Der goldne Topf 41

Veronika macht sich zum Aufbruch zum nächtlichen Treffen mit Äpfelweib-Liese bereit.

Siebente Vigilie.
Wie der Conrektor Paulmann die Pfeife ausklopfte und zu Bett ging. – Rembrandt und Höllenbreughel. – Der Zauberspiegel und des Doktors Eckstein Recept gegen eine unbekannte Krankheit.

Endlich klopfte der Conrektor Paulmann die Pfeife aus, sprechend: Nun ist es doch wol Zeit, sich zur Ruhe zu begeben.

„Ja wol,“ erwiederte die durch des Vaters längeres Aufbleiben beängstete Veronika: denn es schlug längst zehn Uhr.

Kaum war nun der Conrektor in sein Studier- und Schlafzimmer gegangen, kaum hatten Fränzchens schwerere Athemzüge kund gethan, daß sie wirklich fest eingeschlafen, als Veronika, die sich zum Schein auch ins Bett gelegt, leise, leise wieder aufstand, sich anzog, den Mantel umwarf und zum Hause hinausschlüpfte.

– Seit dem Augenblick, als Veronika die alte Liese verlassen, stand ihr unaufhörlich der Anselmus vor Augen, und sie wußte selbst nicht, welch eine fremde Stimme im Innern ihr immer und ewig wiederholte, daß sein Widerstreben von einer ihr feindlichen Person herrühre, die ihn in Banden halte, welche Veronika durch geheimnißvolle Mittel der magischen Kunst zerreißen könne.

Ihr Vertrauen auf die alte Liese wuchs mit jedem Tage, und selbst der Eindruck des Unheimlichen, Grausigen stumpfte sich ab, so daß alles Wunderliche, Seltsame ihres Verhältnisses mit der Alten ihr nur im Schimmer des Ungewöhnlichen, Romanhaften erschien, wovon sie eben recht angezogen wurde.

Deshalb stand auch der Vorsatz bei ihr fest, selbst mit Gefahr vermißt zu werden und in tausend Unannehmlichkeiten zu gerathen, das Abentheuer der Tag- und Nachtgleiche zu bestehen.

Endlich war nun die verhängnißvolle Nacht des Aequinoktiums, in der ihr die alte Liese Hülfe und Trost verheißen, eingetreten, und Veronika, mit dem Gedanken der nächtlichen Wanderung längst vertraut geworden, fühlte sich ganz ermuthigt.

Pfeilschnell flog sie durch die einsamen Straßen, des Sturms nicht achtend, der durch die Lüfte brauste und ihr die dicken Regentropfen ins Gesicht warf.

 

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