Außentexte – Faust, Steppenwolf, Topf – Werkvergleich

Anregungen für “Außentexte” und Klausuraufgaben

Thema: Persönlichkeitsstörung, “Zwei-Seelen-Problematik”, Doppelgängermotiv

“Persönlichkeitsstörungen können als extreme Ausprägung eines Persönlichkeitsstils mit unflexiblen, starren und unzweckmäßigen Persönlichkeitszügen betrachtet werden, die dabei die Lebensqualität des Betroffenen beeinträchtigen, zu (subjektivem) Leid oder zu häufigen Konflikten mit seiner Umwelt führen. Abweichende, unangepasste Erlebensweisen, Erfahrungs- und Verhaltensmuster schränken dabei den Betroffenen in seiner Zufriedenheit und im Erreichen seiner persönlichen Ziele ein oder führen zu häufigen Problemen mit anderen Menschen oder der Gesellschaft. Unter „unangepasst“ versteht man in diesem Zusammenhang, dass das Verhalten oder Empfinden merklich von den Erwartungen der Gesellschaft, dem soziokulturellen Umfeld, abweicht und Probleme im zwischenmenschlichen Bereich zufolge hat. ” (https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/erkrankungen/persoenlichkeitsstoerungen/was-sind-persoenlichkeitsstoerungen/)

“Wollen wir nun sagen, dass manche bisweilen, wenn sie dürsten, nicht trinken mögen? […] Was wird man nun, fragte ich, in Bezug auf diese sagen? Nicht etwa, dass in ihrer Seele zwar vorhanden sei das zu trinken Gebietende, aber vorhanden auch das zu trinken Verbietende, als ein vom Gebietenden Verschiedenes und es Bezwingendes? […] Nicht ohne Grund also, […] werden wir die Ansicht hegen, dass es ein Doppeltes und von einander Verschiedenes sei, indem wir das, womit sie überlegt, das vernünftig Überlegende der Seele nennen, das aber, womit sie verliebt ist und hungert und dürstet oder sonst etwas leidenschaftlich begehrt, das Unvernünftige und Begehrende, das gewisse Erfüllungen und Genüsse liebt?” (Platon, Politeia IV, 439c–d)

“Wir sind rational und irrational, kognitiv- und bedürfnisbestimmt, innen- und außengesteuert, alles in Einem. Den Menschen kennzeichnen nicht nur kühle Rationalität, sondern auch Emotionalität und (zuweilen) Leidenschaft. Impulsives, spontanes Verhalten steht neben wohlüberlegtem Handeln. Intuitives Erfassen und Verstehen ergänzen intelligente Analyse und Synthese. Der Mensch ist ein eifriger Sammler und Verwerter von Informationen, wehrt gelegentlich aber auch unerfreuliche (potentiell angst- oder unlusterzeugende) Informationen und Kognitionen ab. Wir werden sowohl durch äußere Reize und Verhaltenskonsequenzen beeinflußt, als auch durch innere (unbewußte) Bedürfnisse und emotionale Zustände motiviert. Kreatives Schaffen steht neben gewohnheitsmäßigem Tun. Passives Genießen und Tagträumen liegen neben zielstrebigem Handeln. Es gibt Glückszustände und Zufriedenheit ebenso wie lähmenden psychischen Schmerz, Hilflosigkeit und Trauer. Den Menschen charakterisieren gleichermaßen Egoismus wie Altruismus, die Beachtung von Regeln und Werten, das Streben nach Selbstverwirklichung, Entscheidungsfreiheit und (gleichwohl) nur eingeschränkte Selbststeuerung.” (Einhard Munzert: Der Steppenwolf und die moderne Psychologie, S. 4 – http://hesse.projects.gss.ucsb.edu/papers/munzert.pdf )

Doppelgängertum beruht auf der physischen Ähnlichkeit zweier Personen. Darüber hinaus haben sich Trugbild-Vorstellungen des Volksglaubens in der Dichtung zu einer Fülle spukhafter Doppelgängergestalten aufgefächert, die vielfach den zwei Seelen des Menschen zu entsprechen schienen. Solche fiktiven Doppelungen sind durch eine auf seelischer Störung beruhende Ich-Spaltung einsichtig gemacht worden. Entscheidend für die Spannkraft des Motivs ist die Existenz zweier gleichzeitig nebeneinander agierender Figuren, die auf diese selbst und ihr Umfeld eine verblüffende bis unheimliche Wirkung hat […].
Die Vorstellung von einer zweiten Existenz des Menschen im Abbild, die Idee von den zwei Seelen in der Menschenbrust, alle Hypothesen, Deutungen, Angstbekundungen im Hinblick auf erwiesene oder drohende Persönlichkeitsspaltung wurden von der Romantik durchdacht und an neuen wissenschaftlichen Entdeckungen überprüft. Zu ihnen gehörten die Experimente F.A. Mesmers, der an Somnambulen und an Personen in Trance Verhaltensweisen beobachtete, die sich offenbar nicht völlig als Folgeerscheinungen von Hypnose oder Magnetismus erklären ließen. Dazu kam, dass Fichtes in der „Wissenschaftslehre“ (1794) dargelegte Ableitung der gesamten Welt aus der Intelligenz des Ichs die Gewissheit vom Selbstbewusstsein des Ichs voraussetzte. Die Vorstellung, dass es keine erkennbare objektive Welt außerhalb des Ichs gebe, musste ein Zerbrechen des Ich-Gefühls als beängstigende Bedrohung erscheinen lassen.” (Elisabeth Frenzel: Motive der Weltliteratur. – “Doppelgänger”)


Thema: Gemütszustände und deren Abhilfe

  • Unzufriedenheit, Leiden, (Welt-)Schmerz, Krankheit, Wahnsinn, Weltverdruss, Melancholie, Sehnsucht, Ennui, Ekel, Byronismus
  • Lebensbewältigung/Suche nach Glück/Intensität/Lust auf Rausch/Heilung/Erlösung

“Aber drei Grunderfahrungen, die das Glasperlenspiel bestimmen, sind überall schon eingewoben, wie Fäden im Teppich. Ich meine diese drei: die Einsicht, daß sich für alle wichtigen Erkenntnisse und Aussagen die verfügbaren Mittel als zu klein erweisen. Man beginnt zwar, wenn man dem Wort verpflichtet ist, mit dem Wort, möchte aber übergehen zur Musik, möchte das Bild haben, sehnt sich vom Wort in das Schweigen hinein, von der Leidenschaft zur gläsernen Klarheit der Mathematik und zurück in die Brunnenstube der wortlosen Meditation, ein heilig Unzufriedener, dem alle Handwerkszeuge zu gering, alle Messer zu stumpf, alle Waagen zu grob sind. Diese Einsicht ist in Hesses Werk etwas, wie die Unruhe in der Uhr, von Anfang an.” (Albrecht Goes: Hermann Hesse, der Achtzigjährige. In: Michels, Volker (Hg.): Über Hermann Hesse, 1. Band, Frankfurt 1976, S. 329)

