Werkvergleich: “Faust I” und “Der Steppenwolf” (Themen)

Bagnaia, 2007, ©ankehueper
Bagnaia, 2007, ©ankehueper

  • innere Zerrissenheit, Ich-Dissoziation (zwei Seelen)
  • (klein-)bürgerliche Realität/Philistertum und phantastische Gegenwelt
  • Frauenrolle; das Prinzip/die Idee des Weiblichen
  • Außenseiter der Gesellschaft
  • Metamorphose
  • Verjüngung, um am Leben teilzunehmen
  • Verlangen/Begierde/Liebesrausch
  • Sinnsuche/Erfüllung im Leben
  • Lebensüberdruss eines Intellektuellen
  • Selbstmordgedanken

Vergleich Mephisto – Hermine

Vergleichen Sie die Anstrengungen/Vorbereitungen, die Mephisto bzw. Hermine unternehmen/treffen, um Faust bzw. Haller Lebensgenuss schmackhaft zu machen.

Und wie hat denn Maria dir gefallen?«
»Maria? Wer ist das?«
»Das ist die, mit der du getanzt hast. Ein schönes Mädchen, ein sehr schönes Mädchen. Du warst ein wenig in sie verliebt, soviel ich sehen konnte.«
»Kennst du sie denn?«
»O ja, wir kennen uns recht gut. Ist dir viel an ihr gelegen?«
»Sie gefiel mir, und ich war froh, daß sie mit meinem Tanzen so nachsichtig war.«
»Na, wenn das alles ist! Du solltest ihr ein wenig den Hof machen, Harry. Sie ist sehr hübsch und tanzt so gut, und verliebt bist du ja auch schon in sie. Ich glaube, du wirst Erfolg haben.«
»Ach, das ist nicht mein Ehrgeiz.«
»(…) Du hast es recht nötig, wieder einmal bei einem hübschen Mädchen zu schlafen, Steppenwolf.«
»Hermine«, rief ich gepeinigt, »sieh mich doch an, ich bin ein alter Mann!«
»Ein kleiner Junge bist du. Und ebenso, wie du zu bequem warst, um tanzen zu lernen, bis es beinah zu spät war, so warst du auch zu bequem, um lieben zu lernen. Ideal und tragisch lieben, o Freund, das kannst du gewiß vortrefflich, ich zweifle nicht daran, alle Achtung davor! Du wirst nun lernen, auch ein wenig gewöhnlich und menschlich zu lieben. Der Anfang ist ja gemacht, man kann dich schon bald an einen Ball gehen lassen. Nun, den Boston mußt du erst noch lernen, damit beginnen wir morgen. Ich komme um drei Uhr. Wie hat dir übrigens die Musik hier gefallen?«
»Ausgezeichnet.«
»Siehst du, das ist auch ein Fortschritt, du hast zugelernt. Bisher hast du alle diese Tanz- und Jazzmusik nicht leiden können, sie war dir zu wenig ernsthaft und tief, und nun hast du gesehen, daß man sie gar nicht ernst zu nehmen braucht, daß sie aber sehr nett und entzückend sein kann. Übrigens, ohne Pablo wäre die ganze Kapelle nichts. Er führt sie, er heizt ein.«
Wie das Grammophon die Luft von asketischer Geistigkeit in meinem Studierzimmer verdarb, wie die amerikanischen Tänze fremd und störend, ja vernichtend in meine gepflegte Musikwelt drangen, so drang von allen Seiten Neues, Gefürchtetes, Auflösendes in mein bisher so scharf umrissenes und so streng abgeschlossenes Leben.

 

Hexenküche.

Auf einem niedrigen Herd steht ein großer Kessel über dem Feuer. In dem Dampfe, der davon in die Höhe steigt, zeigen sich verschiedene Gestalten. Eine Meerkatze sitzt bei dem Kessel und schäumt ihn und sorgt, daß er nicht überläuft. Der Meerkater mit den Jungen sitzt darneben und wärmt sich. Wände und Decke sind mit dem seltsamsten Hexenhausrat geschmückt.

Faust. Mephistopheles.

FAUST:
Mir widersteht das tolle Zauberwesen!
Versprichst du mir, ich soll genesen
In diesem Wust von Raserei?
Verlang ich Rat von einem alten Weibe?
Und schafft die Sudelköcherei
Wohl dreißig Jahre mir vom Leibe?
Weh mir, wenn du nichts Bessers weißt!
Schon ist die Hoffnung mir verschwunden.
Hat die Natur und hat ein edler Geist
Nicht irgendeinen Balsam ausgefunden?

MEPHISTOPHELES:
Mein Freund, nun sprichst du wieder klug!
Dich zu verjüngen, gibt’s auch ein natürlich Mittel;
Allein es steht in einem andern Buch,
Und ist ein wunderlich Kapitel.

FAUST:
Ich will es wissen.

MEPHISTOPHELES:
Gut! Ein Mittel, ohne Geld
Und Arzt und Zauberei zu haben:
Begib dich gleich hinaus aufs Feld,
Fang an zu hacken und zu graben
Erhalte dich und deinen Sinn
In einem ganz beschränkten Kreise,
Ernähre dich mit ungemischter Speise,
Leb mit dem Vieh als Vieh, und acht es nicht für Raub,
Den Acker, den du erntest, selbst zu düngen;
Das ist das beste Mittel, glaub,
Auf achtzig Jahr dich zu verjüngen!

FAUST:
Das bin ich nicht gewöhnt, ich kann mich nicht bequemen,
Den Spaten in die Hand zu nehmen.
Das enge Leben steht mir gar nicht an.

MEPHISTOPHELES:
So muß denn doch die Hexe dran.

©ankehueper

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *