Der goldne Topf 39

Lindhorst zeigt Anselmus seinen neuen Arbeitsplatz, kritisiert seine Arbeitsproben und Anselmus beginnt ein arabisches Blatt zu kopieren.

Anselmus erwachte wie aus einem Traum, und bemerkte nun, daß er sich in einem hohen rings mit Bücherschränken umstellten Zimmer befand, welches sich in keiner Art von gewöhnlichen Bibliothek- und Studierzimmern unterschied.

In der Mitte stand ein großer Arbeitstisch und ein gepolsterter Lehnstuhl vor demselben.

„Dieses, sagte der Archivarius Lindhorst, ist vor der Hand Ihr Arbeitszimmer, ob Sie künftig auch in dem andern blauen Bibliotheksaal, in dem Sie so plötzlich meiner Tochter Namen riefen, arbeiten werden, weiß ich noch nicht; – aber nun wünschte ich mich erst von Ihrer Fähigkeit, die Ihnen zugedachte Arbeit wirklich meinem Wunsch und Bedürfniß gemäß auszuführen, zu überzeugen.“

Der Student Anselmus ermuthigte sich nun ganz und gar, und zog nicht ohne innere Selbstzufriedenheit und in der Ueberzeugung, den Archivarius durch sein ungewöhnliches Talent höchlich zu erfreuen, seine Zeichnungen und Schreibereien aus der Tasche.

Der Archivarius hatte kaum das erste Blatt, eine Handschrift in der elegantesten englischen Schreibmanier, erblickt, als er recht sonderbar lächelte und mit dem Kopfe schüttelte.

Das wiederholte er bei jedem folgenden Blatte, so daß dem Studenten Anselmus das Blut in den Kopf stieg, und er, als das Lächeln zuletzt recht höhnisch und verächtlich wurde, in vollem Unmuthe losbrach: „Der Hr. Archivarius scheinen mit meinen geringen Talenten nicht ganz zufrieden?“

– Lieber Hr. Anselmus, sagte der Archivarius Lindhorst, „Sie haben für die Kunst des Schönschreibens wirklich treffliche Anlagen, aber vor der Hand, sehe ich wol, muß ich mehr auf Ihren Fleiß, auf Ihren guten Willen rechnen, als auf Ihre Fertigkeit.

Es mag auch wol an den schlechten Materialien liegen, die Sie verwandt.“

– Der Student Anselmus sprach viel von seiner sonst anerkannten Kunstfertigkeit, von chinesischer Tusche und ganz auserlesenen Rabenfedern.

Da reichte ihm der Archivarius Lindhorst das englische Blatt hin und sprach: Urtheilen Sie selbst!

– Anselmus wurde wie vom Blitz getroffen, als ihm seine Handschrift so höchst miserabel vorkam. Da war keine Ründe in den Zügen, kein Druck richtig, kein Verhältniß der großen und kleinen Buchstaben, ja! schülermäßige schnöde Hahnenfüße verdarben oft die sonst ziemlich gerathene Zeile.

Und dann, fuhr der Archivarius Lindhorst fort, ist Ihre Tusche auch nicht haltbar.

Er tunkte den Finger in ein mit Wasser gefülltes Glas, und indem er nur leicht auf die Buchstaben tupfte, war Alles spurlos verschwunden.

Dem Studenten Anselmus war es, als schnüre ein Ungethüm ihm die Kehle zusammen – er konnte kein Wort herausbringen.

So stand er da, das unglückliche Blatt in der Hand, aber der Archivarius Lindhorst lachte laut auf und sagte: „Lassen Sie sich das nicht anfechten, werthester Hr. Anselmus; was Sie bisher nicht vollbringen konnten, wird hier bei mir vielleicht besser sich fügen; ohnedies finden Sie ein besseres Material, als Ihnen sonst wol zu Gebote stand!

– Fangen Sie nur getrost an!“

– Der Archivarius Lindhorst holte erst eine flüssige schwarze Masse, die einen ganz eigenthümlichen Geruch verbreitete, sonderbar gefärbte scharf zugespitzte Federn und ein Blatt von besonderer Weiße und Glätte, dann aber ein arabisches Manuskript aus einem verschlossenen Schranke herbei, und so wie Anselmus sich zur Arbeit gesetzt, verließ er das Zimmer.

Der Student Anselmus hatte schon öfters arabische Schrift kopirt, die erste Aufgabe schien ihm daher nicht so schwer zu lösen.

„Wie die Hahnenfüße in meine schöne englische Cursivschrift gekommen, mag Gott und der Archivarius Lindhorst wissen, sprach er, aber daß sie nicht von meiner Hand sind, darauf will ich sterben.“

– Mit jedem Worte, das nun wohlgelungen auf dem Pergamente stand, wuchs sein Muth und mit ihm seine Geschicklichkeit.

In der That schrieb es sich mit den Federn auch ganz herrlich, und die geheimnißvolle Tinte floß rabenschwarz und gefügig auf das blendend weiße Pergament.

Als er nun so emsig und mit angestrengter Aufmerksamkeit arbeitete, wurde es ihm immer heimlicher in dem einsamen Zimmer, und er hatte sich schon ganz in das Geschäft, welches er glücklich zu vollenden hoffte, geschickt, als auf den Schlag drei Uhr ihn der Archivarius in das Nebenzimmer zu dem wohlbereiteten Mittagsmahl rief.

Bei Tische war der Archivarius Lindhorst bei ganz besonderer heiterer Laune; er erkundigte sich nach des Studenten Anselmus Freunden, dem Conrektor Paulmann und dem Registrator Heerbrand, und wußte vorzüglich von dem letztern recht viel Ergötzliches zu erzählen.

Der gute alte Rheinwein schmeckte dem Anselmus gar sehr und machte ihn gesprächiger, als er wol sonst zu seyn pflegte.

 

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