Der goldne Topf 26

Archivarius Lindhorst trifft Anselmus am Hollunderbaum und Anselmus erzählt ihm von seinen Erscheinungen

Als er dieses wieder einmal nach gewöhnlicher Weise trieb, stand plötzlich ein langer hagerer Mann in einen weiten lichtgrauen Ueberrock gehüllt, und rief, indem er ihn mit seinen großen feurigen Augen anblitzte: „Hei hei – was klagt und winselt denn da? – Hei hei, das ist ja Hr. Anselmus, der meine Manuskripte kopiren will.“

Der Student Anselmus erschrak nicht wenig vor der gewaltigen Stimme, denn es war ja dieselbe, die damals am Himmelfahrtstage gerufen: Hei hei! was ist das für ein Gemunkel und Geflüster etc.

Er konnte vor Staunen und Schreck kein Wort herausbringen.

– „Nun, was ist Ihnen denn, Hr. Anselmus,“ fuhr der Archivarius Lindhorst fort, (Niemand Anders war der Mann im weißgrauen Ueberrock) „was wollen Sie von dem Hollunderbaum, und warum sind Sie denn nicht zu mir gekommen, um Ihre Arbeit anzufangen?“

– Wirklich hatte der Student Anselmus es noch nicht über sich vermocht, den Archivarius Lindhorst wieder in seinem Hause aufzusuchen, unerachtet er sich jenen Abend ganz dazu ermuthigt, in diesem Augenblick aber, als er seine schönen Träume, und noch dazu durch dieselbe feindselige Stimme, die schon damals ihm die Geliebte geraubt, zerrissen sah, erfaßte ihn eine Art Verzweiflung, und er brach ungestüm los: „Sie mögen mich nun für wahnsinnig halten oder nicht, Hr. Archivarius! das gilt mir ganz gleich, aber hier auf diesem Baume erblickte ich am Himmelfahrtstage die goldgrüne Schlange – ach! die ewig Geliebte meiner Seele, und sie sprach zu mir in herrlichen Kristalltönen, aber Sie – Sie! Herr Archivarius, schrieen und riefen so erschrecklich über’s Wasser her“

– Wie das, mein Gönner! unterbrach ihn der Archivarius Lindhorst, indem er ganz sonderbar lächelnd eine Prise nahm.

– Der Student Anselmus fühlte, wie seine Brust sich erleichterte, als es ihm nur gelungen, von jenem wunderbaren Abentheuer anzufangen, und es war ihm, als sey es schon ganz recht, daß er den Archivarius geradezu beschuldigt: er sey es gewesen, der so aus der Ferne gedonnert.

Er nahm sich zusammen, sprechend: „Nun, so will ich denn Alles erzählen, was mir an dem Himmelfahrtsabende Verhängnißvolles begegnet, und dann mögen Sie reden und thun und überhaupt denken über mich was Sie wollen.“

– Er erzählte nun wirklich die ganze wunderliche Begebenheit von dem unglücklichen Tritt in den Aepfelkorb an, bis zum Entfliehen der drei goldgrünen Schlangen über’s Wasser, und wie ihn nun die Menschen für betrunken oder wahnsinnig gehalten: „Das Alles,“ schloß der Student Anselmus, „habe ich wirklich gesehen, und tief in der Brust ertönen noch im hellen Nachklang die lieblichen Stimmen, die zu mir sprachen; es war keinesweges ein Traum, und soll ich nicht vor Liebe und Sehnsucht sterben, so muß ich an die goldgrünen Schlangen glauben, unerachtet ich an Ihrem Lächeln, werther Herr Archivarius, wahrnehme, daß Sie eben diese Schlangen nur für ein Erzeugniß meiner erhitzten, überspannten Einbildungskraft halten.“

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *