Der goldne Topf 19

Kaffeehaus, Erzählung des Archivarius: phantastische Szene in einem sonnigen Tal – Phosphorus und Feuerlilie, Kampf mit einem Drachen

Dritte Vigilie.
Nachrichten von der Familie des Archivarius Lindhorst. Veronika’s blaue Augen. Der Registrator Heerbrand.

Der Geist schaute auf das Wasser, da bewegte es sich und brauste in schäumenden Wogen, und stürzte sich donnernd in die Abgründe, die ihren schwarzen Rachen aufsperrten, es gierig zu verschlingen.

Wie triumphirende Sieger hoben die Granitfelsen ihre zackicht gekrönten Häupter empor, das Thal schützend, bis es die Sonne in ihren mütterlichen Schooß nahm und es umfassend mit ihren Strahlen wie mit glühenden Armen pflegte und wärmte.

Da erwachten tausend Keime, die unter dem öden Sande geschlummert, aus dem tiefen Schlafe, und streckten ihre grüne Blättlein und Halme zum Angesicht der Mutter hinauf, und wie lächelnde Kinder in grüner Wiege, ruhten in den Blüthen und Knospen Blümlein, bis auch sie von der Mutter geweckt erwachten und sich schmückten mit den Lichtern, die die Mutter ihnen zur Freude auf tausendfache Weise bunt gefärbt.

Aber in der Mitte des Thals war ein schwarzer Hügel, der hob sich auf und nieder wie die Brust des Menschen, wenn glühende Sehnsucht sie schwellt.

– Aus den Abgründen rollten die Dünste empor, und sich zusammenballend in gewaltige Massen, strebten sie das Angesicht der Mutter feindlich zu verhüllen; die rief aber den Sturm herbei, der fuhr zerstäubend unter sie, und als der reine Strahl wieder den schwarzen Hügel berührte, da brach im Uebermaß des Entzückens eine herrliche Feuerlilie hervor, die schönen Blätter wie holdselige Lippen öffnend, der Mutter süße Küsse zu empfangen.

– Nun schritt ein glänzendes Leuchten in das Thal; es war der Jüngling Phosphorus, den sah die Feuerlilie und flehte, von heißer sehnsüchtiger Liebe befangen: Sey doch mein ewiglich, Du schöner Jüngling! denn ich liebe Dich und muß vergehen, wenn Du mich verlässest.

Da sprach der Jüngling Phosphorus: Ich will Dein seyn, Du schöne Blume, aber dann wirst Du, wie ein entartet Kind, Vater und Mutter verlassen, Du wirst Deine Gespielen nicht mehr kennen, Du wirst größer und mächtiger seyn wollen als Alles, was sich jetzt als Deines Gleichen mit Dir freut.

Die Sehnsucht, die jetzt Dein ganzes Wesen wohlthätig erwärmt, wird in hundert Strahlen zerspaltet, Dich quälen und martern, denn der Sinn wird die Sinne gebähren, und die höchste Wonne, die der Funke entzündet, den ich in Dich hineinwerfe, ist der hoffnungslose Schmerz, in dem Du untergehst, um aufs Neue fremdartig emporzukeimen.

– Dieser Funke ist der Gedanke!

– Ach! klagte die Lilie, kann ich denn nicht in der Gluth, wie sie jetzt in mir brennt, Dein seyn?

Kann ich Dich denn mehr lieben als jetzt, und kann ich Dich denn schauen wie jetzt, wenn Du mich vernichtest?

Da küßte sie der Jüngling Phosphorus, und wie vom Lichte durchstrahlt loderte sie auf in Flammen, aus denen ein fremdes Wesen hervorbrach, das schnell dem Thale entfliehend im unendlichen Raume herumschwärmte, sich nicht kümmernd um die Gespielen der Jugend und um den geliebten Jüngling.

Der klagte um die verlorne Geliebte, denn auch ihn brachte ja nur die unendliche Liebe zu der schönen Lilie in das einsame Thal, und die Granitfelsen neigten ihre Häupter theilnehmend vor dem Jammer des Jünglings.

Aber einer öffnete seinen Schooß, und es kam ein schwarzer geflügelter Drache rauschend herausgeflattert und sprach: meine Brüder, die Metalle, schlafen da drinnen, aber ich bin stets munter und wach und will Dir helfen.

Sich auf- und niederschwingend erhaschte endlich der Drache das Wesen, das der Lilie entsprossen, trug es auf den Hügel und umschloß es mit seinem Fittig; da war es wieder die Lilie, aber der bleibende Gedanke zerriß ihr Innerstes, und die Liebe zu dem Jüngling Phosphorus war ein schneidender Jammer, vor dem, von giftigen Dünsten angehaucht, die Blümlein, die sonst sich ihres Blicks gefreut, verwelkten und starben.

Der Jüngling Phosphorus legte eine glänzende Rüstung an, die in tausendfarbigen Strahlen spielte, und kämpfte mit dem Drachen, der mit seinem schwarzen Fittig an den Panzer schlug, daß er hell erklang; und von dem mächtigen Klange lebten die Blümlein wieder auf und umflatterten wie bunte Vögel den Drachen, dessen Kräfte schwanden und der besiegt sich in der Tiefe der Erde verbarg.

Die Lilie war befreit, der Jüngling Phosphorus umschlang sie voll glühenden Verlangens himmlischer Liebe, und im hochjubelnden Hymnus huldigten ihr die Blumen, die Vögel, ja selbst die hohen Granitfelsen als Königinn des Thals.

 

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