Der goldne Topf 47

Serpentina erzählt Anselmus von der Herkunft ihres Vaters (Salamander, Lilie), von Phosphorus und den feindlichen Mächten (schwarzer Drache, Äpfelweib).

– Da ertönte ein starker Dreiklang heller Kristallglocken –

„Anselmus, lieber Anselmus,“ wehte es ihm zu aus den Blättern, und o Wunder! an dem Stamm des Palmbaums schlängelte sich die grüne Schlange herab.

– „Serpentina! holde Serpentina!“ rief Anselmus wie im Wahnsinn des höchsten Entzückens, denn so wie er schärfer hinblickte, da war es ja ein liebliches herrliches Mädchen, die mit den dunkelblauen Augen, wie sie in seinem Innern lebten, voll unaussprechlicher Sehnsucht ihn anschauend, ihm entgegenschwebte.

Die Blätter schienen sich herabzulassen und auszudehnen, überall sproßten Stacheln aus den Stämmen, aber Serpentina wand und schlängelte sich geschickt durch, indem sie ihr flatterndes, wie in schillernden Farben glänzendes Gewand nach sich zog, so daß es sich dem schlanken Körper anschmiegend nirgends hängen blieb an den hervorragenden Spitzen und Stacheln der Palmbäume.

Sie setzte sich neben dem Anselmus auf denselben Stuhl, ihn mit dem Arm umschlingend und an sich drückend, so daß er den Hauch, der von ihren Lippen strömte, die elektrische Wärme ihres Körpers fühlte.

„Lieber Anselmus! fing Serpentina an, nun bist Du bald ganz mein, durch Deinen Glauben, durch Deine Liebe erringst Du mich, und ich bringe Dir den goldnen Topf, der uns Beide beglückt immerdar.“

– „O Du holde liebe Serpentina, sagte Anselmus, wenn ich nur Dich habe, was kümmert mich sonst alles Uebrige; wenn Du nur mein bist, so will ich gern untergehen in all’ dem Wunderbaren und Seltsamen, was mich befängt seit dem Augenblick, als ich Dich sah.“

„Ich weiß wol, fuhr Serpentina fort, daß das Unbekannte und Wunderbare, womit mein Vater oft nur zum Spiel seiner Laune Dich umfangen, Grausen und Entsetzen in Dir erregt hat, aber jetzt soll es, wie ich hoffe, nicht wieder geschehen, denn ich bin in diesem Augenblick nur da, um Dir, mein lieber Anselmus, Alles und Jedes aus tiefem Gemüthe, aus tiefer Seele haarklein zu erzählen, was Dir zu wissen nöthig, um meinen Vater ganz zu kennen, und überhaupt recht deutlich einzusehen, was es mit ihm und mit mir für eine Bewandniß hat.“

– Dem Anselmus war es, als sey er von der holden lieblichen Gestalt so ganz und gar umschlungen und umwunden, daß er sich nur mit ihr regen und bewegen könne, und als sey es nur der Schlag ihres Pulses, der durch seine Fibern und Nerven zittere; er horchte auf jedes ihrer Worte, das bis in sein Innerstes hinein erklang, und wie ein leuchtender Strahl, die Wonne des Himmels in ihm entzündete.

Er hatte den Arm um ihren schlanker als schlanken Leib gelegt, aber der schillernde glänzende Stoff ihres Gewandes war so glatt, so schlüpfrig, daß es ihm schien, als könne sie, sich ihm schnell entwindend, unaufhaltsam entschlüpfen, und er erbebte bei dem Gedanken.

„Ach, verlaß mich nicht, holde Serpentina, rief er unwillkührlich aus, nur Du bist mein Leben!“

– „Nicht eher heute, sagte Serpentina, als bis ich Alles erzählt habe, was Du in Deiner Liebe zu mir begreifen kannst.

– Wisse also, Geliebter! daß mein Vater aus dem wunderbaren Geschlecht der Salamander abstammt, und daß ich mein Dasein seiner Liebe zur grünen Schlange verdanke.

In uralter Zeit herrschte in dem Wunderlande Atlantis der mächtige Geisterfürst Phosphorus, dem die Elementar-Geister dienten.

Einst ging der Salamander, den er vor Allen liebte (es war mein Vater), in dem prächtigen Garten, den des Phosphorus Mutter mit ihren schönsten Gaben auf das herrlichste geschmückt hatte, umher, und hörte, wie eine hohe Lilie in leisen Tönen sang: „Drücke fest die Aeuglein zu, bis mein Geliebter, der Morgenwind, Dich weckt.“

Er trat hinzu; von seinem glühenden Hauch berührt, erschloß die Lilie ihre Blätter, und er erblickte der Lilie Tochter, die grüne Schlange, welche in dem Kelch schlummerte.

Da wurde der Salamander von heißer Liebe zu der schönen Schlange ergriffen, und er raubte sie der Lilie, deren Düfte in namenloser Klage vergebens im ganzen Garten nach der geliebten Tochter riefen.

Denn der Salamander hatte sie in das Schloß des Phosphorus getragen, und bat ihn: vermähle mich mit der Geliebten, denn sie soll mein eigen seyn immerdar.

Thörichter, was verlangst Du! sprach der Geisterfürst, wisse, daß einst die Lilie meine Geliebte war und mit mir herrschte, aber der Funke, den ich in sie warf, drohte sie zu vernichten, und nur der Sieg über den schwarzen Drachen, den jetzt die Erdgeister in Ketten gebunden halten, erhielt die Lilie, daß ihre Blätter stark genug blieben, den Funken in sich zu schließen und zu bewahren.

Aber, wenn Du die grüne Schlange umarmst, wird Deine Gluth den Körper verzehren und ein neues Wesen schnell emporkeimend sich Dir entschwingen.

Der Salamander achtete der Warnung des Geisterfürsten nicht; voll glühenden Verlangens schloß er die grüne Schlange in seine Arme, sie zerfiel in Asche und ein geflügeltes Wesen aus der Asche geboren rauschte fort durch die Lüfte.

Da ergriff den Salamander der Wahnsinn der Verzweiflung, und er rannte Feuer und Flammen sprühend durch den Garten und verheerte ihn in wilder Wuth, daß die schönsten Blumen und Blüthen verbrannt niedersanken und ihr Jammer die Luft erfüllte.

Der hocherzürnte Geisterfürst erfaßte im Grimm den Salamander und sprach: Ausgeraset hat Dein Feuer – erloschen sind Deine Flammen, erblindet Deine Strahlen – sinke hinab zu den Erdgeistern, die mögen Dich necken und höhnen und gefangen halten, bis der Feuerstoff sich wieder entzündet und mit Dir als einem neuen Wesen aus der Erde emporstrahlt.

Der arme Salamander sank erloschen hinab, aber da trat der alte mürrische Erdgeist, der des Phosphorus Gärtner war, hinzu und sprach: Herr! wer sollte mehr über den Salamander klagen, als ich!

– Habe ich nicht all’ die schönen Blumen, die er verbrannt, mit meinen schönsten Metallen geputzt, habe ich nicht ihre Keime wacker gehegt und gepflegt und an ihnen manche schöne Farbe verschwendet? – und doch nehme ich mich des armen Salamanders an, den nur die Liebe, von der Du selbst schon oft, o Herr! befangen, zur Verzweiflung getrieben, in der er den Garten verwüstet.

– Erlasse ihm die zu harte Strafe!

– Sein Feuer ist für jetzt erloschen, sprach der Geisterfürst, in der unglücklichen Zeit, wenn die Sprache der Natur dem entarteten Geschlecht der Menschen nicht mehr verständlich seyn, wenn die Elementargeister, in ihre Regionen gebannt nur aus weiter Ferne in dumpfen Anklängen zu dem Menschen sprechen werden, wenn dem harmonischen Kreise entrückt, nur ein unendliches Sehnen ihm die dunkle Kunde von dem wundervollen Reiche geben wird, das er sonst bewohnen durfte, als noch Glaube und Liebe in seinem Gemüthe wohnten, – in dieser unglücklichen Zeit entzündet sich der Feuerstoff des Salamanders aufs Neue, doch nur zum Menschen keimt er empor und muß, ganz eingehend in das dürftige Leben, dessen Bedrängnisse ertragen.

Aber nicht allein die Erinnerung an seinen Urzustand soll ihm bleiben, sondern er lebt auch wieder auf in der heiligen Harmonie mit der ganzen Natur, er versteht ihre Wunder und die Macht der verbrüderten Geister steht ihm zu Gebote.

In einem Lilienbusch findet er dann die grüne Schlange wieder, und die Frucht seiner Vermählung mit ihr sind drei Töchter, die den Menschen in der Gestalt der Mutter erscheinen.

Zur Frühlingszeit sollen sie sich in den dunklen Hollunderbusch hängen und ihre lieblichen Kristallstimmen ertönen lassen.

Findet sich dann in der dürftigen armseligen Zeit der innern Verstocktheit ein Jüngling, der ihren Gesang vernimmt, ja, blickt ihn eine der Schlänglein mit ihren holdseligen Augen an, entzündet der Blick in ihm die Ahnung des fernen wundervollen Landes, zu dem er sich muthig emporschwingen kann, wenn er die Bürde des Gemeinen abgeworfen, keimt mit der Liebe zur Schlange in ihm der Glaube an die Wunder der Natur, ja an seine eigne Existenz in diesen Wundern gluthvoll und lebendig auf, so wird die Schlange sein.

Aber nicht eher, bis drei Jünglinge dieser Art erfunden und mit den drei Töchtern vermählt werden, darf der Salamander seine lästige Bürde abwerfen und zu seinen Brüdern gehen.

