Schiller: Maria Stuart – Frauenbild, Weiblichkeit, Genderthematik

“Das Richterschwert, womit der Mann sich ziert,
Verhaßt ist’s in der Frauen Hand.”

Paulet: Wo kam der Schmuck her?
Vom obern Stock ward er herabgeworfen,
Der Gärtner hat bestochen werden sollen
Mit diesem Schmuck – Fluch über Weiberlist!
(1. Aufzug, 1. Auftritt)

Maria: (…)
Elisabeth ist meines Stammes, meines
Geschlechts und Ranges – Ihr allein, der Schwester,
Der Königin, der Frau kann ich mich öffnen.
Paulet: Sehr oft, Mylady, habt Ihr Euer Schicksal
Und Eure Ehre Männern anvertraut,
Die Eurer Achtung minder würdig waren.
(1. Aufzug, 2. Auftritt)

Maria: Sir, noch eine Bitte.
Wenn Ihr mir was zu sagen habt – von Euch
Ertrag ich viel, ich ehre Euer Alter.
Den Übermut des Jünglings trag ich nicht,
Spart mir den Anblick seiner rohen Sitten.
Paulet: Was ihn Euch widrig macht, macht mir ihn wert.
Wohl ist es keiner von den weichen Toren,
Die eine falsche Weiberträne schmelzt –
Er ist gereist, kommt aus Paris und Reims
Und bringt sein treu altenglisch Herz zurück:
Lady, an dem ist Eure Kunst verloren!
(1. Aufzug, 3. Auftritt)

Maria: (…)
Wie werd ich mich, ein ungelehrtes Weib,
Mit so kunstfert’gem Redner messen können! –
(1. Aufzug, 7. Auftritt)

Paulet: (…)
Es sind Unziemlichkeiten vorgegangen
In diesem Rechtsstreit, wenn ich’s sagen darf.
Man hätte diesen Babington und Tichburn
Ihr in Person vorführen, ihre Schreiber
Ihr gegenüberstellen sollen.
Burleigh (schnell): Nein!
Nein, Ritter Paulet! Das war nicht zu wagen.
Zu groß ist ihre Macht auf die Gemüter
Und ihrer Tränen weibliche Gewalt.
Ihr Schreiber Kurl, ständ’ er ihr gegenüber,
Käm’ es dazu, das Wort nun auszusprechen,
An dem ihr Leben hängt – er würde zaghaft
Zurückziehn, sein Geständnis widerrufen –
(1. Aufzug, 8. Auftritt)

Burleigh: (…)
Das Richterschwert, womit der Mann sich ziert,
Verhasst ist’s in der Frauen Hand. Die Welt
Glaubt nicht an die Gerechtigkeit des Weibes,
Sobald ein Weib das Opfer wird.
(1. Aufzug, 8. Auftritt)

Elisabeth: Die Könige sind nur Sklaven ihres Standes,
Dem eignen Herzen dürfen sie nicht folgen.
Mein Wunsch war’s immer, unvermählt zu sterben,
Und meinen Ruhm hätt’ ich darein gesetzt,
Dass man dereinst auf meinem Grabstein läse:
“Hier ruht die jungfräuliche Königin.”
Doch meine Untertanen wollen’s nicht,
Sie denken jetzt schon fleißig an die Zeit,
Wo ich dahin sein werde – Nicht genug,
Dass jetzt der Segen dieses Land beglückt,
Auch ihrem künft’gen Wohl soll ich mich opfern,
Auch meine jungfräuliche Freiheit soll ich,
Mein höchstes Gut, hingeben für mein Volk,
Und der Gebieter wird mir aufgedrungen.
Es zeigt mir dadurch an, daß ich ihm nur
Ein Weib bin, und ich meinte doch, regiert
Zu haben wie ein Mann und wie ein König.
Wohl weiß ich, daß man Gott nicht dient, wenn man
Die Ordnung der Natur verlässt, und Lob
Verdienen sie, die vor mir hier gewaltet,
Dass sie die Klöster aufgetan und tausend
Schlachtopfer einer falschverstandnen Andacht
Den Pflichten der Natur zurückgegeben.
Doch eine Königin, die ihre Tage
Nicht ungenützt in müßiger Beschauung
Verbringt, die unverdrossen, unermüdet
Die schwerste aller Pflichten übt, die sollte
Von dem Naturzweck ausgenommen sein,
Der eine Hälfte des Geschlechts der Menschen
Der andern unterwürfig macht –
(2. Aufzug, 2. Auftritt)

Talbot: (…)
Der eignen Milde folge du getrost.
Nicht Strenge legte Gott ins weiche Herz
Des Weibes – Und die Stifter dieses Reichs,
Die auch dem Weib die Herrscherzügel gaben,
Sie zeigten an, daß Strenge nicht die Tugend
Der Könige soll sein in diesem Lande.
(2. Aufzug, 3. Auftritt

Talbot: (…) Man sagt,
Sie habe den Gemahl ermorden lassen;
Wahr ist’s, daß sie den Mörder ehlichte.
Ein schweres Verbrechen! – Aber es geschah
In einer finster unglücksvollen Zeit,
Im Angstgedränge bürgerlichen Kriegs,
Wo sie, die Schwache, sich umrungen sah
Von heftigdringenden Vasallen, sich
Dem Mutvollstärksten in die Arme warf –
Wer weiß, durch welcher Künste Macht besiegt?
Denn ein gebrechlich Wesen ist das Weib.
Elisabeth: Das Weib ist nicht schwach. Es gibt starke Seelen
In dem Geschlecht – Ich will in meinem Beisein
Nichts von der Schwäche des Geschlechtes hören.
(2. Aufzug, 3. Auftritt)

Leicester: (…)
Wisst Ihr, wie’s steht an diesem Hof, wie eng
Dies Frauenreich die Geister hat gebunden?
Sucht nach dem Heldengeist, der ehemals wohl
In diesem Land sich regte – Unterworfen
Ist alles, unterm Schlüssel eines Weibes,
Und jedes Mutes Federn abgespannt.
(2. Aufzug, 8. Auftritt)

 

Elisabeth: (…) Ich darf ja
Mein Herz nicht fragen. Ach! das hätte anders
Gewählt. Und wie beneid ich andre Weiber,
Die das erhöhen dürfen, was sie lieben.
So glücklich bin ich nicht, dass ich dem Manne,
Der mir vor allen teuer ist, die Krone
Aufsetzen kann!
(2. Aufzug, 9. Auftritt)

Elisabeth: (…)
Und doch gewann sie aller Männer Gunst,
Weil sie sich nur befliss, ein Weib zu sein,
Und um sie buhlt die Jugend und das Alter.
So sind die Männer. Lüstlinge sind sie alle!
(2. Aufzug, 9. Auftritt)

Elisabeth: So steh ich kämpfend gegen eine Welt,
Ein wehrlos Weib!
(4. Aufzug, 10. Auftritt)

Melvil (…)
Du fehltest nur aus weiblichem Gebrechen,
Dem sel’gen Geiste folgen nicht die Schwächen
Der Sterblichkeit in die Verklärung nach.
(5. Aufzug, 7. Auftritt)

Leicester: (…)
– Verworfener, dir steht es nicht mehr an,
In zartem Mitleid weibisch hinzuschmelzen;
(5. Aufzug, 10. Auftritt)

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