Der goldne Topf 43

Der Erzähler bezieht den Leser mit in die nächtliche Zauberei ein.

– Ich wollte, daß Du, günstiger Leser! am drei und zwanzigsten September auf der Reise nach Dresden begriffen gewesen wärest; vergebens suchte man, als der späte Abend hereinbrach, Dich auf der letzten Station aufzuhalten; der freundliche Wirth stellte Dir vor, es stürme und regne doch gar zu sehr, und überhaupt sey es auch nicht geheuer in der Aequinoktialnacht so ins Dunkle hineinzufahren, aber Du achtetest dessen nicht, indem Du ganz richtig annahmst: ich zahle dem Postillion einen ganzen Thaler Trinkgeld und bin spätestens um ein Uhr in Dresden, wo mich im goldnen Engel oder im Helm oder in der Stadt Naumburg ein gut zugerichtetes Abendessen und ein weiches Bett erwartet.

Wie Du nun so in der Finsterniß daher fährst, siehst du plötzlich in der Ferne ein ganz seltsames flackerndes Leuchten.

Näher gekommen erblickst Du einen Feuerreif, in dessen Mitte bei einem Kessel, aus dem dicker Qualm und blitzende rothe Strahlen und Funken emporschießen, zwei Gestalten sitzen.

Gerade durch das Feuer geht der Weg, aber die Pferde pruhsten und stampfen und bäumen sich – der Postillion flucht und betet – und peitscht auf die Pferde hinein – sie gehen nicht von der Stelle.

– Unwillkührlich springst Du aus dem Wagen und rennst einige Schritte vorwärts.

Nun siehst Du deutlich das schlanke holde Mädchen, die im weißen dünnen Nachtgewande bei dem Kessel kniet. Der Sturm hat die Flechten aufgelöst und das lange kastanienbraune Haar flattert frei in den Lüften.

Ganz im blendenden Feuer der unter dem Dreifuß emporflackernden Flammen steht das engelschöne Gesicht, aber in dem Entsetzen, das seinen Eisstrom darüber goß, ist es erstarrt zur Todtenbleiche, und in dem stieren Blick, in den hinaufgezogenen Augenbrauen, in dem Munde, der sich vergebens dem Schrei der Todesangst öffnet, welcher sich nicht entwinden kann der von namenloser Folter gepreßten Brust, siehst Du ihr Grausen, ihr Entsetzen; die kleinen Händchen hält sie krampfhaft zusammengefaltet in die Höhe, als riefe sie betend die Schutzengel herbei, sie zu schirmen vor den Ungethümen der Hölle, die dem mächtigen Zauber gehorchend nun gleich erscheinen werden!

– So kniet sie da unbeweglich wie ein Marmorbild. Ihr gegenüber sitzt auf dem Boden niedergekauert ein langes, hageres, kupfergelbes Weib mit spitzer Habichtsnase und funkelnden Katzenaugen; aus dem schwarzen Mantel, den sie umgeworfen, starren die nackten knöchernen Arme hervor, und rührend in dem Höllensud lacht und ruft sie mit krächzender Stimme durch den brausenden tosenden Sturm.

– Ich glaube wol, daß Dir, günstiger Leser! kenntest Du auch sonst keine Furcht und Scheu, sich doch bei dem Anblick dieses Rembrandtschen oder Höllenbreughelschen Gemäldes, das nun ins Leben getreten, vor Grausen die Haare auf dem Kopfe gesträubt hätten.

Aber Dein Blick konnte nicht loskommen von dem im höllischen Treiben befangenen Mädchen, und der elektrische Schlag, der durch alle Deine Fibern und Nerven zitterte, entzündete mit der Schnelligkeit des Blitzes in Dir den muthigen Gedanken Trotz zu bieten den geheimnißvollen Mächten des Feuerkreises; in ihm ging Dein Grausen unter, ja der Gedanke selbst keimte auf in diesem Grausen und Entsetzen als dessen Erzeugniß.

Es war Dir, als seyst Du selbst der Schutzengel einer, zu denen das zum Tode geängstigte Mädchen flehte, ja als müßtest Du nur gleich Dein Taschenpistol hervorziehen, und die Alte ohne weiteres todtschießen!

Aber, indem Du das lebhaft dachtest, schriest Du laut auf: Heda! oder: was giebt es dorten, oder: was treibt ihr da!

– Der Postillion stieß schmetternd in sein Horn, die Alte kugelte um in ihren Sud hinein, und Alles war mit einem Mal verschwunden in dickem Qualm.

– Ob Du das Mädchen, das Du nun mit recht innigem Verlangen in der Finsterniß suchtest, gefunden hättest, mag ich nicht behaupten, aber den Spuk des alten Weibes hattest Du zerstört, und den Bann des magischen Kreises, in den sich Veronika leichtsinnig begeben, gelöset.

– Weder Du, günstiger Leser! noch sonst Jemand, fuhr oder ging aber am drei und zwanzigsten September in der stürmischen, den Hexenkünsten günstigen Nacht des Weges, und Veronika mußte ausharren am Kessel in tödtlicher Angst, bis das Werk der Vollendung nahe.

– Sie vernahm wol, wie es um sie her heulte und brauste, wie allerlei widrige Stimmen durch einander blökten und schnatterten, aber sie schlug die Augen nicht auf, denn sie fühlte, wie der Anblick des Gräßlichen, des Entsetzlichen, von dem sie umgeben, sie in unheilbaren zerstörenden Wahnsinn stürzen könne.

Die Alte hatte aufgehört im Kessel zu rühren, immer schwächer und schwächer wurde der Qualm, und zuletzt brannte nur eine leichte Spiritusflamme im Boden des Kessels.

Da rief die Alte: Veronika, mein Kind! mein Liebchen! schau hinein in den Grund! – was siehst Du denn – was siehst Du denn?

– Aber Veronika vermochte nicht zu antworten, unerachtet es ihr schien, als drehten sich allerlei verworrene Figuren im Kessel durch einander; immer deutlicher und deutlicher gingen Gestalten hervor, und mit einem Mal trat, sie freundlich anblickend und die Hand ihr reichend, der Student Anselmus aus der Tiefe des Kessels.

Da rief sie laut: Ach, der Anselmus! – der Anselmus! – Rasch öffnete die Alte den am Kessel befindlichen Hahn, und glühendes Metall strömte zischend und prasselnd in eine kleine Form, die sie daneben gestellt.

Nun sprang das Weib auf und kreischte, mit wilder gräßlicher Gebehrde sich herumschwingend: Vollendet ist das Werk – Dank Dir, mein Junge! – hast Wache gehalten – Hui – Hui – er kommt! – beiß ihn todt – beiß ihn todt!

Aber da brauste es mächtig durch die Lüfte, es war, als rausche ein ungeheurer Adler herab, mit den Fittigen um sich schlagend, und es rief mit entsetzlicher Stimme: „Hei, hei! – ihr Gesindel! nun ist’s aus – nun ist’s aus – fort zu Haus!“

Die Alte stürzte heulend nieder, aber der Veronika vergingen Sinn’ und Gedanken.

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