Der goldne Topf 37

Anselmus sieht sich in Lindhorsts Hausgarten um und wird von den Vögeln geneckt.

Er stieg getrost die schöne breite Treppe hinauf und weidete sich an dem Duft des seltenen Räucherwerks, der durch das Haus floß.

Ungewiß blieb er auf dem Flur stehen, denn er wußte nicht, an welche der vielen schönen Thüren er wol pochen sollte; da trat der Archivarius Lindhorst in einem weiten damastnen Schlafrock heraus und rief: „Nun, es freut mich, Hr. Anselmus, daß Sie endlich Wort halten, kommen Sie mir nur nach, denn ich muß Sie ja doch wol gleich ins Laboratorium führen.“

Damit schritt er schnell den langen Flur hinauf und öffnete eine kleine Seitenthür, die in einen Corridor führte.

Anselmus schritt getrost hinter dem Archivarius her; sie kamen aus dem Corridor in einen Saal oder vielmehr in ein herrliches Gewächshaus, denn von beiden Seiten bis an die Decke hinauf standen allerlei seltene wunderbare Blumen, ja große Bäume mit sonderbar gestalteten Blättern und Blüthen.

Ein magisches blendendes Licht verbreitete sich überall, ohne daß man bemerken konnte, wo es herkam, da durchaus kein Fenster zu sehen war.

So wie der Student Anselmus in die Büsche und Bäume hineinblickte, schienen lange Gänge sich in weiter Ferne auszudehnen.

– Im tiefen Dunkel dicker Cypressenstauden schimmerten Marmorbecken, aus denen sich wunderliche Figuren erhoben, Kristallenstrahlen hervorsprizzend, die plätschernd niederfielen in leuchtende Lilienkelche; seltsame Stimmen rauschten und säuselten durch den Wald der wunderbaren Gewächse, und herrliche Düfte strömten auf und nieder.

Der Archivarius war verschwunden, und Anselmus erblickte nur einen riesenhaften Busch glühender Feuerlilien vor sich.

Von dem Anblick, von den süßen Düften des Feengartens berauscht, blieb Anselmus festgezaubert stehen.

Da fing es überall an zu kickern und zu lachen, und feine Stimmchen neckten und höhnten: Hr. Studiosus, Hr. Studiosus! wo kommen Sie denn her? warum haben Sie sich denn so schön geputzt, Hr. Anselmus?

– Wollen Sie eins mit uns plappern, wie die Großmutter das Ei mit dem Steiß zerdrückte, und der Junker einen Klecks auf die Sonntagsweste bekam?

Können Sie die neue Arie schon auswendig, die Sie vom Papa Staarmatz gelernt, Herr Anselmus?

– Sie sehen recht possierlich aus in der gläsernen Perücke und den postpapiernen Stülpstiefeln!

– So rief und kickerte und neckte es aus allen Winkeln hervor – ja dicht neben dem Studenten, der nun erst wahrnahm, wie allerlei bunte Vögel ihn umflatterten und ihn so in vollem Gelächter aushöhnten.

– In dem Augenblick schritt der Feuerlilienbusch auf ihn zu, und er sah, daß es der Archivarius Lindhorst war, dessen blumichter in Gelb und Roth glänzender Schlafrock ihn nur getäuscht hatte.

„Verzeihen Sie, werther Herr Anselmus,“ sagte der Archivarius, „daß ich Sie stehen ließ, aber vorübergehend sah ich nur nach meinem schönen Cactus, der diese Nacht seine Blüthen aufschließen wird – aber wie gefällt Ihnen denn mein kleiner Hausgarten?“

„Ach Gott, über alle Maßen schön ist es hier, geschätztester Herr Archivarius,“ erwiederte der Student, „aber die bunten Vögel moquiren sich über meine Wenigkeit gar sehr!“

 

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