“Hesse schreibt […], daß es über dem Steppenwolf und seinem problematischen Leben eine zweite, höhere, zeitlose Welt gibt, die dem Leiden des Steppenwolfs eine transpersönliche und transtemporäre Welt des Glaubens gegenüberstellt, daß das Buch gewiß von Schmerz und Leiden erzählt, daß es aber die Geschichte eines Gläubigen ist und nicht ein Buch der Verzweiflung.”
(aus: Timothy Leary, Politik der Ekstase, Hamburg 1970, zitiert nach Martin Pfeifer: Hermann Hesse, Der Steppenwolf, Baustein Deutsch, Hollfeld 1986, S. 93)

“[…] Steppenwolf – ein Roman um Krise, Leid, Konflikt, Qual -, zumindest an der Oberfläche. Hesse schreibt in einem Brief, wäre sein Leben kein gefährlich schmerzliches Experiment, bewegte er sich nicht ständig am Rande Abgrunds und fühlte das Bodenlose unter seinen Füßen, so wäre sein Leben ohne Sinn und er hätte nie etwas schreiben können. ”
(aus: Timothy Leary, Politik der Ekstase, Hamburg 1970, zitiert nach Martin Pfeifer: Hermann Hesse, Der Steppenwolf, Baustein Deutsch, Hollfeld 1986, S. 92f.)

“Ich kenne keine Weisheit, die mir das Leben erleichtern würde. Das Leben ist nicht leicht, nie, aber danach, ob es leicht sei oder nicht, haben wir gar nicht zu fragen. Wir müssen entweder am Leben verzweifeln, das steht jedem frei, oder wir müssen es ebenso machen wie die scheinbar Gesunden und Tüchtigen, die scheinbar Problem- und Seelenlosen: wir müssen versuchen, unsre Natur als das einzig Richtige zu nehmen, unsrer Seele alle Rechte zuzugestehn.”
(Aus: Hermann Hesse, Die Antwort bist du selbst. Briefe an junge Menschen. Herausgegeben von Volker Michels. Frankfurt am Main 2000, S. 159) – Brief “An Fräulein G.D. (stud. phil.)”

“Man muss durch das Leid und durch die Verzweiflung hindurch, um wieder ans Licht zu kommen.”
(Aus: Hermann Hesse, Die Antwort bist du selbst. Briefe an junge Menschen. Herausgegeben von Volker Michels. Frankfurt am Main 2000, S. 369) – Brief “An einen Studenten”

Hör auf, mit deinem Gram zu spielen,
Der, wie ein Geier, dir am Leben frißt (…)
(Goethe, Faust, Studierzimmer)

Wir wenden uns darum der anspruchsloseren Frage zu, was die Menschen selbst durch ihr Verhalten als Zweck und Absicht ihres Lebens erkennen lassen, was sie vom Leben fordern, in ihm erreichen wollen. Die Antwort darauf ist kaum zu verfehlen; sie streben nach dem Glück, sie wollen glücklich werden und so bleiben. Dies Streben hat zwei Seiten, ein positives und ein negatives Ziel, es will einerseits die Abwesenheit von Schmerz und Unlust, anderseits das Erleben starker Lustgefühle. Im engeren Wortsinne wird »Glück« nur auf das letztere bezogen. Entsprechend dieser Zweiteilung der Ziele entfaltet sich die Tätigkeit der Menschen nach zwei Richtungen, je nachdem sie das eine oder das andere dieser Ziele – vorwiegend oder selbst ausschließlich – zu verwirklichen sucht.
(Siegmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Zitiert nach: https://gutenberg.spiegel.de/buch/das-unbehagen-in-der-kultur-922/2)

Alles in der Welt läßt sich ertragen,/Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen.
(http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+letzter+Hand.+1827)/Sprichw%C3%B6rtlich)

Pausenlos werden uns Intensitäten versprochen. Seit unserer Geburt und beim Heranwachsen suchen wir unausweichlich nach starken Empfindungen, die unser Leben rechtfertigen sollen. Diese plötzlichen Erregungen, die von sportlichen Leistungen, Drogen, Alkohol, Glücksspielen, Verführungen, Liebe, Orgasmus, Freude oder physischem Schmerz, dem Betrachten oder dem Schaffen von Kunstwerken, wissenschaftlichen Forschungen, schwärmerischem Glauben oder inbrünstigem Engagement verursacht werden, lassen uns aus der Monotonie, dem Automatismus und dem immer gleichen Stammeln, aus der existenziellen Plattitüde erwachen. Denn eine Art von Vitalitätsverlust bedroht ständig den Menschen, der sich bequem eingerichtet hat.
(Tristan Garcia: Das intensive Leben: Eine moderne Obsession. Einleitung zur suhrkamp-Ausgabe 2017)

Die moderne Gesellschaft verspricht den Einzelnen nicht mehr ein anderes Leben oder ein seliges Jenseits, sondern lediglich das, was wir schon sind – mehr und besser. Wir sind lebendige Körper, wir empfinden Lust und Leid, wir lieben, unablässig überwältigen uns Emotionen, doch wir wollen auch unsere Bedürfnisse befriedigen, uns selbst erkennen und außerdem das erkennen, was uns umgibt; wir hoffen, frei zu sein und in Frieden zu leben. Was uns nun als erstrebenswertes Gut angeboten wird, ist eine Steigerung unserer Körper, eine Intensivierung unserer Freuden, unserer Liebesgefühle und Emotionen; es geht stets um weitere Reaktionen auf unsere Bedürfnisse, um eine bessere Selbst- und Welterkenntnis, um Fortschritt, Wachstum, Beschleunigung, größere Freiheit und einen besser gesicherten Frieden. Dies ist die eigentliche Formulierung aller modernen Verheißungen, wobei wir nicht mehr ganz genau wissen, ob man ihnen glauben soll: eine Intensivierung der Produktion, des Verbrauchs, der Kommunikation, unserer Wahrnehmungen wie auch unserer Emanzipation. Seit einigen Jahrhunderten verkörpern wir einen bestimmten Menschentypus: Menschen, die eher für das Streben nach Intensivierung als nach Transzendenz — wie dies für die Menschen anderer Zeitalter und Kulturen galt — herangebildet wurden. Schon in frühester Jugend lernen wir, mehr von derselben Sache zu wollen und zu wünschen. Und paradoxerweise lernen wir gleichzeitig, Variationen und Neuheiten nachzujagen. In beiden Fällen lehrt man uns, nicht mehr irgendetwas Absolutes, Ewiges oder Vollkommenes zu erwarten: Man ermuntert uns, das herbeizuwünschen, was eine Maximierung unseres ganzen Wesens ist.
(Tristan Garcia: Das intensive Leben: Eine moderne Obsession. Einleitung zur suhrkamp-Ausgabe 2017)

