilflich sein mußte. Ich hatte ihm schon des öfteren beim An- und Ausziehen der Schuhe geholfen, aber ich hatte ihm noch nie die Socken ausgezogen. Ich hatte auch noch nie, so wurde mir jetzt bewußt, die nackten Füße des Vaters gesehen. Vom Vater kannte ich den Kopf, den Hals, die Hände und einen Teil der Unterarme. Alles andere hatte ich nie zu Gesicht bekommen, und es war mir bis zu diesem Moment auch ganz natürlich erschienen, daß der Körper des Vaters nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus gestärkten Hemden, einem Anzug mit Weste und Lederschuhen bestand. Nun zog ich ihm im Gerichtsanthropologischen Institut der Universität Heidelberg die Socken aus und mußte feststellen, daß sich die Füße des Vaters insgesamt zwar nicht von den Füßen anderer Menschen unterschieden, daß sie sich aber, jeder für sich genommen, voneinander unterschieden. Der Vater hatte zwei gänzlich verschiedene Füße. Der rechte Fuß war ein eher fleischiges, muskulöses Organ mit kurzen, kräftigen Zehen, die sich wie der ganze Fuß geschmeidig und fest auf den Boden drückten. Der linke Fuß dagegen war schlank, knochig und ein wenig gewölbt, mit ebenso knochigen und fast krallenartigen Zehen. Seltsamerweise waren auch die Nägel am linken Fuß nicht so kurz geschnitten wie die des rechten Fußes, so daß der krallenartige Eindruck noch verstärkt wurde. Weder die Mutter noch der Vater hatten jemals über die unterschiedlichen Füße des Vaters gesprochen, und auch jetzt machte er keine Anstalten, irgend etwas zu seinen Füßen zu bemerken. Er ließ sich die Socken reichen und steckte sie, auch dies mit Selbstverständlichkeit, in die Taschen seines Jacketts, während ich die Schuhe ordentlich unter dem Stuhl plazierte.

(…)

Doch statt unsere Füße auf Stempelkissen zu drücken und sie dann über eine weiße Karteikarte abzurollen, baute die Laborantin einen faßähnlichen Behälter vor uns auf, der voller feuchter, heißer und dampfender Tücher war, die wiederum in einer weißen Gipsbrühe schwammen. Die gipsgetränkten Tücher wurden nun dem Vater, der Mutter und mir um den rechten Fuß gewickelt. Anscheinend genügte dem Laboratorium der Abdruck von jeweils einem Fuß.

(…)

»Und nun«, sagte die Laborantin, »machen Sie sich bitte frei. Aber einer nach dem anderen.« Als wenn wir uns danach gedrängt hätten, uns vor der Laborantin freizumachen. Das Gegenteil war der Fall. Ich ließ dem Vater den Vortritt, und der Vater ließ der Mutter den Vortritt, die dann auch mit der Laborantin hinter einem Vorhang verschwand. Nachdem auch die Körperbaumerkmale des Vaters erfaßt worden waren, begab ich mich hinter den Vorhang, zog Hemd und Unterhemd aus und wartete. Die Laborantin musterte mich mit kühlem Blick und schnalzte auf die gleiche abschätzige Art mit der Zunge, wie sie schon einmal geschnalzt hatte. Dann sagte sie »Nun wollen wir mal« und legte mir ein elastisches Meßband um die Schultern, um den Schulterumfang zu messen. Sie notierte die Werte, legte das Band um die Brust, maß den Brustumfang, notierte wieder und legte mir das Band schließlich um den Bauch. Obwohl in dem Laborraum eine eher kühle Temperatur herrschte, war mir während des Meßvorgangs immer heißer geworden. Ich begann aus Scham und Verlegenheit zu glühen und spürte, wie sich ein Schweißfilm auf der Brust bildete, der immer feuchter wurde, sich in der Mulde des Brustbeins sammelte, von wo er in dünnen Fäden den Bauch hinunterfloß und im Hosenbund versickerte. Als die Laborantin das Meßband von meinem Bauch entfernen wollte, klebte es aufgrund der Feuchtigkeit so fest, daß sie es mir wie ein Pflaster von der Haut ziehen mußte. Die Laborantin hielt das feuchte Meßband mit spitzen Fingern in die Höhe, um die Meßwerte abzulesen. Dann rollte sie das Band nicht wieder zusammen, sondern ließ es auf eine Ablage fallen. »Nun noch den Rohrerindex«, sagte sie mehr zu sich selbst als zu mir, nahm eine mit Einkerbungen und Ziffern versehene hölzerne Zange zur Hand und kniff mit dem Instrument in meinen Bauch, den ich unwillkürlich einzog. Die Zange rutschte ab, »Bauch raus«, sagte die Laborantin, ich streckte den Bauch wieder raus und hielt zugleich den Atem an, damit es der Laborantin endlich gelang, mit der Zange eine Speckfalte des Bauches zu greifen und festzuhalten. Während sie mit der einen Hand die eingeklemmte Bauchfalte festhielt, griff sie mit der anderen nach ihren Papieren und notierte die Werte, die sie direkt von der Zange ablesen konnte. Anscheinend waren ihr, noch während sie die Werte notierte, irgendwelche Ungereimtheiten aufgefallen, so daß sie sich, ohne den Zangengriff auch nur um ein weniges zu lockern, für einige Zeit ihren Aufzeichnungen zuwandte. Sie rechnete und verglich, stutzte und korrigierte schließlich ihre Aufzeichnungen, während ich noch immer den Atem anhielt. Denn sobald ich ein wenig Luft in meine Atemwege ließ und sich der Bauch ein wenig bewegte, drückte die Laborantin die Zange wieder fester zusammen. Also hörte ich erneut auf zu atmen, was zur Folge hatte, daß sich der Griff ein wenig lockerte. Nachdem die Laborantin ihre Korrekturen beendet hatte, löste sie auch die Zange von meinem Bauch, und ich durfte mich anziehen. Ich setzte mich zu den Eltern, die inzwischen im Warteraum Platz genommen hatten, und erzählte ihnen nichts von meinen Erlebnissen mit der Zange. Die Eltern machten einen gelassenen Eindruck, entweder wollten sie sich nicht anmerken lassen, daß auch ihre Bauchfalten vermessen worden waren, oder aber es hatte ihnen nichts ausgemacht.

