Der goldne Topf 49

Neunte Vigilie.
Wie der Student Anselmus zu einiger Vernunft gelangte. – Die Punschgesellschaft. – Wie der Student Anselmus den Conrektor Paulmann für einen Schuhu hielt, und dieser sich darob sehr erzürnte. – Der Tintenklecks und seine Folgen.

Alles das Seltsame und Wundervolle, welches dem Studenten Anselmus täglich begegnet war, hatte ihn ganz dem gewöhnlichen Leben entrückt.

Er sah keinen seiner Freunde mehr und harrte jeden Morgen mit Ungeduld auf die zwölfte Stunde, die ihm sein Paradies aufschloß.

Und doch, indem sein ganzes Gemüth der holden Serpentina und den Wundern des Feenreichs bei dem Archivarius Lindhorst zugewandt war, mußte er zuweilen unwillkürlich an Veronika denken, ja manchmal schien es ihm, als träte sie zu ihm hin und gestehe erröthend, wie herzlich sie ihn liebe und wie sie danach trachte, ihn den Phantomen, von denen er nur geneckt und verhöhnt werde, zu entreißen.

Zuweilen war es, als risse eine fremde plötzlich auf ihn einbrechende Macht ihn unwiderstehlich hin zur vergessenen Veronika, und er müsse ihr folgen, wohin sie nur wolle, als sey er festgekettet an das Mädchen.

Gerade in der Nacht darauf, als er Serpentina zum ersten Mal in der Gestalt einer wunderbar holdseligen Jungfrau geschaut, als ihm das wunderbare Geheimniß der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange offenbar worden, trat ihm Veronika lebhafter vor Augen, als jemals.

– Ja! – erst als er erwachte, wurde er deutlich gewahr, daß er nur geträumt habe, da er überzeugt gewesen, Veronika sey wirklich bei ihm und klage mit dem Ausdruck eines tiefen Schmerzes, der sein Innerstes durchdrang, daß er ihre innige Liebe den fantastischen Erscheinungen, die nur seine innere Zerrüttung hervorrufe, aufopfern und noch darüber in Unglück und Verderben gerathen werde.

Veronika war liebenswürdiger, als er sie je gesehen; er konnte sie kaum aus den Gedanken bringen, und dieser Zustand verursachte ihm eine Quaal, der er bei einem Morgenspaziergang zu entrinnen hoffte.

Eine geheime magische Gewalt zog ihn vor das Pirnaer Thor, und eben wollte er in eine Nebenstraße einbiegen, als der Conrektor Paulmann hinter ihm her kommend laut rief: „Ei, Ei! – werthester Hr. Anselmus! – Amice! – Amice! wo um des Himmelswillen stecken Sie denn, Sie lassen sich ja gar nicht mehr sehen – wissen Sie wol, daß sich Veronika recht sehnt wieder einmal eins mit Ihnen zu singen?

– Nun kommen Sie nur, Sie wollten ja doch zu mir!“

Der Student Anselmus ging nothgedrungen mit dem Conrektor.

Als sie in das Haus traten, kam ihnen Veronika sehr sauber und sorgfältig gekleidet entgegen, so daß der Conrektor Paulmann voll Erstaunen fragte: Nun, warum so geputzt, hat man denn Besuch erwartet? – aber hier bringe ich den Hrn. Anselmus!

– Als der Student Anselmus sittig und artig der Veronika die Hand küßte, fühlte er einen leisen Druck, der wie ein Gluthstrom durch alle Fibern und Nerven zuckte.

Veronika war die Heiterkeit, die Anmuth selbst, und als Paulmann nach seinem Studierzimmer gegangen, wußte sie durch allerhand Neckerei und Schalkheit den Anselmus so hinauf zu schrauben, daß er alle Blödigkeit vergaß und sich zuletzt mit dem ausgelassenen Mädchen im Zimmer herumjagte.

Da kam ihm aber wieder einmal der Dämon des Ungeschicks über den Hals, er stieß an den Tisch und Veronika’s niedliches Nähkästchen fiel herab.

Anselmus hob es auf, der Deckel war aufgesprungen und es blinkte ihm ein kleiner runder Metallspiegel entgegen, in den er mit ganz eigner Lust hineinschaute.

Veronika schlich sich leise hinter ihn, legte die Hand auf seinen Arm und schaute sich fest an ihn schmiegend ihm über die Schulter auch in den Spiegel.

Da war es dem Anselmus, als beginne ein Kampf in seinem Innern – Gedanken – Bilder – blitzten hervor und vergingen wieder – der Archivarius Lindhorst – Serpentina – die grüne Schlange – endlich wurde es ruhiger und alles Verworrene fügte und gestaltete sich zum deutlichen Bewußtseyn.

Ihm wurde es nun klar, daß er nur beständig an Veronika gedacht, ja daß die Gestalt, welche ihm gestern in dem blauen Zimmer erschienen, auch eben Veronika gewesen, und daß die fantastische Sage von der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange ja nur von ihm geschrieben, keinesweges aber erzählt worden sey.

Er wunderte sich selbst über seine Träumereien und schrieb sie lediglich seinem durch die Liebe zu Veronika exaltirten Seelenzustande, so wie der Arbeit bei dem Archivarius Lindhorst zu, in dessen Zimmern es noch überdem so sonderbar betäubend dufte.

Er mußte herzlich über die tolle Einbildung lachen, in eine kleine Schlange verliebt zu seyn und einen wohlbestallten geheimen Archivarius für einen Salamander zu halten.

„Ja, ja! – es ist Veronika!“ rief er laut, aber indem er den Kopf umwandte, schaute er gerade in Veronika’s blaue Augen hinein, in denen Liebe und Sehnsucht strahlten.

Ein dumpfes Ach! entfloh ihren Lippen, die in dem Augenblick auf den seinigen brannten. „O ich Glücklicher, seufzte der entzückte Student, was ich gestern nur träumte, wird mir heute wirklich und in der That zu Theil.“

„Und willst Du mich denn wirklich heirathen, wenn Du Hofrath worden?“ fragte Veronika.

„Allerdings!“ antwortete der Student Anselmus; indem knarrte die Thür, und der Conrektor Paulmann trat mit den Worten herein: „Nun, werthester Hr. Anselmus, lasse ich Sie heute nicht fort, Sie nehmen vorlieb bei mir mit einer Suppe, und nachher bereitet uns Veronika einen köstlichen Kaffee, den wir mit dem Registrator Heerbrand, welcher herzukommen versprochen, genießen.“

„Ach, bester Hr. Conrektor,“ erwiederte der Student Anselmus, „wissen Sie denn nicht, daß ich zum Archivarius Lindhorst muß, des Abschreibens wegen?“

„Schauen Sie,“ Amice! sagte der Conrektor Paulmann, indem er ihm die Taschenuhr hinhielt, welche auf halb Eins wies.

Der Student Anselmus sah nun wol ein, daß es viel zu spät sey zu dem Archivarius Lindhorst zu wandern, und fügte sich den Wünschen des Conrektors um so lieber, als er nun die Veronika den ganzen Tag über schauen und wol manchen verstohlnen Blick, manchen zärtlichen Händedruck zu erhalten, ja wol gar einen Kuß zu erobern hoffte.

So hoch verstiegen sich jetzt die Wünsche des Studenten Anselmus, und es wurde ihm immer behaglicher zu Muthe, je mehr er sich überzeugte, daß er bald von all’ den fantastischen Einbildungen befreit seyn werde, die ihn wirklich ganz und gar zum wahnwitzigen Narren hätten machen können.

Der Registrator Heerbrand fand sich wirklich nach Tische ein, und als der Kaffee genossen und die Dämmerung bereits eingebrochen, gab er schmunzelnd und fröhlich die Hände reibend zu verstehen: er trage etwas mit sich, was durch Veronika’s schöne Hände gemischt und in gehörige Form gebracht, gleichsam foliirt und rubrizirt ihnen Allen an dem kühlen Oktober-Abende erfreulich seyn werde.

„So rücken Sie denn nur heraus mit dem geheimnißvollen Wesen, das Sie bei sich tragen, geschätztester Registrator,“ rief der Conrektor Paulmann; aber der Registrator Heerbrand griff in die tiefe Tasche seines Matins und brachte in drei Reprisen eine Flasche Arrak, Citronen und Zucker zum Vorschein.

 

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