“Was ist ein Leben wert? Eine Existenz anhand eines moralischen Modells zu beurteilen ist für viele, insbesondere seit dem 18. Jahrhundert, etwas Konformistisches, ja sogar Autoritäres geworden. Die Emanzipation der Individuen hat zu der modernen intuitiven Vorstellung geführt, Ethik bestehe darin, dass sich jeder Mensch sein eigenes Gericht schaffe. Man richtet nicht über eine Existenz, indem man sie mit einer anderen vergleicht; man schreibt keiner Lebensform vor, dass sie einer anderen gleichen müsse, die ihr als Zwangsmodell dienen sollte. Dennoch beurteilt man den ethischen Wert eines Menschenlebens. Unablässig versucht man, sein eigenes Leben zu bewerten. Doch ein einziges Gesetz leitet den modernen Prozess, in dem das Selbst über sich selbst richtet: dass das, was getan wurde, mit glühendem Herzen getan wurde. Ganz offenkundig bleiben moralische Werte übrig (Würde, Treue, Achtung …), auf deren Grundlage jeder — seinen Überzeugungen entsprechend — die Handlungen und die ganze Existenz eines Menschen als gut oder schlecht ansieht. Doch diese äußere Moral wird durch eine Art von innerer Ethik ersetzt, die ins Herz der Menschen eindringt und den Wert eines Lebens an und für sich betrifft. Ist es schön, gut, weise oder verrückt? Ist es glücklich? Ist es das Leben eines Verbrechers, eines Heiligen, eines finsteren Dreckskerls, eines Kleinigkeitenkrämers, eines gewöhnlichen Menschen …? Darauf kommt es nicht an. Das einzige anerkannte Prinzip scheint das folgende zu sein: Was auch immer die Motivationen und Handlungen dieses Menschen gewesen sind, man muss sich schließlich fragen, ob er »gründlich« gelebt hat, wenn man sich an diesen prosaischen Ausdruck hält, der jedoch genau wiedergibt, was nunmehr von uns erwartet wird. Bei allem besteht die einzige wahre Sünde darin, dass es an Intensität gefehlt hat. Man kann mittelmäßig glanzvoll gewesen sein. Besser ist, wenn man glanzvoll mittelmäßig gewesen ist.”
(Tristan Garcia: Das intensive Leben: Eine moderne Obsession. Einleitung zur suhrkamp-Ausgabe 2017)

“Die Traurigkeit ist das Los der tiefen Seelen und der starken Intelligenzen.”
https://de.wikiquote.org/wiki/Alexandre_Vinet

“Und die selbe schwarze Galle, die dem Zentrum der Welt gleich ist, neigt unwiderstehlich dazu, das Zentrum aller Dinge zu erforschen, und sie führt uns über sich selbst hinaus, um die allerhöchsten Dinge zu begreifen, denn sie hat Gemeinschaft mit dem Saturn, dem allerhöchsten Planeten.”
https://de.wikiquote.org/wiki/Marsilio_Ficino

“Nur mit Entsetzen wach ich morgens auf,
Ich möchte bittre Tränen weinen,
Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf
Nicht einen Wunsch erfüllen wird, nicht einen (…)”
(Goethe, Faust, Studierzimmer)

“Und es stimmte, ich war mir dessen immer bewusst gewesen: Ich hatte kein Recht zu existieren. Ich war zufällig erschienen, ich existierte wie ein Stein, eine Pflanze, eine Mikrobe. Mein Leben wuchs auf Geratewohl und in alle Richtungen. Es gab mir manchmal unbestimmte Signale; dann wieder fühlte ich nichts als ein Summen ohne Bedeutung.”
Jean-Paul Sartre, Der Ekel. Zitiert nach https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Ekel)

Die Leistung der Rauschmittel im Kampf um das Glück und zur Fernhaltung des Elends wird so sehr als Wohltat geschätzt, daß Individuen wie Völker ihnen eine feste Stellung in ihrer Libidoökonomie eingeräumt haben. Man dankt ihnen nicht nur den unmittelbaren Lustgewinn, sondern auch ein heiß ersehntes Stück Unabhängigkeit von der Außenwelt. Man weiß doch, daß man mit Hilfe des »Sorgenbrechers« sich jederzeit dem Druck der Realität entziehen und in einer eigenen Welt mit besseren Empfindungsbedingungen Zuflucht finden kann. Es ist bekannt, daß gerade diese Eigenschaft der Rauschmittel auch ihre Gefahr und Schädlichkeit bedingt. Sie tragen unter Umständen die Schuld daran, daß große Energiebeträge, die zur Verbesserung des menschlichen Loses verwendet werden könnten, nutzlos verlorengehen.
(Siegmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Zitiert nach: https://gutenberg.spiegel.de/buch/das-unbehagen-in-der-kultur-922/2)

“Wo verläuft sie denn nun, die Linie zwischen noch gesund und schon krank?
Da gibt es keine klare Linie, es geht ineinander über. Ein Anzeichen für Krankheit ist aber, dass einen etwas im Alltag einschränkt. Also, wenn zum Beispiel jemand aus Angst nicht mehr Bahnfahren kann und deshalb zu Hause bleibt. Wir sprechen dann vom sogenannten Leidensdruck. Ein gewisser Leidensdruck ist häufig auch Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. Es kommt vor, dass wir erstmal eine Therapie starten und diese dann aber unterbrechen, weil der Leidensdruck einfach momentan noch nicht groß genug und die Veränderungsmotivation zu gering ist.”
https://www.sueddeutsche.de/news/gesundheit/gesundheit-die-psyche-immer-im-blick-haben-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-180802-99-397670

“Was genau ist Leidensdruck? Es ist der Stress, der aus einer schwer erträglichen Situation entsteht. Er kann aus aktuellem Leiden kommen, also aus körperlichen oder seelischen Schmerzen, aber auch aus Angst vor zukünftigem Unheil (…). Doch Leidensdruck allein schafft keine Veränderung. (…) Damit Energie zur Veränderung entsteht, muss zu dem Leidensdruck eine positive Perspektive kommen. Erst wenn das Leiden herausgefordert wird von der Idee, dass es auch anders sein könnte und dass diese Änderung realistischerweise erreichbar ist, entsteht ein Gefühl der Hoffnung, und mit ihr die Energie zur Veränderung.”
https://www.umsetzungsberatung.de/psychologie/leidensdruck.php

