Der goldne Topf 50

Kaum war eine halbe Stunde vergangen, so dampfte ein köstlicher Punsch auf Paulmanns Tische. Veronika kredenzte das Getränk, und es gab allerlei gemüthliche muntre Gespräche unter den Freunden.

Aber so wie dem Studenten Anselmus der Geist des Getränks zu Kopfe stieg, kamen auch alle Bilder des Wunderbaren, Seltsamen, was er in kurzer Zeit erlebt, wieder zurück.

– Er sah den Archivarius Lindhorst in seinem damastnen Schlafrock, der wie Phosphor erglänzte – er sah das azurblaue Zimmer, die goldnen Palmbäume, ja es wurde ihm wieder so zu Muthe, als müsse er doch an die Serpentina glauben – es brauste, es gährte in seinem Inneren.

Veronika reichte ihm ein Glas Punsch, und indem er es faßte, berührte er leise ihre Hand.

– „Serpentina! Veronika!“ – seufzte er in sich hinein. Er versank in tiefe Träume, aber der Registrator Heerbrand rief ganz laut: „ein wunderlicher alter Mann, aus dem Niemand klug wird, bleibt er doch, der Archivarius Lindhorst.

– Nun er soll leben! stoßen Sie an, Hr. Anselmus!“ – Da fuhr der Student Anselmus auf aus seinen Träumen und sagte, indem er mit dem Registrator Heerbrand anstieß: „das kommt daher, verehrungswürdiger Hr. Registrator, weil der Hr. Archivarius Lindhorst eigentlich ein Salamander ist, der den Garten des Geisterfürsten Phosphorus im Zorn verwüstete, weil ihm die grüne Schlange davongeflogen.“

„Wie – was?“ fragte der Conrektor Paulmann.

„Ja,“ fuhr der Student Anselmus fort, „deßhalb muß er nun königlicher Archivarius seyn und hier in Dresden mit seinen drei Töchtern wirthschaften, die aber weiter nichts sind, als kleine goldgrüne Schlänglein, die sich in Hollunderbüschen sonnen, verführerisch singen und die jungen Leute verlocken wie die Sirenen.“

– „Herr Anselmus – Herr Anselmus,“ rief der Conrektor Paulmann, „rappelt’s Ihnen im Kopfe? – was um des Himmelswillen schwatzen Sie für ungewaschenes Zeug?“

„Er hat Recht,“ fiel der Registrator Heerbrand ein, „der Kerl, der Archivarius, ist ein verfluchter Salamander, der mit den Fingern feurige Schnippchen schlägt, die einem Löcher in den Ueberrock brennen wie glühender Schwamm.

– Ja, ja, Du hast Recht, Brüderchen Anselmus, und wer es nicht glaubt, ist mein Feind!“

Und damit schlug der Registrator Heerbrand mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.

„Registrator! – sind Sie rasend?“ schrie der erboste Conrektor.

– „Hr. Studiosus – Hr. Studiosus, was richten Sie denn nun wieder an?“

– „Ach!“ – sagte der Student, „Sie sind auch weiter nichts als ein Vogel – ein Schuhu, der die Toupees frisirt, Hr. Conrektor!“

„Was? – ich ein Vogel – ein Schuhu – ein Friseur?“ – schrie der Conrektor voller Zorn – „Herr, Sie sind toll – toll!“

– „Aber die Alte kommt ihm über den Hals,“ rief der Registrator Heerbrand.

„Ja, die Alte ist mächtig,“ fiel der Student Anselmus ein, unerachtet sie nur von niederer Herkunft, denn ihr Papa ist nichts als ein lumpichter Flederwisch und ihre Mama eine schnöde Runkelrübe, aber ihre meiste Kraft verdankt sie allerlei feindlichen Creaturen – giftigen Canaillen, von denen sie umgeben.

„Das ist eine abscheuliche Verläumdung,“ rief Veronika mit zornglühenden Augen, „die alte Liese ist eine weise Frau und der schwarze Kater keine feindliche Creatur, sondern ein gebildeter junger Mann von feinen Sitten und ihr Cousin germain.“

Kann der Salamander fressen, ohne sich den Bart zu versengen und elendiglich daraufzugehn? sagte der Registrator Heerbrand.

„Nein, nein!“ schrie der Student Anselmus, „nun und nimmermehr wird er das können; und die grüne Schlange liebt mich, denn ich bin ein kindliches Gemüth und habe Serpentina’s Augen geschaut.“

„Die wird der Kater auskratzen,“ rief Veronika. „Salamander – Salamander bezwingt sie Alle – Alle,“ brüllte der Conrektor Paulmann in höchster Wuth; – „aber bin ich in einem Tollhause? bin ich selbst toll? – was schwatze ich denn für wahnwitziges Zeug? – ja ich bin auch toll – auch toll!“

– Damit sprang der Conrektor Paulmann auf, riß sich die Perücke vom Kopfe und schleuderte sie gegen die Stubendecke, daß die gequetschten Locken ächzten und im gänzlichen Verderben aufgelöst den Puder weit umherstäubten.

Da ergriffen der Student Anselmus und der Registrator Heerbrand die Punschterrine, die Gläser, und warfen sie jubelnd und jauchzend an die Stubendecke, daß die Scherben klirrend und klingend umhersprangen.

„Vivat Salamander – pereat – pereat die Alte – zerbrecht den Metallspiegel, hackt dem Kater die Augen aus! – Vöglein – Vöglein aus den Lüften – Eheu – Eheu – Evoe – Salamander!“ – So schrieen und brüllten die Drei wie Besessene durch einander.

Laut weinend sprang Fränzchen davon, aber Veronika lag winselnd vor Jammer und Schmerz auf dem Sopha.

 

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