(…)

Dann erhob er sich von seinem Stuhl, ging auf mich zu, tätschelte mir den Hinterkopf, sagte, daß der Laden mal renoviert werden müsse, sagte dann, daß ich anscheinend ein aufgewecktes Kerlchen sei, vielleicht ein wenig zuviel Babyspeck am Leibe habe, wie er von seiner Laborantin wisse, was man aber auch so sehen könne. Er tätschelte mir noch immer den Hinterkopf, wobei sich sein Tätscheln allmählich in eine Art Abgreifen des Hinterkopfes verwandelte, so daß er mich am Ende nicht mehr tätschelte, sondern seine Fingerkuppen einerseits stark gegen meine Schädeldecke drückte und zugleich mit dem Daumen Höcker und Erhebungen auf meinem Kopf betastete. Mir wurde ein wenig schwindlig unter der Hand des Professors, zumal sein Griff weitaus kräftiger war, als der eher schmächtige Mann vermuten ließ. Mit einer Hand betastete er meinen Kopf, mit der anderen rauchte er. Schließlich drückte er die Zigarette aus und begann nun, meinen Schädel mit beiden Händen zu betasten. Hatte ich vorher nie das Gefühl gehabt, Schädelhöcker und Schädelerhebungen zu besitzen, so hatte ich nun das Gefühl, daß mein Schädel aus nichts anderem als aus Höckern und Erhebungen bestand. Je länger der Professor tastete, desto mehr Höcker und Erhebungen hatte mein Kopf, und je länger er tastete, desto mehr schämte ich mich für diese Höcker und Erhebungen. Und ganz wie am Vormittag während der Körperbauuntersuchung begann ich vor Scham und Verlegenheit zu glühen und zu schwitzen. Nur schwitzte ich diesmal nicht am Bauch und auf der Brust, sondern auf dem Kopf. Und je mehr ich auf dem Kopf schwitzte, um so mehr schämte ich mich dafür, daß der Professor meinen nassen und verschwitzten Kopf unter seinen Händen hatte. Der aber ließ sich nichts anmerken. Er beendete das Abtasten des Kopfes, wusch sich kommentarlos die Hände, trocknete sich ab, machte sich einige Notizen und begann dann mit dem Vermessen des Kopfes. Hierzu nahm er eine hölzerne Zange, die, ganz ähnlich wie die Bauchfettzange, mit einer Zahlenskala versehen war, sich aber sehr viel weiter öffnen ließ. Er setzte die Zange einmal von vorn und einmal von der Seite an, notierte die Werte und griff dann zu einem anderen Instrument, das an eine Schraubzwinge erinnerte und mit dem er das ermittelte, was er die relative Kieferwinkelbreite nannte. »Die relative Kieferwinkelbreite«, sagte der Professor, während er meinen Oberkiefer zwischen die Schraubzwingen spannte, »kann über alles entscheiden. Wenn die relative Kieferwinkelbreite übereinstimmt, dann stimmen sehr oft auch Stirnbreite, Jochbeinbreite, Ohrbreite und Nasenbreite, ja manchmal sogar die Nasenrückenlänge überein.« Es schmeichelte mir, daß der Professor mich in seine Berufsgeheimnisse einweihte, sagte aber nichts, sondern konzentrierte mich ganz auf den Schmerz, den die beiden Schrauben verursachten, mit denen die Schraubzwinge an meinem Kiefer befestigt war. Ich begriff von den Bemerkungen des Professors vor allem so viel, daß jetzt auch noch Stirnbreite, Jochbeinbreite, Nasenbreite und Ohrbreite zu vermessen waren. Glücklicherweise wurde die Schraubzwinge nur noch bei der Stirnbreite und der Jochbeinbreite eingesetzt, während Nase und Ohren sowohl mit einem elastischen Meßband als auch mit einem zirkelähnlichen Gerät ermittelt wurden. Das zirkelähnliche Gerät war allerdings statt mit einer Metallspitze mit zwei Gumminoppen versehen, so daß es ganz schmerzlos auf die Haut aufgesetzt werden konnte. Die Nasen- und Ohrenvermessung verlief denn auch völlig schmerzfrei und dauerte nur wenige Minuten. Nach getaner Arbeit entließ der Professor mich in den Warteraum, wo die Eltern, schon fertig mit Hut und Mantel bekleidet, auf mich warteten. Während wir das Institut verließen, erzählte ich den Eltern, wie schmerzhaft die an meinem Kiefer befestigte Schraubzwinge gewesen sei, worauf sie aber nicht reagierten. Ich wäre gern ein wenig bedauert worden, aber niemand bedauerte mich. Erst als ich hinzufügte, daß mich der Professor mit einem Zirkel ins Gesicht gestochen habe, bekam die Mutter einen Schreck und untersuchte mein Gesicht auf Verletzungen oder Blutspuren. Natürlich verlief die Untersuchung negativ, so daß mir nichts anderes übrigblieb, als den Eltern zu erzählen, daß im Untersuchungsraum des Professors geschossen worden sei. Auch diese Bemerkung rief keine Wirkung hervor, lediglich der Vater zischte ein »Genug jetzt!« Ich schwieg und folgte den Eltern, die den Rest des Tages für eine Stadtbesichtigung nutzen wollten.

(…)

Auf dem Scheitelpunkt der Brücke blieben wir stehen und schauten auf den Fluß. Während ich noch immer den Schwingungen der Brücke nachhorchte, sah ich, wie der Vater seinen Arm um die Schultern der Mutter legte und wie diese ein wenig den Kopf neigte, so daß ihre rechte Wange die Schulter des Vaters berührte. Ich hatte zuvor noch nie gesehen, daß die Mutter ihren Kopf auf diese Weise neigte, und aus irgendeinem Grund machte mich das traurig. Ich vertrieb meine Traurigkeit damit, daß ich einige Male in die Luft sprang und möglichst hart wieder aufsetzte, um die Brücke doch noch in Schwingungen zu versetzen. Ich hätte in diesem Moment auch nichts dagegen gehabt, wenn die Brücke eingestürzt wäre. Doch sie stürzte nicht ein. Sie schwang nicht einmal. Nicht die geringste Bewegung war zu spüren.

(…)

Ich lag auf dem dunkelgrünen Wasser des Toten Meeres. Ich brauchte mich nicht zu bewegen, die Wellen trugen mich, die Wellen schaukelten mich, ich hatte ein warmes Gefühl in den Adern, ich schloß die Augen und schlief. Als ich am nächsten Morgen die Küche betrat, umarmte mich die Mutter, in Tränen aufgelöst und ganz in Schwarz gekleidet. Ihre Umarmung machte mich ebenso verlegen wie ihre schwarze Kleidung. Ich brauchte einige Zeit, um mich an das zu erinnern, was geschehen war.

(…)

Die Mutter warf sich über den Toten, der auf einem steinernen Podest in seinem Sarg lag, herzte und küßte ihn und sprach dann an seiner Seite ein langes und für mich unhörbares Gebet. Ich blieb in einigem Abstand, ich fröstelte in dem weißgekalkten Raum und wartete auf den Tag, an dem ich die schwarze Binde nicht mehr zu tragen brauchte.

(…)

Ich sah das vergitterte Kellerfenster, das sich knapp über der Erde befand und nur wenig Licht hereinließ. Ich dachte an den Mann in den Gummistiefeln und der grünen Schürze. Ich sah den Vater, der unter einem weißen Leichentuch lag und immer noch zu atmen schien, denn das weiße Tuch senkte und hob sich vor meinen Augen. Ich erklärte mir die atmende Bewegung des Vaters als eine Täuschung, die wohl dadurch zustande kam, daß ich noch niemals einen Menschen gesehen hatte, der nicht atmete, und gewissermaßen darauf festgelegt war, einen Menschen immer als atmenden Menschen zu sehen. Zugleich wurde mir bewußt, daß ich den Vater zu Lebzeiten nie als einen Menschen wahrgenommen hatte, dessen Brust und Bauchdecke sich unaufhörlich hob und senkte. Und jetzt, wo er tot war und nicht mehr atmete, konnte ich nichts anderes sehen als einen unaufhörlich atmenden Vater. Wenn ich noch länger bei dem toten Vater geblieben wäre, ein paar Stunden oder einen ganzen Tag, dann hätte ich es gewiß auch gelernt, den toten Vater als nicht atmenden und gänzlich toten Menschen zu sehen. So aber gelang es mir nicht, zumal die weiße Binde, die man ihm um den Kopf und unter das Kinn gebunden hatte, mehr auf einen verletzten als auf einen wirklich toten Menschen schließen ließ. Doch wegen eines verletzten Menschen hätte ich keine schwarze Binde zu tragen brauchen. Bevor wir die Kapelle verließen, warf sich die Mutter ein zweites Mal über den Vater, küßte und herzte ihn noch zärtlicher als zuvor und auf eine so innige Weise, daß ich daran denken mußte, wie sie beide auf der alten Heidelberger Brücke gestanden hatten. Die Mutter streichelte die Wangen des Vaters, sie berührte die weiße Binde, die man ihm um den Kopf gebunden hatte, sie streichelte über sein Haar und drückte schließlich seine verwitterten, nun ein wenig fahl gewordenen Hände.

(…)

Doch wenn die Mutter zu sich kam, dann war sie keine Chefin mehr, sondern eine Frau, die in einem Nebel von Traurigkeit verschwand. Sie versorgte mich, aber sie schien mich nicht wahrzunehmen, und wenn sie mich wahrnahm, dann war es, als erblickte sie in mir nicht mich, sondern jemand anderen. Oft kam es vor, daß sie mich anschaute und daß sie dabei eine Rührung überkam. Sie schaute mich an, ihr Blick verlor sich in meinem Gesicht, und während sich ihr Blick in meinem Gesicht verlor, schien ihr eigenes Gesicht zu verschwimmen und sich aufzulösen. Mich peinigten diese Momente, ich rührte die Mutter, aber ich wollte sie nicht rühren. Niemand sonst reagierte bei meinem Anblick auf diese Weise. Ich war ein zu dick geratener pubertierender Knabe, mit einem seit dem Tod des Vaters nicht mehr geschnittenen, ehemals knappen Fassonschnitt. Ich hatte nichts an mir, was irgendwie anrührend gewesen wäre. Die meisten Menschen übersahen mich, und die, die mich nicht übersahen, rieten mir, zum Friseur zu gehen, weniger zu essen und mehr Sport zu treiben. Nur die Mutter rührte mein Anblick so sehr, daß sich ihr Gesicht fast aufzulösen schien, wenn sie meines betrachtete. Die gerührte und aufgelöste Mutter machte mich böse und ärgerte mich. Ich spürte, daß sie in mir etwas erblickte, was sie verloren hatte. Ich erinnerte sie an den Vater. Und ich erinnerte sie auch an Arnold.