Der Eremit kehrt dieser Welt den Rücken, er will nichts mit ihr zu schaffen haben. Aber man kann mehr tun, man kann sie umschaffen wollen, anstatt ihrer eine andere aufbauen, in der die unerträglichsten Züge ausgetilgt und durch andere im Sinne der eigenen Wünsche ersetzt sind. Wer in verzweifelter Empörung diesen Weg zum Glück einschlägt, wird in der Regel nichts erreichen; die Wirklichkeit ist zu stark für ihn. Er wird ein Wahnsinniger, der in der Durchsetzung seines Wahns meist keine Helfer findet.
(Siegmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Zitiert nach: https://gutenberg.spiegel.de/buch/das-unbehagen-in-der-kultur-922/2)

Der Mensch kann nichts wollen, wenn er nicht zunächst begriffen hat, daß er auf nichts anderes als auf sich selber zählen kann, daß er allein ist, verlassen auf der Erde inmitten seiner unendlichen Verantwortlichkeiten, ohne Hilfe noch Beistand, ohne ein anderes Ziel als das, das er sich selbst geben wird, ohne ein anderes Schicksal als das, das er sich auf dieser Erde schmieden wird.
(Zum Existentialismus. Eine Klarstellung, in Der Existentialismus ist ein Humanismus. und andere philosophische Essays, Jean-Paul Sartre, Hg. Vincent von Wroblewski, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 6. Auflage August 2012, S. 118; zitiert nach https://de.wikiquote.org/wiki/Jean-Paul_Sartre)

“Die Verzweiflung schickt Gott nicht, um uns zu töten, er schickt sie, um neues Leben in uns zu erwecken. ”
https://de.wikiquote.org/wiki/Hermann_Hesse

“Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern
es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben (…)”
(Hermann Hesse: Stufen; “Glasperlenspiel”)

“Die Auflösung des Einen ist die Entstehung eines Andern.”
Über die Wissenschaft und das Leben
https://de.wikiquote.org/wiki/Francesco_de_Sanctis

“Unzufriedenheit ist der erste Schritt in Richtung Fortschritt (…)”
https://de.wikiquote.org/wiki/Oscar_Wilde

“(…) alle geistige Beeinflussung beruht vornehmlich auf Bestärken und Schwächen. Man kann niemanden zu etwas bringen, der nicht schon dunkel auf dem Wege dahin ist, und niemanden von etwas abbringen, der nicht schon geneigt ist, sich ihm zu entfremden (…)”
http://www.christian-morgenstern.de/dcma/index.php?title=Aphorismen_-_Erziehung,_Selbsterziehung_-_1907

Rolle der Frauen in der Entwicklung/Veränderung der Protagonisten

“Marias liebevolle Worte, ihr sehnsüchtig aufblühender Blick riß breite Breschen in meine Ästhetik. Wohl gab es einiges Schöne, einiges wenige auserlesen Schöne, das mir über jeden Streit und Zweifel erhaben schien, obenan Mozart, aber wo war die Grenze? Hatten wir Kenner und Kritiker nicht alle als Jünglinge Kunstwerke und Künstler glühend geliebt, die uns heute zweifelhaft und fatal erschienen? War es uns nicht mit Liszt, mit Wagner, vielen sogar mit Beethoven so gegangen? War nicht Marias blühende Kinderrührung über den Song aus Amerika ein ebenso reines, schönes, über jeden Zweifel erhabenes Kunsterlebnis wie die Ergriffenheit irgendeines Studienrats über den Tristan oder die Ekstase eines Dirigenten bei der Neunten Symphonie?” (Hermann Hesse: Der Steppenwolf)

“Keine Frau hat ihren Mann je um ein Haarbreit verändert.” (Gerald O’Hara in Margaret Mitchell, “Vom Winde verweht”; “No wife has ever changed a husband one whit.”)

“Der Charakter des Protagonisten zeichnet sich in besonderem Maße durch seine Mehrdimensionalität aus. So besitzt er nie nur gute oder nur schlechte Eigenschaften, da er dadurch nicht nur langweilig, sondern in höchstem Maße unglaubwürdig wäre (…) Auch wenn diese Mehrdimensionalität für alle Figuren wichtig ist, zeichnet sie sich beim Protagonisten durch eine größere Komplexität aus; von ihm erfahren wir schlichtweg mehr. Die Mehrdimensionalität des Protagonisten äußert sich zum einen durch intrapersonale Widersprüche, welche sich in seinen Handlungen und Entscheidungen widerspiegeln. Diese befinden sich im Laufe der gesamten Handlung in einem dynamischen Prozess, der zu Veränderungen der Einstellungen und damit seines alten Weltbilds führt.”
https://www.uni-potsdam.de/u/slavistik/vc/filmanalyse/arb_stud/hopp_stolz/docs/figurenkonzeption.htm


Thema: Welten und Grenzen

  • Grenze, Grenzüberschreitung, Entgrenzung
  • Reise/Heimat und Fremde/Welt(en) und Gegenwelt(en)

“Gefühl von Grenze darf nicht heißen: hier bis du zu Ende, sondern: hier hast du noch zu wachsen.”
https://de.wikiquote.org/wiki/Emil_G%C3%B6tt

“Wir reisen nicht nur an andere Orte, sondern vor allem reisen wir in andere Verfassungen der eigenen Seele.” – Werner Bergengruen, Badekur des Herzens
(https://de.wikiquote.org/wiki/Reisen)

Reisen – “vom Teufel gejagt” – oder “Stillhaltenmüssen” in der Stube?
“In einer trostlosen Vorstadtkneipe ruhte ich einen Augenblick aus, trank Wasser und Kognak, lief wieder weiter, vom Teufel gejagt, die steilen krummen Gassen der Altstadt hinauf und hinab, durch die Alleen, über den Bahnhofplatz. Fortreisen! dachte ich, ging in den Bahnhof, starrte auf die Fahrpläne an den Wänden, trank etwas Wein, versuchte, mich zu besinnen. Immer näher, immer deutlicher begann ich das Gespenst zu sehen, vor dem ich mich fürchtete. Es war die Heimkehr, die Rückkehr in meine Stube, das Stillhaltenmüssen vor der Verzweiflung!” (Hermann Hesse, Der Steppenwolf)

Das Leben als “Landstreicherherberge”
“Als ein Schlüsselgedicht Hesses lässt sich die ‘Landstreicherherberge’ lesen. (…) Bereits im Titel treffen die Konzepte von ‘Heimat’ und ‘Fremde’ aufeinander. Das Kompositum ‘Landstreicherherberge’ scheint zunächst ein Widerspruch in sich selbst zu sein, da die Substantive ‘Landstreicher’ und ‘Herberge’ entgegengesetzte Vorstellungen evozieren. Ein Landstreicher definiert sich über das Unstete, Heimatlose. Als nicht Sesshafter wandert er von Ort zu Ort, als Vagabund besitzt er kein Zuhause. Doch eine Herberge verkörpert genau ein solches Zuhause, das der Landstreicher per Rollendefinition nicht besitzt – mehr noch, nicht besitzen darf. Ein Landstreicher mit fester Heimat, beherbergt in einem wohnlichen Gebäude, würde die Idee des Vaganbundentums ad absurdum führen.” (Dorothée Gommen: “In mir selber muß die Heimat sein” – Ein Essay über Fremdheitserfahrung und Heimatsuche im lyrischen Werk Hermann Hesses. In: Rüdiger Sareika (Hrsg.), Von “Siddhartha” zum “Steppenwolf”. Fremdheitserfahrung und Weltethos bei Hermann Hesse. Tagungsprotokolle – Institut für Kirche und Gesellschaft. S.  67f.)

