Der goldne Topf 23

Anselmus soll beim Archivarius arbeiten, um von seinem Wahn loszukommen. (Gleichzeitig löst aber gerade der Archivarius bei ihm ungute Gefühle aus.)

Man hielt ihn nun in der That für seelenkrank und sann auf Mittel, ihn zu zerstreuen, worauf der Registrator Heerbrand meinte, daß nichts dazu dienlicher seyn könne, als die Beschäftigung bei dem Archivarius Lindhorst, nämlich das Nachmalen der Manuskripte.

Es kam nur darauf an, den Studenten Anselmus auf gute Art dem Archivarius Lindhorst bekannt zu machen, und da der Registrator Heerbrand wußte, daß dieser beinahe jeden Abend ein gewisses bekanntes Kaffeehaus besuchte, so lud er den Studenten Anselmus ein, jeden Abend so lange auf seine, des Registrators Kosten in jenem Kaffeehause ein Glas Bier zu trinken und eine Pfeife zu rauchen, bis er auf diese oder jene Art dem Archivarius bekannt und mit ihm über das Geschäft des Abschreibens der Manuskripte einig worden, welches der Student Anselmus dankbarlichst annahm.

„Sie verdienen Gottes Lohn, werther Registrator! wenn Sie den jungen Menschen zur Raison bringen,“ sagte der Conrektor Paulmann. „Gottes Lohn!“ wiederholte Veronika, indem sie die Augen fromm zum Himmel erhub und lebhaft daran dachte, wie der Student Anselmus schon jetzt ein recht artiger junger Mann sey, auch ohne Raison!

– Als der Archivarius Lindhorst eben mit Hut und Stock zur Thür hinausschreiten wollte, da ergriff der Registrator Heerbrand den Studenten Anselmus rasch bei der Hand, und mit ihm den Archivarius den Weg vertretend, sprach er: „Geschätztester Hr. geheimer Archivarius, hier ist der Student Anselmus, der ungemein geschickt im Schönschreiben und Zeichnen, Ihre seltenen Manuskripte kopiren will.“

Das ist mir ganz ungemein lieb, erwiederte der Archivarius Lindhorst rasch, warf den dreieckigen soldatischen Hut auf den Kopf und eilte, den Registrator Heerbrand und den Studenten Anselmus bei Seite schiebend, mit vielem Geräusch die Treppe hinab, so daß Beide ganz verblüfft da standen und die Stubenthür anguckten, die er dicht vor ihnen zugeschlagen, daß die Angeln klirrten.

„Das ist ja ein ganz wunderlicher alter Mann,“ sagte der Registrator Heerbrand!

– Wunderlicher alter Mann, stotterte der Student Anselmus nach, fühlend, wie ein Eisstrom ihm durch alle Adern fröstelte, daß er beinahe zur starren Bildsäule worden.

Aber alle Gäste lachten und sagten: „Der Archivarius war heute einmal wieder in seiner besonderen Laune, morgen ist er gewiß sanftmüthig und spricht kein Wort, sondern sieht in die Dampfwirbel seiner Pfeife oder liest Zeitungen, man muß sich daran gar nicht kehren.“

– Das ist auch wahr, dachte der Student Anselmus, wer wird sich an so etwas kehren!

Hat der Archivarius nicht gesagt, es sey ihm ganz ungemein lieb, daß ich seine Manuskripte kopiren wolle? – und warum vertrat ihm auch der Registrator Heerbrand den Weg, als er gerade nach Hause gehen wollte? –

Geschichtsklitterung, Wahrnehmungsverzerrung, nachträgliches Hinbiegen

Nein, nein, es ist ein lieber Mann im Grunde genommen, der Hr. geheime Archivarius Lindhorst, und liberal erstaunlich – nur kurios in absonderlichen Redensarten.

– Allein was schadet das mir?

– Morgen gehe ich hin Punkt zwölf Uhr, und setzten sich hundert bronzirte Aepfelweiber dagegen.


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