Der goldne Topf 21

Der Archivarius erzählt von seinem Bruder, der unter die Drachen gegangen sei

Hätte ich aber gewußt, daß Euch die herrliche Liebesgeschichte, der auch ich meine Entstehung zu verdanken habe, so wenig gefallen würde, so hätte ich lieber manches Neue mitgetheilt, das mir mein Bruder beim gestrigen Besuch mitbrachte.

„Ei, wie das? Haben Sie denn einen Bruder, Hr. Archivarius? – wo ist er denn – wo lebt er denn? Auch in königlichen Diensten, oder vielleicht ein privatisirender Gelehrter?“ – so fragte man von allen Seiten.

–„Nein! erwiederte der Archivarius, ganz kalt und gelassen eine Prise nehmend, er hat sich auf die schlechte Seite gelegt und ist unter die Drachen gegangen.“

– Wie beliebten Sie doch zu sagen, werthester Archivarius, nahm der Registrator Heerbrand das Wort: unter die Drachen?

„Unter die Drachen?“ hallte es von allen Seiten wie ein Echo nach.

– „Ja, unter die Drachen, fuhr der Archivarius Lindhorst fort; eigentlich war es Desperation.

Sie wissen, meine Herren, daß mein Vater vor ganz kurzer Zeit starb, es sind nur höchstens dreihundert und fünf und achtzig Jahre her, weshalb ich auch noch Trauer trage, der hatte mir, dem Liebling, einen prächtigen Onyx vermacht, den durchaus mein Bruder haben wollte.

Wir zankten uns bei der Leiche des Vaters darüber auf eine ungebührliche Weise, bis der Selige, der die Geduld verlor, aufsprang und den bösen Bruder die Treppe hinunterwarf.

Das wurmte meinen Bruder und er ging stehenden Fußes unter die Drachen.

Jetzt hält er sich in einem Cypressenwalde dicht bei Tunis auf, dort hat er einen berühmten mystischen Karfunkel zu bewachen, dem ein Teufelskerl von Nekromant, der ein Sommerlogis in Lappland bezogen, nachstellt, weshalb er denn nur auf ein Viertelstündchen, wenn gerade der Nekromant im Garten seine Salamanderbeete besorgt, abkommen kann, um mir in der Geschwindigkeit zu erzählen, was es gutes Neues an den Quellen des Nils giebt.“

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *