Der goldne Topf 40

Lindhorst ist von Anselmus’ Arbeit angetan und bekundet, dass er Sepentinas Einfluss dabei erkennt und gutheißt.

Auf den Schlag vier Uhr stand er auf, um an seine Arbeit zu gehen, und diese Pünktlichkeit schien dem Archivarius Lindhorst wohl zu gefallen.

War ihm schon vor dem Essen das Copiren der arabischen Zeichen geglückt, so ging die Arbeit jetzt noch viel besser von Statten, ja er konnte selbst die Schnelle und Leichtigkeit nicht begreifen, womit er die krausen Züge der fremden Schrift nachzumalen vermochte.

– Aber es war, als flüstre aus dem innersten Gemüthe eine Stimme in vernehmlichen Worten: Ach! könntest du denn das vollbringen, wenn du Sie nicht in Sinn und Gedanken trügest, wenn du nicht an Sie, an ihre Liebe glaubtest?

– Da wehte es wie in leisen, leisen, lispelnden Kristallklängen durch das Zimmer: Ich bin Dir nahe – nahe – nahe! – ich helfe Dir – sey muthig – sey standhaft, lieber Anselmus! – ich mühe mich mit Dir, damit Du mein werdest!

Und so wie er voll innern Entzückens die Töne vernahm, wurden ihm immer verständlicher die unbekannten Zeichen – er durfte kaum mehr hineinblicken in das Original – ja es war, als stünden schon wie in blasser Schrift die Zeichen auf dem Pergament, und er dürfe sie nur mit geübter Hand schwarz überziehen.

So arbeitete er fort von lieblichen tröstenden Klängen, wie vom süßen zarten Hauch umflossen, bis die Glocke sechs Uhr schlug und der Archivarius Lindhorst in das Zimmer trat.

Er ging sonderbar lächelnd an den Tisch, Anselmus stand schweigend auf, der Archivarius sah ihn noch immer so wie in höhnendem Spott lächelnd an, kaum hatte er aber in die Abschrift geblickt, als das Lächeln in dem tiefen feierlichen Ernst unterging, zu dem sich alle Muskeln des Gesichts verzogen.

– Bald schien er nicht mehr derselbe. Die Augen, welche sonst funkelndes Feuer strahlten, blickten jetzt mit unbeschreiblicher Milde den Anselmus an, eine sanfte Röthe färbte die bleichen Wangen, und statt der Ironie, die sonst den Mund zusammenpreßte, schienen die weichgeformten anmuthigen Lippen sich zu öffnen zur weisheitvollen ins Gemüth dringenden Rede.

– Die ganze Gestalt war höher, würdevoller; der weite Schlafrock legte sich wie ein Königsmantel in breiten Falten um Brust und Schultern, und durch die weißen Löckchen, welche an der hohen offenen Stirn lagen, schlang sich ein schmaler goldner Reif.

„Junger Mensch,“ fing der Archivarius an im feierlichen Ton, „junger Mensch, ich habe noch ehe Du es ahnetest, all’ die geheimen Beziehungen erkannt, die Dich an mein Liebstes, Heiligstes fesseln! – Serpentina liebt Dich, und ein seltsames Geschick, dessen verhängnißvollen Faden feindliche Mächte spannen, ist erfüllt, wenn sie Dein wird, und wenn Du als nothwendige Mitgift den goldnen Topf erhältst, der ihr Eigenthum ist.

Aber nur dem Kampfe entsprießt Dein Glück im höheren Leben.

Feindliche Prinzipe fallen Dich an, und nur die innere Kraft, mit der Du den Anfechtungen widerstehst, kann Dich retten von Schmach und Verderben.

Indem Du hier arbeitest, überstehst Du Deine Lehrzeit; Glauben und Erkenntniß führen Dich zum nahen Ziele, wenn Du fest hältst an dem, was Du beginnen mußtest.

Trage Sie recht getreulich im Gemüthe, Sie, die Dich liebt, und Du wirst die herrlichen Wunder des goldnen Topfs schauen und glücklich seyn immerdar.

– Gehab Dich wohl! der Archivarius Lindhorst erwartet Dich morgen um zwölf Uhr in Deinem Kabinet! – Gehab Dich wohl!“

– Der Archivarius schob den Studenten Anselmus sanft zur Thür hinaus, die er dann verschloß, und er befand sich in dem Zimmer, in welchem er gespeiset, dessen einzige Thür auf den Flur führte.

Ganz betäubt von den wunderbaren Erscheinungen blieb er vor der Hausthür stehen, da wurde über ihm ein Fenster geöffnet, er schaute hinauf, es war der Archivarius Lindhorst; ganz der Alte im weißgrauen Rocke, wie er ihn sonst gesehen.

– Er rief ihm zu: „Ei, werther Hr. Anselmus, worüber sinnen Sie denn so, was gilt’s, das Arabische geht Ihnen nicht aus dem Kopf?

Grüßen Sie doch den Herrn Conrektor Paulmann, wenn Sie etwa zu ihm gehen, und kommen Sie morgen Punkt zwölf Uhr wieder.

Das Honorar für heute steckt bereits in Ihrer rechten Westentasche.“ – Der Student Anselmus fand wirklich den blanken Speziesthaler in der bezeichneten Tasche, aber er freute sich gar nicht darüber.

– „Was aus dem Allen werden wird, weiß ich nicht,“ sprach er zu sich selbst – „umfängt mich aber auch nur ein toller Wahn und Spuk, so lebt und webt doch in meinem Innern die liebliche Serpentina, und ich will, ehe ich von ihr lasse, lieber untergehen ganz und gar, denn ich weiß doch, daß der Gedanke in mir ewig ist, und kein feindliches Prinzip kann ihn vernichten; aber ist der Gedanke denn was anders, als Serpentina’s Liebe?“

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