Rastlosigkeit und schöner Augenblick
“Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sei die Zeit für mich vorbei!”
(Goethe, Faust, Studierzimmer)


Thema: Bürgertum, die Philister – Außenseiter/Sonderling/Menschenfeind

„Denjenigen, der sich ganz der Nützlichkeit verschreibt, nennen die Romantiker Philister. Ein Romantiker ist stolz darauf, keiner zu sein, und ahnt doch, daß er, wenn er älter wird, es kaum vermeiden kann, selbst einer zu werden. Der Ausdruck ‘Philister’ kommt aus dem Studentenjargon und bezeichnet damals abschätzig den Nicht-Studenten oder ehemaligen Studenten, der im normalen bürgerlichen Leben steckt ohne die studentischen Freiheiten. Für die Romantiker wird der ‘Philister’ zum Inbegriff des Normalmenschen schlechthin, von dem sie sich abgrenzen wollen. Der Philister ist nicht schon jemand, der das Normale, Regelhafte schätzt – das wird auch der Romantiker zuzeiten tun -, sondern einer, der das Wunderbare, Geheimnisvolle heruntererklärt und auf Normalmaß zu bringen versucht. Der Philister ist ein Mensch der Ressentiments, der das Außerordentliche gewöhnlich nimmt und das Erhabene kleinzumachen versucht. Es handelt sich also um Leute, die sich das Staunen und die Bewunderung verbieten. … Nicht nur fehlt es ihnen an Phantasie, ihnen ist auch jeder suspekt, von dem sie glauben, daß er zuviel davon hat.” (Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre. Hanser 2007, S. 198f., zitiert nach https://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/eta_hoffmann/eta_philister.htm)

“[…] alle unbedingten Künstler- und Musikerfiguren bei Hoffmann stehen an der Grenze und setzen mit ihrer buchstäblichen Asozialität einen Widerhaken nicht nur gegen die bürgerliche, sondern auch das romantische Geselligkeitsideal. Es ist diese Gesamtkonstellation bei Hoffmann – die Kontrafaktur der (ebenso konformen wie mediokren) zeitgenössischen Geselligkeitskultur mit dem romantischen Gemeinschaftsideal, aber auch der ‚Sympoesie’ mit einsamer, bis in den Wahnsinn führender Künstlerschaft –, mit der der Autor eine ganz eigene, letztlich auf das Aporetische zielende Position im Geselligkeitsdiskurs seiner Zeit einnimmt. […] Bei E.T.A. Hoffmann wird der Künstler dann zum Außenseiter, wenn sein Kunstenthusiasmus in der Idee der absoluten Kunst die Erwartungen seiner Umwelt nicht teilt. Ich-Dissoziation und Wahnsinn sind die psychischen Konsequenzen. Ob eine Figur allerdings tatsächlich wahnsinnig wird, ist oft kaum zu entscheiden, weil sie […] aus der Perspektive anderer Figuren beurteilt wird.” (https://etahoffmann.staatsbibliothek-berlin.de/erforschen/charakteristisches/kuenstler-und-aussenseiter/)

“Denn freilich ist es ein Leben voll mannigfacher Qual und Scham in einer Welt unstet und unheimisch zu sein und doch zu ihr reden, von ihr fordern zu müssen, sie verachten und doch die Verachtete nicht entbehren zu können, — es ist die eigentliche Not des Künstlers der Zukunft; als welcher nicht, gleich dem Philosophen, in einem dunklen Winkel für sich der Erkenntnis nachjagen kann […]” (Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen; https://gutenberg.spiegel.de/buch/unzeitgemasse-betrachtungen-3244/42)

“Bürgerlicher Beruf als Form des Lebens bedeutet in erster Linie das Primat der Ethik im Leben; daß das Leben durch das beherrscht wird, was sich systematisch, regelmäßig wiederholt, durch das, was pflichtgemäß wiederkehrt, durch das, was getan werden muß ohne Rücksicht auf Lust und Unlust. Mit anderen Worten: die Herrschaft der Ordnung über die Stimmung, des Dauernden über das Momentane, der ruhigen Arbeit über die Genialität, die von Sensationen gespeist wird.” (GW XII, 103; Lukács S. 84f.)

“Eben hiermit hing Hesses enormer Erfolg zusammen: Seine Epik konnte höchst unterschiedliche Leser in einmütiger Zustimmung vereinen, weil in ihr immer beides zu finden war – zusammen mit der Abwendung von der schmutzigen Gegenwart, mit der Verwerfung der Politik und mit der heftigen Kritik des bürgerlichen Lebens zugleich die Sehnsucht nicht nur nach edler Einfalt und stiller Größe, sondern auch nach einer soliden und stabilen, schließlich doch bürgerlichen Ordnung. Die einsamen Sonderlinge, die Außenseiter und Steppenwölfe konnten sich in seinen Büchern gerührt wiedererkennen; doch auch die anderen, die Bescheidenen und Umfriedeten, die Philister sahen sich weder gekränkt noch enttäuscht.” (Marcel Reich-Ranicki: Unser lieber Steppenwolf. In: Volker Michels (Hg.), Über Hermann Hesse, Bd. 2, Frankfurt am Main 1977, S. 174)

“Die hegemoniale Kraft bürgerlicher Lebensformen und Werthaltungen trat nicht zuletzt in der Verbreitung des bürgerlichen Ehe- und Familienideals hervor. Ihm lag die Vorstellung naturhaft unterschiedlicher Geschlechtscharaktere zugrunde, die zu einer geschlechtsspezifischen Aufteilung nicht nur der Arbeit, sondern auch der Lebenssphären von Frauen und Männern führen müsse. Verbunden wurden diese als komplementär begriffenen Eigenschaften in der Ehe, die auf freiwilliger Basis durch Liebe gestiftet und zusammengehalten werden sollte. Der als rational, zielstrebig und durchsetzungsfähig geltende Mann war demnach für das außerhäusliche Leben in Wirtschaft, Gesellschaft und Staat zuständig. Er hatte den ‘Lebenskampf’ zu bestehen und sich im Beruf verwirklichen, ihm oblag es, den Lebensunterhalt zu verdienen und seine Familie sozial wie politisch zu repräsentieren. Die Frau dagegen wurde als gefühlsbetont und fürsorglich betrachtet. Sie sollte dementsprechend ihre Erfüllung als treu sorgende Gattin und Mutter finden, deren ureigene Lebenssphäre im bürgerlichen Haushalt zu finden sei. Hier sollte sie die gemeinsamen Kinder aufziehen und ihrem Ehemann ein Refugium vor den Härten des gesellschaftlichen Lebens bieten. Auch wenn dieses Ideal für weite Bevölkerungsschichten vor allem im bäuerlichen und im proletarischen Kontext nicht realisierbar war, entwickelte es sich doch zu einem Ziel, das weit über das Bürgertum hinaus wirksam war und etwa auch in Facharbeiterkreisen angestrebt wurde.” (https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/kaiserreich/139652/buergerliche-kultur-und-ihre-reformbewegungen -Abschnitt “Bürgerliches Familienideal”)

“Der Mensch hat die Möglichkeit, sich ganz und gar dem Geistigen, dem Annäherungsversuch ans Göttliche, hinzugeben, dem Ideal des Heiligen. Er hat umgekehrt auch die Möglichkeit, sich ganz und gar dem Triebleben, dem Verlangen seiner Sinne hinzugeben und sein ganzes Streben auf den Gewinn von augenblicklicher Lust zu richten. Der eine Weg führt zum Heiligen, zum Märtyrer des Geistes, zur Selbstaufgabe an Gott. Der andre Weg führt zum Wüstling, zum Märtyrer der Triebe, zur Selbstaufgabe an die Verwesung. Zwischen beiden nun versucht in temperierter Mitte der Bürger zu leben. Nie wird er sich aufgeben, sich hingeben, weder dem Rausch noch der Askese, nie wird er Märtyrer sein, nie in seine Vernichtung willigen — im Gegenteil, sein Ideal ist nicht Hingabe, sondern Erhaltung des Ichs, sein Streben gilt weder der Heiligkeit noch deren Gegenteil, Unbedingtheit ist ihm unerträglich, er will zwar Gott dienen, aber auch dem Rausche, will zwar tugendhaft sein, es aber auch ein bißchen gut und bequem auf Erden haben. Kurz, er versucht es, in der Mitte zwischen den Extremen sich anzusiedeln, in einer gemäßigten und bekömmlichen Zone ohne heftige Stürme und Gewitter, und dies gelingt ihm auch, jedoch auf Kosten jener Lebens- und Gefühlsintensität, die ein aufs Unbedingte und Extreme gerichtetes Leben verleiht. Intensiv leben kann man nur auf Kosten des Ichs. Der Bürger nun schätzt nichts höher als das Ich (ein nur rudimentär entwickeltes Ich allerdings). Auf Kosten der Intensität also erreicht er Erhaltung und Sicherheit, statt Gottbesessenheit erntet er Gewissensruhe, statt Lust Behagen, statt Freiheit Bequemlichkeit, statt tödlicher Glut eine angenehme Temperatur. Der Bürger ist deshalb seinem Wesen nach ein Geschöpf von schwachem Lebensantrieb, ängstlich, jede Preisgabe seiner selbst fürchtend, leicht zu regieren. Er hat darum an Stelle der Macht die Majorität gesetzt, an Stelle der Gewalt das Gesetz, an Stelle der Verantwortung das Abstimmungsverfahren.” (Hermann Hesse: Der Steppenwolf, S. 68ff.)

“Ein Menschenfeind hegt im Allgemeinen keine aktive Feindschaft gegen die Menschen, er unternimmt nichts gegen sie. Jedoch er hasst und verachtet sie, will nichts mit ihnen zu tun haben, sie nicht sehen und fern von ihnen leben. Menschenhass ist nicht wie Menschenscheu auf Veranlagung zurückzuführen, sondern auf enttäuschende Erlebnisse. Diese Erlebnisse können entweder objektiver Natur sein, indem der bis dahin Gutgesinnte und Vertrauensselige die Erfahrung von Undank und Bosheit seiner Mitmenschen macht, oder sie sind subjektiver Art, indem der mit zu hoch gespannten und weltfremden Forderungen an die Menschheit Herantretende durch die Konfrontierung mit der Realität in seinen Erwartungen und seinem Glauben enttäuscht wird. Der Menschenfeind kann durch seine absonderliche, zurückgezogene Lebensweise Züge mit dem Sonderling gemeinsam haben, aber die Genese seiner Haltung und seine Feindseligkeit trennen ihn doch von dem mehr schrullig-liebenswürdigen Typ.” (Elisabeth Frenzel: Motive der Weltliteratur. – “Menschenfeind”)

“Der Begriff des Sonderlings fasst eine Anzahl auf den ersten Blick disparat erscheinender Menschentypen unter dem gemeinsamen Merkmal zusammen, dass sie ein vom Durchschnittlichen abweichendes Verhalten, eine partielle Unangepasstheit und ein Eigenbrötlertum an den Tag legen, das ihnen ein hilflos-rührendes bis lächerliches Ansehen verleiht. Sonderlinge gehen bestimmten, nicht allgemein verbreiteten Neigungen nach, leben nach Ideen, die nicht oder nicht mehr die der Allgemeinheit sind, fühlen sich von Abneigungen oder Ängsten ergriffen, die andere Menschen zu überwinden vermögen, setzen sich, ohne aggressiv zu werden, über die Gesellschaft und ihre Maßstäbe hinweg und sehen ihre Selbstverwirklichung in anderen Lebensformen als den üblichen. Der weitgefassten und dehnbaren gemeinsamen Komponente des Typus entspricht also die Variabilität der ihn im Einzelnen auszeichnenden Neigungen, Absonderlichkeiten und Lebensgewohnheiten, sodass sich eine breite Variantenskala von Figuren mit vielen Übergangs- und Randerscheinungen ergibt. Außerdem ist er auch den allgemeinen kulturellen Wandlungen unterworfen. Es ist anzunehmen, dass der Typ so alt ist wie Sozietätseinheiten einer gewissen Höhenlage, dass aber Epochen, die eine von ihnen geschaffene Gesellschaft und Lebensform als Leistung und Sicherung und daher als vorbildlich ansahen, sich für von dieser Norm abweichende Typen nicht interessierten oder sie als tadelnswert, allenfalls als lächerlich werteten. Daher tritt der Sonderling als literarisches Motiv und als Begriff der Typenlehre erst dann voll in Erscheinung, wenn die gesellschaftlichen Normen nicht mehr als einzig gültig anerkannt werden, und bekommt seine positiven Akzente im Zuge einer Sozialkritik, die eine prästabilisierte Disharmonie von Individuum und Gesellschaft konstatiert und den abseitigen dem normalen Menschentyp vorzieht. Außerdem hängt die Entwicklung des Motivs mit dem Stil der Literatur und ihren Darbietungsmitteln zusammen; es ist nur von einer stark individualisierenden, nuancenreichen, mit psychologischer Detaillierung arbeitenden Kunst zu erfassen.” (Elisabeth Frenzel: Motive der Weltliteratur. – “Sonderling”)


