Der goldne Topf 24

Erzähler spricht mit Leser

Vierte Vigilie.
Melancholie des Studenten Anselmus. – Der smaragdene Spiegel. – Wie der Archivarius Lindhorst als Stoßgeier davon flog und der Student Anselmus Niemandem begegnete.

Erzähler und Leser im Zwiegespräch

Metafiktion (vorher auch schon die Geschichten des Archivarius)
Wol darf ich geradezu Dich selbst, günstiger Leser! fragen, ob Du in Deinem Leben nicht Stunden, ja Tage und Wochen hattest, in denen Dir all’ Dein gewöhnliches Thun und Treiben ein recht quälendes Mißbehagen erregte, und in denen Dir Alles, was Dir sonst recht wichtig und werth in Sinn und Gedanken zu tragen vorkam, nun läppisch und nichtswürdig erschien?

Du wußtest dann selbst nicht, was Du thun und wohin Du Dich wenden solltest; ein dunkles Gefühl, es müsse irgendwo und zu irgend einer Zeit ein hoher, den Kreis alles irdischen Genusses überschreitender Wunsch erfüllt werden, den der Geist, wie ein strenggehaltenes furchtsames Kind, gar nicht auszusprechen wage, erhob Deine Brust, und in dieser Sehnsucht nach dem unbekannten Etwas, das Dich überall, wo Du gingst und standest, wie ein duftiger Traum mit durchsichtigen, vor dem schärferen Blick zerfließenden Gestalten, umschwebte, verstummtest Du für Alles, was Dich hier umgab.

Du schlichst mit trübem Blick umher wie ein hoffnungslos Liebender, und Alles, was Du die Menschen auf allerlei Weise im bunten Gewühl durch einander treiben sahst, erregte Dir keinen Schmerz und keine Freude, als gehörtest Du nicht mehr dieser Welt an.

Ist Dir, günstiger Leser, jemals so zu Muthe gewesen, so kennst Du selbst aus eigner Erfahrung den Zustand, in dem sich der Student Anselmus befand.

Ueberhaupt wünschte ich, es wäre mir schon jetzt gelungen, Dir, geneigter Leser! den Studenten Anselmus recht lebhaft vor Augen zu bringen.

Denn in der That, ich habe in den Nachtwachen, die ich dazu verwende, seine höchst sonderbare Geschichte aufzuschreiben, noch so viel Wunderliches, das wie eine spukhafte Erscheinung das alltägliche Leben ganz gewöhnlicher Menschen ins Blaue hinausrückte, zu erzählen, daß mir bange ist, Du werdest am Ende weder an den Studenten Anselmus, noch an den Archivarius Lindhorst glauben, ja wol gar einige ungerechte Zweifel gegen den Conrektor Paulmann und den Registrator Heerbrand hegen, unerachtet wenigstens die letztgenannten achtbaren Männer noch jetzt in Dresden umherwandeln.

Versuche es, geneigter Leser! in dem feenhaften Reiche voll herrlicher Wunder, die die höchste Wonne so wie das tiefste Entsetzen in gewaltigen Schlägen hervorrufen, ja, wo die ernste Göttinn ihren Schleier lüftet, daß wir ihr Antlitz zu schauen wähnen – aber ein Lächeln schimmert oft aus dem ernsten Blick, und das ist der neckhafte Scherz, der in allerlei verwirrendem Zauber mit uns spielt, so wie die Mutter oft mit ihren liebsten Kindern tändelt – ja! in diesem Reiche, das uns der Geist so oft, wenigstens im Traume aufschließt, versuche es, geneigter Leser! die bekannten Gestalten, wie sie täglich, wie man zu sagen pflegt im gemeinen Leben, um Dich herwandeln, wiederzuerkennen.

Du wirst dann glauben, daß Dir jenes herrliche Reich viel näher liege, als Du sonst wol meintest, welches ich nun eben recht herzlich wünsche, und Dir in der seltsamen Geschichte des Studenten Anselmus anzudeuten strebe.

 

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