(…)

Wenn die Mutter mit Herrn Rudolph Operetten hörte, dann tat sie dies an Sonntagnachmittagen und niemals hinter verschlossenen Türen. Ich durfte immer das von Musik erfüllte Wohnzimmer betreten, und ich sah niemals, daß es zwischen beiden zu irgendeiner Intimität gekommen ist. Herr Rudolph saß im Sessel vor einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen und lauschte der Musik. Die Mutter saß auf dem Sofa und lauschte ebenfalls. Ich aß meinen Kuchen und lief durchs Haus, und immer wenn ich in das Wohnzimmer zurückkehrte, saßen beide dort wie zuvor. Nur ein einziges Mal hatte ich gesehen, daß die Mutter Tränen in den Augen hatte und daß Herr Rudolph gerade dabei war, ihr ein Taschentuch zu reichen, es aber schnell wieder zurückzog, als ich den Raum betrat.

(…)

Während das Zittern der Mutter immer stärker wurde, hatte ich meinen Platz verlassen und mich ein wenig vom Tisch entfernt. Herr Rudolph war nach einem ersten Moment des Abwartens auf die Mutter zugesprungen, hatte sich neben sie gesetzt und sie dann so fest umarmt, daß ihr Zittern langsam abnahm. Während er sie umarmte, sagte er nur immer wieder »Ist ja gut«, »Ist ja gut«, als würde er mit einem Kind sprechen, das sich erschreckt hatte. Die Mutter beruhigte sich, und jetzt legte sie auch ihre Arme um Herrn Rudolph und weinte leise. Während die Mutter und Herr Rudolph sich umarmten, verließ ich den Raum.

(…)

Dann legte er ohne eine Erklärung die Hände auf meine Schultern und sagte, daß er die Mutter und mich sehr gern habe. Ich fühlte, wie mir das Blut in den Kopf stieg, doch ich wollte auf keinen Fall einen roten Kopf bekommen. Herrn Rudolphs Worte hatten mich in Verlegenheit gebracht: Da saß ein Polizist vor mir, in grüner Uniform mit Dienstpistole und Funkgerät, und sagte, daß er mich gern habe. Nachdem Herr Rudolph seine Worte gesprochen hatte, schien er erleichtert zu sein. Er drückte noch einmal meine Schultern und strich mir dann mit der rechten Hand über den Hinterkopf, so daß ich befürchtete, er würde meine Hinterkopfwölbung überprüfen wollen. Doch er berührte mich nur kurz, zog seine Hand wieder zurück und sagte dann mit ernster Stimme, daß es der Mutter in der letzten Woche besonders schlecht gegangen sei.

(…)

Ich war wütend auf die Mutter. Ich war auch wütend auf Arnold. Und ich bemerkte, daß ich auch wütend auf Herrn Rudolph war, und dies sowohl, weil er die Mutter umarmt hatte, als auch, weil die Mutter ihn auf eine Weise umarmte, wie sie mich noch niemals umarmt hatte. Mich hatte sie immer nur in Anfällen von verzweifelter Mutterliebe so stark an sich gepreßt, daß mir die Luft wegblieb.

(…)

Sie habe ihm noch nicht geantwortet, sagte die Mutter, aber sie werde nein sagen, obwohl sie ja sagen wolle. Dann blickte sie wieder nach vorn, und ich spürte, daß sie jetzt jemanden brauchte, der sie tröstete. Die Mutter tat mir leid, doch ich konnte sie nicht trösten. Sollte Arnold sie doch trösten, dachte ich, oder das Findelkind 2307, oder Heinrich der Fleischer. Und noch ehe ich mir die Mutter in inniger Vertrautheit mit meinem verlorengegangenen Bruder vorstellte, der sich inzwischen auf wunderbare Weise verdreifacht hatte, spürte ich wieder die Schuld und die Scham, die ich immer spürte, wenn die Mutter traurig war, und die es mir unmöglich machte, der Mutter auch nur das geringste Zeichen von Nähe zu zeigen.

(…)

Und während ich schluckte und die Übelkeit zu unterdrücken suchte, sah ich, wie auch mein Gegenüber hinter den Scheiben fahl wurde und bleich im Gesicht. Ich preßte mich in den Rücksitz, drehte die Scheibe herunter und atmete einige Male tief durch. Ich wollte der Mutter sagen, ich wollte sie anflehen, daß sie endlich aussteigen und endlich hineingehen solle zu ihm. Doch ich mußte atmen und konnte nichts sagen. Und noch während ich spürte, wie das Blut in meinen Kopf zurückkehrte und die Magennerven sich entspannten, sagte die Mutter, die von alldem nichts bemerkt zu haben schien: »Mach das Fenster zu. Wir fahren.«


Formen der “Nähe” – Textstellen sortiert und kommentiert:

Mutter – Kleinkind(er)
    • Fotografie: Die Mutter hält ihren (zweiten) Sohn (den Erzähler) auf dem Arm. Zwischen ihr und dem Kind befindet sich ein Kissen. Von dem Kind ist auf dem Bild nur ein Fuß zu sehen
    • Erzählung der Mutter: Der erste Sohn (Arnold) sei in ihren Armen verhungert. (Später stellt sich heraus, dass diese Geschichte unwahr ist.)
    • Hinweis auf fehlende Umarmungen:
      • Aber ich wollte nicht in den Bauch der Mutter hineingedrückt werden, ich wollte gar nicht gedrückt werden. Früher hatte mich die Mutter nie gedrückt, und jetzt wollte ich nicht mehr gedrückt werden, ich kam sehr gut zurecht, ohne gedrückt zu werden.
      • Der Erzähler berichtet, er sei auf Herrn Rudolph wütend gewesen, weil die Mutter ihn auf eine Weise umarmte, wie sie mich noch niemals umarmt hatte.

Mutter – jugendlicher Sohn (Erzähler)

    • gemeinsames Leiden unter intimen Szenen im Fernsehen
    • Berührungen zum Zweck der Körperreinigung: Noch ehe der Kriminalbeamte ganz das Haus verlassen hatte, schrubbte mir die Mutter mit einer Nagelbürste auch schon die Stempelfarbe von den Fingern.
    • Grenzen verletzendes Umarmen: Ich wollte nicht an den Bauch der Mutter gedrückt sein, und ich wollte nicht, daß die Mutter bebte, während ich an ihren Bauch gedrückt war. Doch je weniger ich atmete, um so mehr drückte sie mich an sich, fast, als wollte sie mich in ihren Bauch hineindrücken. Aber ich wollte nicht in den Bauch der Mutter hineingedrückt werden, ich wollte gar nicht gedrückt werden. Früher hatte mich die Mutter nie gedrückt, und jetzt wollte ich nicht mehr gedrückt werden, ich kam sehr gut zurecht, ohne gedrückt zu werden.
    • Umarmung nach Tod des Vaters: Als ich am nächsten Morgen die Küche betrat, umarmte mich die Mutter, in Tränen aufgelöst und ganz in Schwarz gekleidet. Ihre Umarmung machte mich ebenso verlegen wie ihre schwarze Kleidung. Ich brauchte einige Zeit, um mich an das zu erinnern, was geschehen war.
    • Mutter sieht in ihrem Sohn (Erzähler) zugleich Arnold und ihren verstorbenen Mann: Oft kam es vor, daß sie mich anschaute und daß sie dabei eine Rührung überkam. Sie schaute mich an, ihr Blick verlor sich in meinem Gesicht, und während sich ihr Blick in meinem Gesicht verlor, schien ihr eigenes Gesicht zu verschwimmen und sich aufzulösen. Mich peinigten diese Momente, ich rührte die Mutter, aber ich wollte sie nicht rühren. Niemand sonst reagierte bei meinem Anblick auf diese Weise. (…) Nur die Mutter rührte mein Anblick so sehr, daß sich ihr Gesicht fast aufzulösen schien, wenn sie meines betrachtete. Die gerührte und aufgelöste Mutter machte mich böse und ärgerte mich. Ich spürte, daß sie in mir etwas erblickte, was sie verloren hatte. Ich erinnerte sie an den Vater. Und ich erinnerte sie auch an Arnold.
    • Sohn sieht sich nicht in der Lage, die Mutter zu trösten:
      • Während das Zittern der Mutter immer stärker wurde, hatte ich meinen Platz verlassen und mich ein wenig vom Tisch entfernt.
      • Dann blickte sie wieder nach vorn, und ich spürte, daß sie jetzt jemanden brauchte, der sie tröstete. Die Mutter tat mir leid, doch ich konnte sie nicht trösten.
    • Sohn erträgt Umarmungen zwischen Mutter und Herrn Rudolph nicht:
        • Während die Mutter und Herr Rudolph sich umarmten, verließ ich den Raum.
        • Ich war wütend auf die Mutter. Ich war auch wütend auf Arnold. Und ich bemerkte, daß ich auch wütend auf Herrn Rudolph war, und dies sowohl, weil er die Mutter umarmt hatte, als auch, weil die Mutter ihn auf eine Weise umarmte, wie sie mich noch niemals umarmt hatte. Mich hatte sie immer nur in Anfällen von verzweifelter Mutterliebe so stark an sich gepreßt, daß mir die Luft wegblieb.

Vater – Sohn (Erzähler)

    • Grenzen verletzender indirekter Kontakt über das Haareschneiden: Erst das notwendige Bildergutachten erlaubte dem Vater, sein Idealmaß durchzusetzen und meinen Kopf rundherum bis auf die Haut freilegen zu lassen.
    • Andeutung, dass vom Vater gewalttätige Strafen zu erwarten sind: Hätte ich die Untat begangen, der Vater hätte mich gewiß halbtot geprügelt.
    • Sohn muss Vater beim Ausziehen der Schuhe behilflich sein: Ich hatte ihm schon des öfteren beim An- und Ausziehen der Schuhe geholfen, aber ich hatte ihm noch nie die Socken ausgezogen. Ich hatte auch noch nie, so wurde mir jetzt bewußt, die nackten Füße des Vaters gesehen. Vom Vater kannte ich den Kopf, den Hals, die Hände und einen Teil der Unterarme. Alles andere hatte ich nie zu Gesicht bekommen, und es war mir bis zu diesem Moment auch ganz natürlich erschienen, daß der Körper des Vaters nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus gestärkten Hemden, einem Anzug mit Weste und Lederschuhen bestand.
    • Sohn hat den Vater nicht wirklich als lebendig erlebt, kann nun den Toten nicht als tot erleben: Zugleich wurde mir bewußt, daß ich den Vater zu Lebzeiten nie als einen Menschen wahrgenommen hatte, dessen Brust und Bauchdecke sich unaufhörlich hob und senkte. Und jetzt, wo er tot war und nicht mehr atmete, konnte ich nichts anderes sehen als einen unaufhörlich atmenden Vater.

Eltern – Sohn (Erzähler)

Eltern ermöglichen/erzwingen Grenzen verletzende Untersuchungen durch Laborantin und Professor: Ich setzte mich zu den Eltern, die inzwischen im Warteraum Platz genommen hatten, und erzählte ihnen nichts von meinen Erlebnissen mit der Zange. Die Eltern machten einen gelassenen Eindruck, entweder wollten sie sich nicht anmerken lassen, daß auch ihre Bauchfalten vermessen worden waren, oder aber es hatte ihnen nichts ausgemacht. (…)
Während wir das Institut verließen, erzählte ich den Eltern, wie schmerzhaft die an meinem Kiefer befestigte Schraubzwinge gewesen sei, worauf sie aber nicht reagierten. Ich wäre gern ein wenig bedauert worden, aber niemand bedauerte mich. Erst als ich hinzufügte, daß mich der Professor mit einem Zirkel ins Gesicht gestochen habe, bekam die Mutter einen Schreck und untersuchte mein Gesicht auf Verletzungen oder Blutspuren.

Laborantin/Professor – Sohn (Erzähler)

    • Grenzen verletzende, peinliche bzw. schmerzhafte Untersuchungen: Als die Laborantin das Meßband von meinem Bauch entfernen wollte, klebte es aufgrund der Feuchtigkeit so fest, daß sie es mir wie ein Pflaster von der Haut ziehen mußte. Die Laborantin hielt das feuchte Meßband mit spitzen Fingern in die Höhe, um die Meßwerte abzulesen. Dann rollte sie das Band nicht wieder zusammen, sondern ließ es auf eine Ablage fallen. »Nun noch den Rohrerindex«, sagte sie mehr zu sich selbst als zu mir, nahm eine mit Einkerbungen und Ziffern versehene hölzerne Zange zur Hand und kniff mit dem Instrument in meinen Bauch, den ich unwillkürlich einzog. Die Zange rutschte ab, »Bauch raus«, sagte die Laborantin, ich streckte den Bauch wieder raus und hielt zugleich den Atem an, damit es der Laborantin endlich gelang, mit der Zange eine Speckfalte des Bauches zu greifen und festzuhalten. Während sie mit der einen Hand die eingeklemmte Bauchfalte festhielt, griff sie mit der anderen nach ihren Papieren und notierte die Werte, die sie direkt von der Zange ablesen konnte. Anscheinend waren ihr, noch während sie die Werte notierte, irgendwelche Ungereimtheiten aufgefallen, so daß sie sich, ohne den Zangengriff auch nur um ein weniges zu lockern, für einige Zeit ihren Aufzeichnungen zuwandte. Sie rechnete und verglich, stutzte und korrigierte schließlich ihre Aufzeichnungen, während ich noch immer den Atem anhielt. Denn sobald ich ein wenig Luft in meine Atemwege ließ und sich der Bauch ein wenig bewegte, drückte die Laborantin die Zange wieder fester zusammen. Also hörte ich erneut auf zu atmen, was zur Folge hatte, daß sich der Griff ein wenig lockerte. Nachdem die Laborantin ihre Korrekturen beendet hatte, löste sie auch die Zange von meinem Bauch, und ich durfte mich anziehen. (…)
      Dann erhob er sich von seinem Stuhl, ging auf mich zu, tätschelte mir den Hinterkopf, sagte, daß der Laden mal renoviert werden müsse, sagte dann, daß ich anscheinend ein aufgewecktes Kerlchen sei, vielleicht ein wenig zuviel Babyspeck am Leibe habe, wie er von seiner Laborantin wisse, was man aber auch so sehen könne. Er tätschelte mir noch immer den Hinterkopf, wobei sich sein Tätscheln allmählich in eine Art Abgreifen des Hinterkopfes verwandelte, so daß er mich am Ende nicht mehr tätschelte, sondern seine Fingerkuppen einerseits stark gegen meine Schädeldecke drückte und zugleich mit dem Daumen Höcker und Erhebungen auf meinem Kopf betastete. Mir wurde ein wenig schwindlig unter der Hand des Professors, zumal sein Griff weitaus kräftiger war, als der eher schmächtige Mann vermuten ließ. Mit einer Hand betastete er meinen Kopf, mit der anderen rauchte er. Schließlich drückte er die Zigarette aus und begann nun, meinen Schädel mit beiden Händen zu betasten. Hatte ich vorher nie das Gefühl gehabt, Schädelhöcker und Schädelerhebungen zu besitzen, so hatte ich nun das Gefühl, daß mein Schädel aus nichts anderem als aus Höckern und Erhebungen bestand. Je länger der Professor tastete, desto mehr Höcker und Erhebungen hatte mein Kopf, und je länger er tastete, desto mehr schämte ich mich für diese Höcker und Erhebungen. Und ganz wie am Vormittag während der Körperbauuntersuchung begann ich vor Scham und Verlegenheit zu glühen und zu schwitzen. Nur schwitzte ich diesmal nicht am Bauch und auf der Brust, sondern auf dem Kopf. Und je mehr ich auf dem Kopf schwitzte, um so mehr schämte ich mich dafür, daß der Professor meinen nassen und verschwitzten Kopf unter seinen Händen hatte. Der aber ließ sich nichts anmerken. Er beendete das Abtasten des Kopfes, wusch sich kommentarlos die Hände, trocknete sich ab, machte sich einige Notizen und begann dann mit dem Vermessen des Kopfes. Hierzu nahm er eine hölzerne Zange, die, ganz ähnlich wie die Bauchfettzange, mit einer Zahlenskala versehen war, sich aber sehr viel weiter öffnen ließ. Er setzte die Zange einmal von vorn und einmal von der Seite an, notierte die Werte und griff dann zu einem anderen Instrument, das an eine Schraubzwinge erinnerte und mit dem er das ermittelte, was er die relative Kieferwinkelbreite nannte. »Die relative Kieferwinkelbreite«, sagte der Professor, während er meinen Oberkiefer zwischen die Schraubzwingen spannte, »kann über alles entscheiden. Wenn die relative Kieferwinkelbreite übereinstimmt, dann stimmen sehr oft auch Stirnbreite, Jochbeinbreite, Ohrbreite und Nasenbreite, ja manchmal sogar die Nasenrückenlänge überein.« Es schmeichelte mir, daß der Professor mich in seine Berufsgeheimnisse einweihte, sagte aber nichts, sondern konzentrierte mich ganz auf den Schmerz, den die beiden Schrauben verursachten, mit denen die Schraubzwinge an meinem Kiefer befestigt war. Ich begriff von den Bemerkungen des Professors vor allem so viel, daß jetzt auch noch Stirnbreite, Jochbeinbreite, Nasenbreite und Ohrbreite zu vermessen waren. Glücklicherweise wurde die Schraubzwinge nur noch bei der Stirnbreite und der Jochbeinbreite eingesetzt, während Nase und Ohren sowohl mit einem elastischen Meßband als auch mit einem zirkelähnlichen Gerät ermittelt wurden. Das zirkelähnliche Gerät war allerdings statt mit einer Metallspitze mit zwei Gumminoppen versehen, so daß es ganz schmerzlos auf die Haut aufgesetzt werden konnte. Die Nasen- und Ohrenvermessung verlief denn auch völlig schmerzfrei und dauerte nur wenige Minuten.

Mutter – die Russen

Vergewaltigung der Mutter auf der Flucht: Irgendwann, soviel verstand ich, ist auf der Flucht vor dem Russen etwas Schreckliches passiert. Was es war, sagte die Mutter nicht, sie sagte nur immer wieder, daß auf der Flucht vor dem Russen etwas Schreckliches passiert sei und daß ihr auch der Vater nicht habe helfen können und daß ihr niemand habe helfen können. (…)
»Das Schreckliche aber«, sagte die Mutter, »ist dann doch passiert.« (…)
Wohl sei ihr etwas Schreckliches zugefügt worden von den Russen, aber die Russen hätten es gar nicht auf ihr Leben oder das ihrer Familie abgesehen gehabt. Die Russen hätten es immer nur auf eines abgesehen gehabt. (…)
Auch die Mutter habe sich mit einem Tuch verhüllt. Das erste, worauf die Russen sich gestürzt hätten, sagte der Vater, seien junge Frauen gewesen. Wobei sie natürlich den Trick mit dem Tuch ziemlich schnell durchschaut und sich demzufolge gerade auf jene Frauen gestürzt hätten, die ihr Gesicht bedeckt hielten. Das konnten allerdings auch alte Frauen gewesen seien. Vor den Russen, sagte der Vater, sei im Prinzip keine Frau sicher gewesen, ob jung oder alt. Und auch die Mutter war vor den Russen nicht sicher gewesen, schloß ich daraus. Höchstwahrscheinlich hatten sich die Russen auch auf die Mutter gestürzt, wobei ich mir nicht gänzlich darüber im klaren war, was es im einzelnen zu bedeuten hatte, wenn die Russen sich auf jemanden stürzten.

Mutter – Vater

    • Umarmung als Trost: Dann las er ihr noch einmal die Passage über die Lidspalte vor, setzte sich zu ihr, nahm sie in den Arm und drückte sie an sich. Die Mutter schwieg weiterhin, aber ich konnte sehen, wie das Zittern ihres Kopfes langsam nachließ und schließlich ganz verschwand.
    • Abwesenheit von Gewalt: Sie wolle keinen Admiral, sagte die Mutter. Sie wolle ihr Kind. Dann setzte sie sich an den Tisch und sagte nichts mehr; nur ihr Kopf zitterte wieder, wie er schon einmal gezittert hatte. Hätte ich die Untat begangen, der Vater hätte mich gewiß halbtot geprügelt. Die Mutter aber rührte er nicht an.
    • Gegenseitige Zärtlichkeitsbekundung auf der Heidelberger Brücke: Während ich noch immer den Schwingungen der Brücke nachhorchte, sah ich, wie der Vater seinen Arm um die Schultern der Mutter legte und wie diese ein wenig den Kopf neigte, so daß ihre rechte Wange die Schulter des Vaters berührte. Ich hatte zuvor noch nie gesehen, daß die Mutter ihren Kopf auf diese Weise neigte, und aus irgendeinem Grund machte mich das traurig. Ich vertrieb meine Traurigkeit damit, daß ich einige Male in die Luft sprang und möglichst hart wieder aufsetzte, um die Brücke doch noch in Schwingungen zu versetzen.
    • Zärtlichkeiten mit dem Toten scheinen Zärtlichkeiten mit Lebenden zu übertreffen: Die Mutter warf sich über den Toten, der auf einem steinernen Podest in seinem Sarg lag, herzte und küßte ihn und sprach dann an seiner Seite ein langes und für mich unhörbares Gebet. (…)
      Bevor wir die Kapelle verließen, warf sich die Mutter ein zweites Mal über den Vater, küßte und herzte ihn noch zärtlicher als zuvor und auf eine so innige Weise, daß ich daran denken mußte, wie sie beide auf der alten Heidelberger Brücke gestanden hatten. Die Mutter streichelte die Wangen des Vaters, sie berührte die weiße Binde, die man ihm um den Kopf gebunden hatte, sie streichelte über sein Haar und drückte schließlich seine verwitterten, nun ein wenig fahl gewordenen Hände.

Mutter – Herr Rudolph

    • Nähe ohne Berührung: Wenn die Mutter mit Herrn Rudolph Operetten hörte, dann tat sie dies an Sonntagnachmittagen und niemals hinter verschlossenen Türen. Ich durfte immer das von Musik erfüllte Wohnzimmer betreten, und ich sah niemals, daß es zwischen beiden zu irgendeiner Intimität gekommen ist. Herr Rudolph saß im Sessel vor einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen und lauschte der Musik. Die Mutter saß auf dem Sofa und lauschte ebenfalls. Ich aß meinen Kuchen und lief durchs Haus, und immer wenn ich in das Wohnzimmer zurückkehrte, saßen beide dort wie zuvor. Nur ein einziges Mal hatte ich gesehen, daß die Mutter Tränen in den Augen hatte und daß Herr Rudolph gerade dabei war, ihr ein Taschentuch zu reichen, es aber schnell wieder zurückzog, als ich den Raum betrat.
    • Väterliche tröstende Umarmung: Herr Rudolph war nach einem ersten Moment des Abwartens auf die Mutter zugesprungen, hatte sich neben sie gesetzt und sie dann so fest umarmt, daß ihr Zittern langsam abnahm. Während er sie umarmte, sagte er nur immer wieder »Ist ja gut«, »Ist ja gut«, als würde er mit einem Kind sprechen, das sich erschreckt hatte. Die Mutter beruhigte sich, und jetzt legte sie auch ihre Arme um Herrn Rudolph und weinte leise. Während die Mutter und Herr Rudolph sich umarmten, verließ ich den Raum.
    • Die Mutter kann die väterlich tröstende Umarmung zulassen und auch zurückgeben: Ich war wütend auf die Mutter. Ich war auch wütend auf Arnold. Und ich bemerkte, daß ich auch wütend auf Herrn Rudolph war, und dies sowohl, weil er die Mutter umarmt hatte, als auch, weil die Mutter ihn auf eine Weise umarmte, wie sie mich noch niemals umarmt hatte. Mich hatte sie immer nur in Anfällen von verzweifelter Mutterliebe so stark an sich gepreßt, daß mir die Luft wegblieb.

Sohn – Herr Rudolph

    • Väterliche Geste, Erklärung der väterlichen Zuneigung: Dann legte er ohne eine Erklärung die Hände auf meine Schultern und sagte, daß er die Mutter und mich sehr gern habe. Ich fühlte, wie mir das Blut in den Kopf stieg, doch ich wollte auf keinen Fall einen roten Kopf bekommen. Herrn Rudolphs Worte hatten mich in Verlegenheit gebracht: Da saß ein Polizist vor mir, in grüner Uniform mit Dienstpistole und Funkgerät, und sagte, daß er mich gern habe. Nachdem Herr Rudolph seine Worte gesprochen hatte, schien er erleichtert zu sein. Er drückte noch einmal meine Schultern und strich mir dann mit der rechten Hand über den Hinterkopf, so daß ich befürchtete, er würde meine Hinterkopfwölbung überprüfen wollen. Doch er berührte mich nur kurz, zog seine Hand wieder zurück und sagte dann mit ernster Stimme, daß es der Mutter in der letzten Woche besonders schlecht gegangen sei.

Sohn – Arnold

    • Der Erzähler spürt die mutmaßliche Ähnlichkeit zu dem sog. Findelkind in seinem Gesicht wie physische Gewalt: »Der Junge«, sagte der Vater, »ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten.« Eine Vorstellung, die mir so großes physisches Unbehagen bereitete, daß ich mich zwar nicht übergeben mußte, wohl aber eine Art Magenkrampf bekam, der auch mein Gesicht erfaßte, die Wangen durchzog und hinter der Stirn endete. Fast schien es, als würde ich die Schnitte spüren, mit denen mir Arnold aus dem Gesicht geschnitten wurde, wobei sich die Schnitte auch in Stromschläge und Schmerzblitze verwandeln konnten, die durch mein Gesicht fuhren und mir ein krampfartiges Grinsen aufnötigten.
    • Erzähler und Findelkind (Heinrich/Arnold) zeigen identische Reaktionen, als sie einander durch die Scheiben der Fleischerei ansehen: Und während ich schluckte und die Übelkeit zu unterdrücken suchte, sah ich, wie auch mein Gegenüber hinter den Scheiben fahl wurde und bleich im Gesicht.

 

 

 

 

 

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