Der goldne Topf 28

Archivarius Lindhorst gibt Anselmus ein Fläschchen Liquor, mit dem das Äpfelweib im Türknauf abgewehrt werden soll

Aber Sie kommen ja gar nicht zu mir, unerachtet mir der Registrator Heerbrand versicherte, Sie würden sich nächstens einfinden, und ich deshalb mehrere Tage vergebens gewartet.

– So wie der Archivarius Lindhorst den Namen Heerbrand nannte, war es dem Studenten Anselmus erst wieder, als stehe er wirklich mit beiden Füßen auf der Erde und er wäre wirklich der Student Anselmus, und der vor ihm stehende Mann der Archivarius Lindhorst.

Der gleichgültige Ton, in dem dieser sprach, hatte im grellen Contrast mit den wunderbaren Erscheinungen, die er wie ein wahrhafter Nekromant hervorrief, etwas Grauenhaftes, das durch den stechenden Blick der funkelnden Augen, die aus den knöchernen Höhlen des magern, runzlichten Gesichts wie aus einem Gehäuse hervorstrahlten, noch erhöht wurde, und den Studenten ergriff mit Macht dasselbe unheimliche Gefühl, welches sich seiner schon auf dem Kaffeehause bemeisterte, als der Archivarius so viel Abentheuerliches erzählte.

Nur mit Mühe faßte er sich, und als der Archivarius nochmals fragte: Nun, warum sind Sie denn nicht zu mir gekommen? da erhielt er es über sich, Alles zu erzählen, was ihm an der Hausthür begegnet.

Lieber Hr. Anselmus, sagte der Archivarius, als der Student seine Erzählung geendet, lieber Hr. Anselmus, ich kenne wol das Aepfelweib, von der Sie zu sprechen belieben; es ist eine fatale Creatur, die mir allerhand Possen spielt, und daß sie sich hat bronziren lassen, um als Thürklopfer die mir angenehmen Besuche zu verscheuchen, das ist in der That sehr arg und nicht zu leiden.

Wollten Sie doch, werther Hr. Anselmus, wenn Sie morgen um zwölf Uhr zu mir kommen und wieder etwas von dem Angrinsen und Anschnarren vermerken, ihr gefälligst was Weniges von diesem Liquor auf die Nase tröpfeln, dann wird sich sogleich Alles geben.

Und nun Adieu! lieber Hr. Anselmus, ich gehe etwas rasch, deßhalb will ich Ihnen nicht zumuthen, mit mir nach der Stadt zurückzukehren.

– Adieu! auf Wiedersehen, morgen um zwölf Uhr.

– Der Archivarius hatte dem Studenten Anselmus ein kleines Fläschchen mit einem goldgelben Liquor gegeben, und nun schritt er rasch von dannen, so, daß er in der tiefen Dämmerung, die unterdessen eingebrochen, mehr in das Thal hinabzuschweben als zu gehen schien.

Schon war er in der Nähe des Koselschen Gartens, da setzte sich der Wind in den weiten Ueberrock und trieb die Schöße aus einander, daß sie wie ein Paar große Flügel in den Lüften flatterten, und es dem Studenten Anselmus, der verwunderungsvoll dem Archivarius nachsah, vorkam, als breite ein großer Vogel die Fittige aus zum raschen Fluge.

– Wie der Student nun so in die Dämmerung hineinstarrte, da erhob sich mit krächzendem Geschrei ein weißgrauer Geier hoch in die Lüfte, und er merkte nun wol, daß das weiße Geflatter, was er noch immer für den davonschreitenden Archivarius gehalten, schon eben der Geier gewesen seyn müsse, unerachtet er nicht begreifen konnte, wo denn der Archivarius mit einem Mal hingeschwunden.

„Er kann aber auch selbst in Person davongeflogen seyn der Hr. Archivarius Lindhorst,“ sprach der Student Anselmus zu sich selbst, „denn ich sehe und fühle nun wol, daß alle die fremden Gestalten aus einer fernen wundervollen Welt, die ich sonst nur in ganz besondern merkwürdigen Träumen schaute, jetzt in mein waches reges Leben geschritten sind und ihr Spiel mit mir treiben.

– Dem sey aber wie ihm wolle! Du lebst und glühst in meiner Brust, holde, liebliche Serpentina, nur Du kannst die unendliche Sehnsucht stillen, die mein Innerstes zerreißt.

– Ach, wann werde ich in Dein holdseliges Auge blicken – liebe, liebe Serpentina!“ –

– So rief der Student Anselmus ganz laut. – „Das ist ein schnöder unchristlicher Name“ murmelte eine Baßstimme neben ihm, die einem heimkehrenden Spaziergänger gehörte.

Der Student Anselmus zu rechter Zeit erinnert wo er war, eilte raschen Schrittes von dannen, indem er bei sich selbst dachte: Wäre es nicht ein rechtes Unglück, wenn mir jetzt der Conrektor Paulmann oder der Registrator Heerbrand begegnete?

– Aber er begegnete Keinem von Beiden.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *