Werkvergleich Faust, Topf, Steppenwolf

Welche Rolle spielt die Vernunft für das Handeln der Protagonisten?
Beachten Sie hierzu folgende Textauszüge:

Die Gebundenheit an bürgerliche, „vernünftige“ Interpretationsmuster zeigt sich bei Anselmus immer wieder. Rückblickend deutet er seine wunderbaren, übernatürlichen Erlebnisse um und versucht sie in einer Welt, deren oberstes Maß die Vernunft darstellt, zu verorten.
So glaubt er in der zweiten Vigilie bei der Bootsfahrt über die Elbe erneut die goldenen Schlänglein zu erblicken, die neben der Gondel im Wasser zu schwimmen scheinen. Ihr Anblick scheint ihm so wirklich, dass er sich sogar zu ihnen ins Wasser stürzen will und nur im letzten Moment vom Schiffer zurückgehalten wird (…). Als ihn nun aber die anderen Bootsinsassen wahnsinnig wähnen und der Konrektor gar von „Anfällen“ (…) spricht, muss Anselmus seinen Irrtum erkennen. Das, was er für die Schlänglein hielt, war in Wirklichkeit nur der Widerschein eines Feuerwerks, eine Täuschung also. Aus der Perspektive der Vernunft scheint dies die einzig akzeptable Erklärung. Und doch empfindet der Student einen Zwiespalt und ist hin und her gerissen (…). Weder kann er einfach an das Wunderbare und Unglaubliche glauben, ohne das Prinzip der Vernunft gefährdet zu sehen, noch reicht dieses Prinzip aus, um ihn für die phantastischen Erscheinungen blind zu machen und ihn seine innersten Empfindungen verleugnen zu lassen.
http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/intermedialitaet/autoren/eta-hoffmann/der-goldne-topf/duplizitaet-und-chronischer-dualismus-im-goldnen-topf.html

Zitate aus “Der Steppenwolf”:

Mensch und Wolf würden genötigt sein, einander ohne fälschende Gefühlsmasken zu erkennen, einander nackt in die Augen zu sehen. Dann würden sie entweder explodieren und für immer auseinandergehen, so daß es keinen Steppenwolf mehr gäbe, oder sie würden unter dem aufgehenden Licht des Humors eine Vernunftehe schließen.

Mochte der Selbstmord dumm, feig und schäbig, mochte er ein unrühmlicher und schmachvoller Notausgang sein — aus dieser Mühle der Leiden war jeder, auch der schmählichste Ausgang innig zu wünschen, hier gab es kein Theater des Edelmuts und Heroismus mehr, hier war ich vor die einfache Wahl gestellt zwischen einem kleinen, flüchtigen Schmerz und einem unausdenklich brennenden, endlosen Leid. Oft genug in meinem so schwierigen, so verrückten Leben war ich der edle Don Quichotte gewesen, hatte die Ehre dem Behagen und den Heroismus der Vernunft vorgezogen. Genug und Schluß damit!

Mein Gott, war ich denn nicht längst weit genug entfernt vom Leben jedermanns, vom Dasein und Denken der Normalen, war ich nicht längst reichlich abgesondert und verrückt? Und dennoch verstand ich im Innersten den Zuruf recht wohl, die Aufforderung zum Verrücktsein, zum Wegwerfen der Vernunft, der Hemmung, der Bürgerlichkeit, zur Hingabe an die flutende gesetzlose Welt der Seele, der Phantasie.

Ferner, um reinen Tisch zu schaffen und wenigstens nicht als Lügner wegzugehen, müsse ich dem verehrten Herrn erklären, daß er mich heute recht sehr beleidigt habe. Er habe sich jene dumme, stiernackige, eines beschäftigungslosen Offiziers, nicht aber eines Gelehrten würdige Stellung eines reaktionären Blattes zu Hallers Meinungen zu eigen gemacht. Dieser Bursche und vaterlandslose Geselle Haller aber sei ich selber, und es stünde besser um unser Land und um die Welt, wenn wenigstens die paar denkfähigen Menschen sich zu Vernunft und Friedensliebe bekennten, statt blind und besessen auf einen neuen Krieg loszusteuern. So, und damit Gott befohlen.

Dieser begabte und interessante Herr Haller hatte zwar Vernunft und Menschlichkeit gepredigt und gegen die Roheit des Krieges protestiert, er hatte sich aber während des Krieges nicht an die Wand stellen und erschießen lassen, wie es die eigentliche Konsequenz seines Denkens gewesen wäre, sondern hatte irgendeine Anpassung gefunden, eine äußerst anständige und edle natürlich, aber doch eben einen Kompromiß.

Wir Geistigen, statt uns mannhaft dagegen zu wehren und dem Geist, dem Logos, dem Wort Gehorsam zu leisten und Gehör zu verschaffen, träumen alle von einer Sprache ohne Worte, welche das Unaussprechliche sagt, das Ungestaltbare darstellt. Statt sein Instrument möglichst treu und redlich zu spielen, hat der geistige Deutsche stets gegen das Wort und gegen die Vernunft frondiert und mit der Musik geliebäugelt. Und in der Musik, in wunderbaren seligen Tongebilden, in wunderbaren holden Gefühlen und Stimmungen, welche nie zur Verwirklichung gedrängt wurden, hat der deutsche Geist sich ausgeschwelgt und die Mehrzahl seiner tatsächlichen Aufgaben versäumt.

»Komisch«, sagte ich, »daß das Schießen so viel Spaß machen kann! Dabei war ich früher Kriegsgegner!« Gustav lächelte. »Ja, es sind eben gar zu viele Menschen auf der Welt. Früher merkte man es nicht so. Aber jetzt, wo jeder nicht bloß Luft atmen, sondern auch ein Auto haben will, jetzt merkt man es eben. Natürlich ist das, was wir da tun, nicht vernünftig, es ist eine Kinderei, wie auch der Krieg eine riesige Kinderei war. Später einmal wird die Menschheit lernen müssen, ihre Vermehrung durch vernünftige Mittel im Zaum zu halten. Vorderhand reagieren wir auf die unerträglichen Zustände ziemlich unvernünftig, tun aber im Grunde doch das Richtige: wir reduzieren.«
»Ja«, sagte ich, »was wir tun, ist wahrscheinlich verrückt, und wahrscheinlich ist es dennoch gut und notwendig. Es ist nicht gut, wenn die Menschheit den Verstand überanstrengt und Dinge mit Hilfe der Vernunft zu ordnen sucht, die der Vernunft noch gar nicht zugänglich sind. Dann entstehen solche Ideale wie das des Amerikaners oder das der Bolschewiken, die beide außerordentlich vernünftig sind, und die doch das Leben, weil sie es gar so naiv vereinfachen, furchtbar vergewaltigen und berauben. Das Bild des Menschen, einst ein hohes Ideal, ist im Begriff, zu einem Klischee zu werden. Wir Verrückten werden es vielleicht wieder adeln.

»Als ob es nicht schon genug Unglück wäre, was Sie angerichtet haben! Aber mit der Pathetik und den Totschlägen soll es jetzt ein Ende haben. Nehmen Sie endlich Vernunft an! Sie sollen leben, und Sie sollen das Lachen lernen. Sie sollen die verfluchte Radiomusik des Lebens anhören lernen, sollen den Geist hinter ihr verehren, sollen über den Klimbim in ihr lachen lernen. Fertig, mehr wird nicht von Ihnen verlangt.« Leise, hinter zusammengebissenen Zähnen hervor, fragte ich: »Und wenn ich mich weigere? Und wenn ich Ihnen, Herr Mozart, das Recht abspreche, über den Steppenwolf zu verfügen und in sein Schicksal einzugreifen?«
»Dann«, sagte Mozart friedlich, »würde ich dir vorschlagen, noch eine von meinen hübschen Zigaretten zu rauchen.«

 

Zitate aus “Faust”:

Drum seid nur brav und zeigt euch musterhaft, Laßt Phantasie, mit allen ihren Chören,
Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft, Doch, merkt euch wohl! nicht ohne Narrheit hören.

Ein wenig besser würd er leben,
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben; Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein.

Ach wenn in unsrer engen Zelle
Die Lampe freundlich wieder brennt,
Dann wird’s in unserm Busen helle,
Im Herzen, das sich selber kennt.
Vernunft fängt wieder an zu sprechen,
Und Hoffnung wieder an zu blühn,
Man sehnt sich nach des Lebens Bächen,
Ach! nach des Lebens Quelle hin.

MEPHISTOPHELES (in Fausts langem Kleide): Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft,
Laß nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Lügengeist bestärken,
So hab ich dich schon unbedingt-
Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,
Der ungebändigt immer vorwärts dringt,
Und dessen übereiltes Streben
Der Erde Freuden überspringt.

MEPHISTOPHELES:
Ich kann es Euch so sehr nicht übel nehmen,
Ich weiß, wie es um diese Lehre steht.
Es erben sich Gesetz’ und Rechte
Wie eine ew’ge Krankheit fort;
Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte, Und rücken sacht von Ort zu Ort.
Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;
Weh dir, daß du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist, leider! nie die Frage.

 


Inwieweit reflektieren die Protagonisten ihr Handeln?
Inwieweit übernehmen die Protagonisten Verantwortung für ihr Handeln?


Links:

Anastassoff, Elke: Kontextuierung und Vergleich

Dautel, Klaus: Vergleichsaspekte bei zum.de

Fellendorf/Küster, Steppenwolf-Alphabet (Vergleichsaspekte, Übungsklausuren)

 

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