Erlaube, Herr, sagte der Erdgeist, daß ich diesen drei Töchtern ein Geschenk mache, das ihr Leben mit dem gefundenen Gemahl verherrlicht.

Jede erhält von mir einen Topf vom schönsten Metall, das ich besitze, den polire ich mit Strahlen, die ich dem Diamant entnommen; in seinem Glanze soll sich unser wundervolles Reich, wie es jetzt im Einklang mit der ganzen Natur besteht, in blendendem herrlichen Wiederschein abspiegeln, aus seinem Innern aber in dem Augenblick der Vermählung eine Feuerlilie entsprießen, deren ewige Blüthe den bewährt befundenen Jüngling süß duftend umfängt.

Bald wird er dann ihre Sprache, die Wunder unseres Reichs verstehen und selbst mit der Geliebten in Atlantis wohnen.

– Du weißt nun wol, lieber Anselmus! daß mein Vater eben der Salamander ist, von dem ich Dir erzählt.

Er mußte seiner höheren Natur unerachtet sich den kleinlichsten Bedrängnissen des gemeinen Lebens unterwerfen, und daher kommt wol oft die schadenfrohe Laune, mit der er Manche neckt.

Er hat mir oft gesagt, daß für die innere Geistesbeschaffenheit, wie sie der Geisterfürst Phosphorus damals als Bedingniß der Vermählung mit mir und meinen Schwestern aufgestellt, man jetzt einen Ausdruck habe, der aber nur zu oft unschicklicher Weise gemißbraucht werde; man nenne das nämlich ein kindliches poetisches Gemüth.

– Oft finde man dieses Gemüth bei Jünglingen, die der hohen Einfachheit ihrer Sitten wegen, und weil es ihnen ganz an der sogenannten Weltbildung fehle, von dem Pöbel verspottet würden.

Ach, lieber Anselmus!

– Du verstandest ja unter dem Hollunderbusch meinen Gesang – meinen Blick – Du liebst die grüne Schlange, Du glaubst an mich und willst mein seyn immerdar!

– Die schöne Lilie wird emporblühen aus dem goldnen Topf und wir werden vereint glücklich und selig in Atlantis wohnen!

– Aber nicht verhehlen kann ich Dir, daß im gräßlichen Kampf mit den Salamandern und Erdgeistern sich der schwarze Drache loswand und durch die Lüfte davonbrauste.

Phosphorus hält ihn zwar wieder in Banden, aber aus den schwarzen Federn, die im Kampfe auf die Erde stäubten, keimten feindliche Geister empor, die überall den Salamandern und Erdgeistern widerstreben.

Jenes Weib, das Dir so feindlich ist, lieber Anselmus! und die, wie mein Vater recht gut weiß, nach dem Besitz des goldnen Topfes strebt, hat ihr Daseyn der Liebe einer solchen aus dem Fittig des Drachen herabgestäubten Feder zu einer Runkelrübe zu verdanken.

Sie erkennt ihren Ursprung und ihre Gewalt, denn in dem Stöhnen, in den Zuckungen des gefangenen Drachen werden ihr die Geheimnisse mancher wundervollen Constellation offenbar, und sie bietet alle Mittel auf, von außen hinein ins Innere zu wirken, wogegen sie mein Vater mit den Blitzen, die aus dem Innern des Salamanders hervorschießen, bekämpft.

Alle die feindlichen Prinzipe, die in schädlichen Kräutern und giftigen Thieren wohnen, sammelt sie und erregt, sie mischend in günstiger Constellation, manchen bösen Spuk, der des Menschen Sinne mit Grauen und Entsetzen befängt und ihn der Macht jener Dämonen, die der Drache im Kampfe unterliegend erzeugte, unterwirft.

Nimm Dich vor der Alten in Acht, lieber Anselmus, sie ist Dir feind, weil Dein kindlich frommes Gemüth schon manchen ihrer bösen Zauber vernichtet.

– Halte treu – treu – an mir, bald bist Du am Ziel!“

– „O meine – meine Serpentina!“ – rief der Student Anselmus, „wie sollte ich denn nur von Dir lassen können, wie sollte ich Dich nicht lieben ewiglich!“

– Ein Kuß brannte auf seinem Munde, er erwachte wie aus einem tiefen Traume, Serpentina war verschwunden, es schlug sechs Uhr, da fiel es ihm schwer aufs Herz, daß er nicht das Mindeste kopirt habe; er blickte voll Besorgniß, was der Archivarius wol sagen werde, auf das Blatt, und o Wunder! die Copie des geheimnißvollen Manuskripts war glücklich beendigt, und er glaubte, schärfer die Züge betrachtend, Serpentina’s Erzählung von ihrem Vater, dem Liebling des Geisterfürsten Phosphorus im Wunderlande Atlantis, abgeschrieben zu haben.

 

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