Thema: Humor

“Nun, aller höhere Humor fängt damit an, daß man die eigene Person nicht mehr ernst nimmt.”
https://de.wikiquote.org/wiki/Hermann_Hesse

“Humor ist Erkenntnis der Grenze, verbunden mit grenzenloser Erkenntnis.”
https://de.wikiquote.org/wiki/Gerhart_Hauptmann


Thema: Lieben und Leiden

“Niemals sind wir ungeschützter gegen das Leiden, als wenn wir lieben (…)”
(Sigmund Freud: “Das Unbehagen in der Kultur” (1930), Frankfurt/Main 2009, S. 49)


Thema: geistige Menschen, Außenseiter

“Tief denkende Menschen kommen sich im Verkehr mit anderen als Komödianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst eine Oberfläche anheucheln müssen.”
https://de.wikiquote.org/wiki/Friedrich_Nietzsche

“In der menschlichen Gesellschaft kam es seit jeher zu Konstellationen zwischen Personengruppen, welche in einem geschlossenen Kreis agieren und die Regeln vorgeben, und jenen die sich nach den dann vorgegebenen Konventionen bewegen mussten. Dies geschah und geschieht bis heute nicht nur in Wechselwirkung zwischen Machthabern wie Politikern und Instanzen, die die vorgegebenen Regeln durchsetzen, und ihren Untergebenen – oder auch Außenseiter -, sondern auch in einem kleineren Kreis oder sozialem Netzwerk wie der Bevölkerung von Städten oder auch nur Stadtteilen, Straßenzügen oder auch Wohngruppen oder Wohngemeinschaften. Zugezogene oder Neuankömmlinge müssen sich der alteingesessenen Ordnung beugen oder sie müssen mit Konsequenzen und Ausstoß rechnen, wenn sie gegen die Regeln und Normen verstoßen, sie werden ‘als eine Bedrohung der bestehenden Ordnung erlebt’ […]. Dieses Verhalten lässt sich vor allem in Gruppen beobachten, deren Mitglieder sich selbst als die ‘qualitätsmäßig besseren’ Menschen halten und die anderen Gruppierungen in Hinblick auf deren Machtstrukturen überlegen sind […].” (Bresemann, Patrick: Etablierte und Außenseiter. Figurationen am Beispiel “Winston Parva” – Zitat aus der Einleitung der Hauptseminararbeit zu Norbert Elias’ “Etablierte und Außenseiter”.  https://www.grin.com/document/285563)


Thema: Geschenke

“Ich hatte nicht das Glück, Marias einziger oder bevorzugter Geliebter zu sein, ich war einer von mehreren. Oft hatte sie keine Zeit für mich, manchmal eine Stunde am Nachmittag, wenige Male eine Nacht. Sie wollte kein Geld von mir nehmen, dahinter steckte wohl Hermine. Aber Geschenke nahm sie gerne, und wenn ich ihr etwa ein neues kleines Portemonnaie aus rotlackiertem Leder schenkte, durften auch zwei, drei Goldstücke darin stecken. Übrigens mit dem roten Geldbeutelchen wurde ich von ihr sehr ausgelacht! Es war entzückend, aber es war ein Ladenhüter, verschollene Mode. In diesen Dingen, von welchen ich bisher weniger gewußt und verstanden hatte als von irgendeiner Eskimosprache, lernte ich von Maria viel. Ich lernte vor allem, daß diese kleinen Spielzeuge, Mode und Luxussachen nicht bloß Tand und Kitsch sind und eine Erfindung geldgieriger Fabrikanten und Händler, sondern berechtigt, schön, mannigfaltig, eine kleine oder vielmehr große Welt von Dingen, welche alle den einzigen Zweck haben, der Liebe zu dienen, die Sinne zu verfeinern, die tote Umwelt zu beleben und zauberhaft mit neuen Liebesorganen zu begaben, vom Puder und Parfüm bis zum Tanzschuh, vom Fingerring bis zur Zigarettendose, von der Gürtelschnalle bis zur Handtasche. Diese Tasche war keine Tasche, der Geldbeutel kein Geldbeutel, Blumen keine Blumen, der Fächer kein Fächer, alles war plastisches Material der Liebe, der Magie, der Reizung, war Bote, Schleichhändler, Waffe, Schlachtruf.”(Hermann Hesse: Der Steppenwolf)


Thema: Tiere und Tierwesen – Schlange, Pudel, Wolf und Co.

“Wir benutzen Tiere geradezu für unsere menschlichen Widersprüche. Bedenkt man das Ausmaß dieser Nutzung […], so könnte unsere kollektive symbolische Nutzung von Tieren in all ihrer Widersprüchlichkeit kaum stattfinden, wären die Tiere aus Sicht des Menschen nicht besonders geeignet für diese Indienstnahme. […] Wir glauben, daß wir den Tieren sehr ähnlich sind und und doch unterschieden von ihnen, fast so wie Menschen in früheren Jahrhunderten glaubten, Gott sei ihnen ähnlich und zugleich eine vollkommen andere Existenz. Wir sehen Tiere mit ihren Leibern, Gesten, Verhaltensweisen und Kommunikationsformen als unsere Verwandten – mit allen Komplikationen, kleinen Lügen, Freuden, rührenden Fürsorglichkeiten und mörderischen Gemeinheiten, die in Verwandtschaftsverhältnissen vorkommen. Nur weil wir Tiere als alte Verwandte sehen, können wir uns in ihnen so ausgiebig spiegeln.”
(Matthias Winzen: “Das Tier als Bild”, in: Das Tier in mir. Die animalischen Ebenbilder des Menschen. Köln 2002, S. 178)


Thema: Frauenbild

“Immer hatte ich von den Frauen, die ich geliebt hatte, Geist und Bildung verlangt, ohne je ganz zu merken, daß auch die geistvollste und verhältnismäßig gebildetste Frau niemals dem Logos in mir Antwort gab, sondern stets ihm entgegenstand; ich brachte meine Probleme und Gedanken zu den Frauen mit, und völlig unmöglich hätte es mir geschienen, ein Mädchen länger als eine Stunde zu lieben, das kaum ein Buch gelesen hatte, kaum wußte, was Lesen ist, und einen Tschaikowsky von einem Beethoven nicht hätte unterscheiden können. Maria hatte keine Bildung, sie hatte diese Umwege und Ersatzwelten nicht nötig, ihre Probleme wuchsen alle unmittelbar aus den Sinnen. Mit den ihr gegebenen Sinnen, mit ihrer besonderen Figur, ihren Farben, ihrem Haar, ihrer Stimme, ihrer Haut, ihrem Temperament so viel Sinnen und Liebesglück als irgend möglich zu erringen, für jede Fähigkeit, für jede Biegung ihrer Linien, jede zarteste Modellierung ihres Körpers beim Liebenden Antwort, Verständnis und lebendiges, beglückendes Gegenspiel zu finden und hervorzuzaubern, dies war ihre Kunst und Aufgabe.” (Hermann Hesse: Der Steppenwolf)

