Der goldne Topf 25

Anselmus sitzt sehnsüchtig unter dem Hollunderbusch

– Also, wie gesagt, der Student Anselmus gerieth seit jenem Abende, als er den Archivarius Lindhorst gesehen, in ein träumerisches Hinbrüten, das ihn für jede äußere Berührung des gewöhnlichen Lebens unempfindlich machte.

Er fühlte, wie ein unbekanntes Etwas in seinem Innersten sich regte und ihm jenen wonnevollen Schmerz verursachte, der eben die Sehnsucht ist, welche dem Menschen ein anderes höheres Seyn verheißt.

Am liebsten war es ihm, wenn er allein durch Wiesen und Wälder schweifen und wie losgelöst von Allem, was ihn an sein dürftiges Leben fesselte, nur im Anschauen der mannichfachen Bilder, die aus seinem Innern stiegen, sich gleichsam selbst wiederfinden konnte.

So kam es denn, daß er einst, von einem weiten Spaziergange heimkehrend, bei jenem merkwürdigen Hollunderbusch vorüberschritt, unter dem er damals wie von Feerei befangen, so viel Seltsames sah; er fühlte sich wunderbarlich von dem grünen heimathlichen Rasenfleck angezogen, aber kaum hatte er sich daselbst niedergelassen, als Alles, was er damals wie in einer himmlischen Verzückung geschaut, und das wie von einer fremden Gewalt aus seiner Seele verdrängt worden, ihm wieder in den lebhaftesten Farben vorschwebte, als sähe er es zum zweiten Mal.

Ja, noch deutlicher als damals war es ihm, daß die holdseligen blauen Augen der goldgrünen Schlange angehören, die in der Mitte des Hollunderbaums sich emporwand, und daß in den Windungen des schlanken Leibes all’ die herrlichen Kristall-Glockentöne hervorblitzen mußten, die ihn mit Wonne und Entzücken erfüllten.

So wie damals am Himmelfahrtstage, umfaßte er den Hollunderbaum und rief in die Zweige und Blätter hinein: „Ach, nur noch einmal schlängle und schlinge und winde Dich, Du holdes grünes Schlänglein, in den Zweigen, daß ich Dich schauen mag.

– Nur noch einmal blicke mich an mit Deinen holdseligen Augen! Ach, ich liebe Dich ja und muß in Trauer und Schmerz vergehen, wenn Du nicht wiederkehrst!“

Alles blieb jedoch stumm und still, und wie damals rauschte der Hollunderbaum nur ganz unvernehmlich mit seinen Zweigen und Blättern.

Aber dem Studenten Anselmus war es, als wisse er nun, was sich in seinem Innern so rege und bewege, ja was seine Brust so im Schmerz einer unendlichen Sehnsucht zerreiße.

„Ist es denn etwas Anderes,“ sprach er, „als daß ich Dich so ganz mit voller Seele bis zum Tode liebe, Du herrliches goldenes Schlänglein, ja daß ich ohne Dich nicht zu leben vermag und vergehen muß in hoffnungsloser Noth, wenn ich Dich nicht wiedersehe, dich nicht habe wie die Geliebte meines Herzens – aber ich weiß es, Du wirst mein, und dann Alles, was herrliche Träume aus einer andern, höhern Welt mir verheißen, erfüllt seyn.“

– Nun ging der Student Anselmus jeden Abend, wenn die Sonne nur noch in die Spitzen der Bäume ihr funkelndes Gold streute, unter den Hollunderbaum, und rief aus tiefer Brust mit ganz kläglichen Tönen in die Blätter und Zweige hinein nach der holden Geliebten, dem goldgrünen Schlänglein.

 

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