Der goldne Topf 38

Lindhorst führt Anselmus durch sonderbar dekorierte Räume, lernt einen Papagei kennen und glaubt Serpentina zu sehen.

„Was ist denn das für ein Gewäsche?“ rief der Archivarius zornig in die Büsche hinein.

Da flatterte ein großer grauer Papagei hervor, und sich neben dem Archivarius auf einen Myrthenast setzend und ihn ungemein ernsthaft und gravitätisch durch eine Brille, die auf dem krummen Schnabel saß, anblickend, schnarrte er: Nehmen Sie es nicht übel, Hr. Archivarius, meine muthwilligen Buben sind einmal wieder recht ausgelassen, aber der Hr. Studiosus sind selbst daran Schuld, denn

mehrfach schon wurde die Rede von jemandem unterbrochen, der Leser wurde über das Rätsel nicht weiter aufgeklärt

Aufklärung?

– „Still da, still da!“ unterbrach der Archivarius den Alten, „ich kenne die Schelme, aber Er sollte sie besser in Zucht halten, mein Freund! – gehen wir weiter, Hr. Anselmus!“

– Noch durch manches fremdartig aufgeputzte Gemach schritt der Archivarius, so, daß der Student ihm kaum folgen und einen Blick auf all’ die glänzenden sonderbar geformten Mobilien und andere unbekannte Sachen werfen konnte, womit Alles überfüllt war.

Endlich traten sie in ein großes Gemach, in dem der Archivarius, den Blick in die Höhe gerichtet, stehen blieb, und Anselmus Zeit gewann, sich an dem herrlichen Anblick, den der einfache Schmuck dieses Saals gewährte, zu weiden.

Aus den azurblauen Wänden traten die goldbronzenen Stämme hoher Palmbäume hervor, welche ihre kolossalen, wie funkelnde Smaragden glänzenden Blätter oben zur Decke wölbten; in der Mitte des Zimmers ruhte auf drei aus dunkler Bronze gegossenen ägyptischen Löwen eine Porphyrplatte, auf welcher ein einfacher goldener Topf stand, von dem, als er ihn erblickte, Anselmus nun gar nicht mehr die Augen wegwenden konnte.

Es war als spielten in tausend schimmernden Reflexen allerlei Gestalten auf dem strahlend polirten Golde – manchmal sah er sich selbst mit sehnsüchtig ausgebreiteten Armen – ach! neben dem Hollunderbusch – Serpentina schlängelte sich auf und nieder ihn anblickend mit den holdseligen Augen.

Anselmus war außer sich vor wahnsinnigem Entzücken. „Serpentina! – Serpentina!“ schrie er laut auf, da wandte sich der Archivarius Lindhorst schnell um und sprach: „Was meinen Sie, werther Hr. Anselmus?

– Ich glaube, Sie belieben meine Tochter zu rufen, die ist aber ganz auf der andern Seite meines Hauses in ihrem Zimmer, und hat so eben Clavierstunde, kommen Sie nur weiter.“

Anselmus folgte beinahe besinnungslos dem davonschreitenden Archivarius, er sah und hörte nichts mehr, bis ihn der Archivarius heftig bei der Hand ergriff und sprach: „Nun sind wir an Ort und Stelle!“

 

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