Der goldne Topf 44

Veronika wacht in ihrem Zimmer mit Fieber auf und findet einen Taschenspiegel bei sich, in dem sie Anselmus beobachten kann.

– Als sie wieder zu sich selbst kam, war es heller Tag geworden, sie lag in ihrem Bette und Fränzchen stand mit einer Tasse dampfenden Thee’s vor ihr, sprechend: Aber sage mir nur, Schwester, was Dir ist, da stehe ich nun schon eine Stunde oder länger vor Dir, und Du liegst wie in der Fieberhitze besinnungslos da und stöhnst und ächzest, daß uns angst und bange wird.

Der Vater ist deinetwegen heute nicht in die Classe gegangen, und wird gleich mit dem Herrn Doktor hereinkommen.

– Veronika nahm schweigend den Thee; indem sie ihn hinunterschlürfte, traten ihr die gräßlichen Bilder der Nacht lebhaft vor Augen.

„So war denn wol Alles nur ein ängstlicher Traum, der mich gequält hat?

– Aber ich bin doch gestern Abend wirklich zur Alten gegangen, es war ja der drei und zwanzigste September?

– Doch bin ich wol schon gestern recht krank geworden und habe mir das Alles nur eingebildet, und nichts hat mich krank gemacht, als das ewige Denken an den Anselmus und an die wunderliche alte Frau, die sich für die Liese ausgab und mich wol nur damit geneckt hat.“

– Fränzchen, die hinausgegangen, trat wieder herein mit Veronika’s ganz durchnäßtem Mantel in der Hand.

„Sieh nur, Schwester,“ sagte sie, „wie es Deinem Mantel ergangen ist; da hat der Sturm in der Nacht das Fenster aufgerissen und den Stuhl, auf dem der Mantel lag, umgeworfen; da hat es nun wol hineingeregnet, denn der Mantel ist ganz naß.“

– Das fiel der Veronika schwer aufs Herz, denn sie merkte nun wol, daß nicht ein Traum sie gequält, sondern daß sie wirklich bei der Alten gewesen.

Da ergriff sie Angst und Grausen, und ein Fieberfrost zitterte durch alle Glieder.

Im krampfhaften Erbeben zog sie die Bettdecke fest über sich; aber da fühlte sie, daß etwas Hartes ihre Brust drückte, und als sie mit der Hand danach faßte, schien es ein Medaillon zu seyn; sie zog es hervor, als Fränzchen mit dem Mantel fortgegangen, und es war ein kleiner runder hell polirter Metallspiegel.

„Das ist ein Geschenk der Alten,“ rief sie lebhaft, und es war, als schössen feurige Strahlen aus dem Spiegel, die in ihr Innerstes drangen und es wohlthuend erwärmten.

Der Fieberfrost war vorüber und es durchströmte sie ein unbeschreibliches Gefühl von Behaglichkeit und Wohlseyn.

– An den Anselmus mußte sie denken, und als sie immer fester und fester den Gedanken auf ihn richtete, da lächelte er ihr freundlich aus dem Spiegel entgegen wie ein lebhaftes Miniatur-Portrait.

Aber bald war es ihr, als sähe sie nicht mehr das Bild – nein! – sondern den Studenten Anselmus selbst leibhaftig.

Er saß in einem hohen seltsam ausstaffirten Zimmer und schrieb emsig.

Veronika wollte zu ihm hintreten, ihn auf die Schulter klopfen und sprechen: Herr Anselmus, schauen Sie doch um sich, ich bin ja da!

Aber das ging durchaus nicht an, denn es war, als umgäbe ihn ein leuchtender Feuerstrom, und wenn Veronika recht genau hinsah, waren es doch nur große Bücher mit vergoldetem Schnitt.

Aber endlich gelang es der Veronika, den Anselmus ins Auge zu fassen; da war es, als müsse er im Anschauen sich erst auf sie besinnen, doch endlich lächelte er und sprach: Ach! – sind Sie es, liebe Mademoiselle Paulmann!

Aber warum belieben Sie sich denn zuweilen als ein Schlänglein zu gebehrden?

Veronika mußte über diese seltsamen Worte laut auflachen; darüber erwachte sie wie aus einem tiefen Traume, und sie verbarg schnell den kleinen Spiegel, als die Thür aufging und der Conrektor Paulmann mit dem Doktor Eckstein ins Zimmer kam.

Der Doktor Eckstein ging sogleich ans Bett, faßte, lange in tiefem Nachdenken versunken, Veronika’s Puls und sagte dann: Ei! – Ei!

Hierauf schrieb er ein Rezept, faßte noch einmal den Puls, sagte wiederum: Ei! Ei! und verließ die Patientinn. Aus diesen Aeußerungen des Doktors Eckstein konnte aber der Conrektor Paulmann nicht recht deutlich entnehmen, was der Veronika denn wol eigentlich fehlen möge.

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