“Es ist also der übereinstimmende Wille der Natur, und des menschlichen Geschlechts, daß der Mann des Weibes Beschützer und Oberhaupt, das Weib hingegen die sich ihm anschmiegende, sich an ihn haltende und stützende, treue, dankbare und folgsame Gefährtinn und Gehülfinn seines Lebens sein sollte – er die Eiche, sie der Efeu, der einen Theil seiner Lebenskraft aus den Lebenskräften der Eiche saugt, der mit ihr in die Lüfte wächst, mit ihr den Stürmen trotzt, mit ihr steht und mit ihr fällt – ohne sie ein niedriges Gesträuch, das von jedem Vorübergehenden zertreten wird.” Joachim Heinrich Campe, Väterlicher Rath, 1796, zitiert nach: Elke Pfitzinger: Die Aufklärung ist weiblich. Frauenrollen im Drama um 1800. (Literatura. Wissenschaftliche Beiträge zur Moderne und ihrer Geschichte Bd. 26). Würzburg, 2011. S. 56


Thema: Selbstbild/Fremdbild – Selbstbestimmung/Fremdbestimmung

“Menschen neigen dazu, ihre gegenwärtige Situation als fremdbestimmt und schicksalhaft einzuordnen. Jedoch ist das, was uns widerfährt, immer das Produkt aus dem Zusammenspiel unseres Selbst, mit seinen Eigenschaften, und unserer Umwelt. Das bedeutet, falls wir unsere gegenwärtige Situation verändern möchten, haben wir einen riesigen Hebel zur Verfügung – nämlich uns selbst! Um diesen Hebel bewusst ansetzen und nutzen zu können, müssen wir ihn jedoch kennen.” (https://www.kaths-cto.de/selbstwahrnehmung_selbstreflektion_veraenderung/)


Thema: Gefängnis/Gefangensein und Selbstverlust

“Ohne Zweifel haben Sie ja längst erraten, daß die Überwindung der Zeit, die Erlösung von der Wirklichkeit, und was immer für Namen Sie Ihrer Sehnsucht geben mögen, nichts andres bedeuten als den Wunsch, Ihrer sogenannten Persönlichkeit ledig zu werden. Sie ist das Gefängnis, in dem Sie sitzen. Und wenn Sie so, wie Sie sind, in das Theater träten, so sähen Sie alles mit den Augen Harrys, alles durch die alte Brille des Steppenwolfes. Sie werden darum eingeladen, sich dieser Brille zu entledigen und diese sehr geehrte Persönlichkeit freundlichst hier in der Garderobe abzulegen, wo sie auf Wunsch jederzeit wieder zu Ihrer Verfügung steht.” (Hermann Hesse: Der Steppenwolf)


Thema: Willensfreiheit – Verantwortung/Schuld

Freier Wille oder Determinismus?
Freier Wille bedeutet, dass ich grundsätzlich entscheiden kann, ob ich eine Handlung ausführe, sie unterlasse oder eine andere Handlung bevorzuge. Wie beim Gehirn-Bewusstsein-Problem gibt es in der europäischen Philosophie seit der Antike die unterschiedlichsten Auffassungen. Ist das Handeln des Menschen in diesem Sinne frei und selbst-bestimmt oder durch das Kausalgesetz determiniert? Determinismus ist die Lehre von der gesetzmäßigen Bestimmtheit allen Geschehens und die Überzeugung, dass es keinen freien Willen gibt. Jede Aktion ist durch die Gesamtheit der vorausgegangenen Bedingungen in jedem Moment determiniert. Dies ist eine geschlossene Kausalität, in der es keine Lücken für nicht-kausale Einflüsse gibt. Die Willensfreiheit ist eine Illusion. Indeterminismus meint dagegen, dass der Mensch frei ist, Alternativen abzuwägen und sich von der Tendenz zum Guten und zum Vernünftigen leiten zu lassen. Das philosophische Dilemma besteht darin, sich entweder gegen die lückenlose Geltung der Kausalität aussprechen zu müssen oder mit der Idee der Willensfreiheit auch die der Verantwortlichkeit aufzugeben.
(Jochen Fahrenberg: Menschenbilder – Psychologische, biologische, interkulturelle und religiöse Ansichten, S. 260 f.
Psychologische und Interdisziplinäre Anthropologie e-Buch 2007
© Copyright Jochen Fahrenberg, Institut für Psychologie, Universität Freiburg 2007, https://freidok.uni-freiburg.de/data/12410)


Thema: Gesellschaftskritik

Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.
(“Die Verteidigung des Vaterlandes”, in: “Die Weltbühne”, 6. Oktober 1921, S. 338f zitiert nach: https://de.wikiquote.org/wiki/Kurt_Tucholsky)


Thema: Meister-Schüler-Beziehung

Willst du dir aber das Beste tun,/So bleib nicht auf dir selber ruhn,/Sondern folg eines Meisters Sinn;/Mit ihm zu irren ist dir Gewinn.
(http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+letzter+Hand.+1827)/Sprichw%C3%B6rtlich)


Thema: Held/Antiheld/romantischer Held

“Aus der historisch-gesellschaftlichen Blickrichtung betrachtet zeichnet den ‘romantischen Helden’ eine Reaktion auf die Verhältnisse und Situation, also Enttäuschung, Resignation, Weltflucht, Entsagung und Opferbereitschaft, aber auch Rebellentum und Opposition, aus.
Psychologisch gesehen zeichnet sich der ‘romantische Held’ durch eine gesteigerte Sensibilität und Reflexivität aus, mit Folgen wie Melancholie, Weltschmerz, Unrast, Gefühlsleere, Liebesunfähigkeit, Zynismus, aber zugleich Sehnsucht und Schwärmerei ebenso wie Geistesstörungen verschiedener Art.”
(Florian Rolf: Der Begriff des Helden unter besonderer Berücksichtigung von E.T.A. Hoffmann: “Der Goldenen Topf” (sic!) Seminararbeit, veröffentlicht unter https://www.grin.com/document/36886)

(Anmerkung: Rolfs Ausführungen lehnen sich sehr eng an Georg Schulz, Romantik: Geschichte und Begriff, München 2008, 3. Auflage, S. 111, an.)


Work in Progress:

Thema: religiöses Weltbild/Werte/Ideologien

Thema: autobiographische Bezüge im Werk

Thema: Motiv Insel

Thema: Arkadien, Suche nach dem irdischen Paradies

Thema: Kleist Marionettentheater

Thema: Selbstbestimmung/Fremdbestimmung – Machtverhältnisse in der Beziehung

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