Der goldne Topf 17

Anselmus bewirbt sich um eine Beschäftigung bei Archivarius Lindhorst

Es war ziemlich spät worden und der Registrator Heerbrand griff nach Hut und Stock, da trat der Conrektor Paulmann geheimnißvoll zu ihm hin und sprach: Ei, wollten Sie nicht, geehrter Registrator, dem guten Hrn. Anselmus selbst – nun! wovon wir vorhin sprachen

– Mit tausend Freuden, erwiederte der Registrator Heerbrand, und begann, nachdem sie sich im Kreise gesetzt, ohne weiteres in folgender Art: „Es ist hier am Orte ein alter wunderlicher merkwürdiger Mann, man sagt, er treibe allerlei geheime Wissenschaften, da es nun aber dergleichen eigentlich nicht giebt, so halte ich ihn eher für einen forschenden Antiquar, auch wol nebenher für einen experimentirenden Chemiker.

Ich meine Niemand Andern als unsern geheimen Archivarius Lindhorst.

alt, wunderlich, merkwürdig, geheim

Er lebt, wie sie wissen, einsam in seinem entlegenen alten Hause, und wenn ihn der Dienst nicht beschäftigt, findet man ihn in seiner Bibliothek oder in seinem chemischen Laboratorio, wo er aber Niemanden hineinläßt.

einsam, entlegen, alt, Niemanden hineinläßt

Er besitzt außer vielen seltenen Büchern eine Anzahl zum Theil arabischer, koptischer, und gar in sonderbaren Zeichen, die keiner bekannten Sprache angehören, geschriebener Manuskripte.

Diese will er auf geschickte Weise kopiren lassen, und es bedarf dazu eines Mannes, der sich darauf versteht mit der Feder zu zeichnen, um mit der höchsten Genauigkeit und Treue alle Zeichen auf Pergament, und zwar mit Tusche, übertragen zu können.

Warum eigentlich?

Er läßt in einem besondern Zimmer seines Hauses unter seiner Aufsicht arbeiten, bezahlt außer dem freien Tisch während der Arbeit jeder Tag einen Speziesthaler, und verspricht noch ein ansehnliches Geschenk, wenn die Abschriften glücklich beendet.

Die Zeit der Arbeit ist täglich von zwölf bis sechs Uhr.

Von drei bis vier Uhr wird geruht und gegessen.

Da er schon mit ein paar jungen Leuten vergeblich den Versuch gemacht hat, jene Manuskripte kopiren zu lassen, so hat er sich endlich an mich gewendet, ihm einen geschickten Zeichner zuzuweisen; da habe ich an Sie gedacht, lieber Hr. Anselmus, denn ich weiß, daß Sie sowol sehr sauber schreiben, als auch mit der Feder zierlich und rein zeichnen.

Wollen Sie daher in dieser schlechten Zeit und bis zu Ihrer etwanigen Anstellung den Speziesthaler täglich verdienen und das Geschenk obendrein, so bemühen Sie sich morgen Punkt zwölf Uhr zu dem Hrn. Archivarius, dessen Wohnung Ihnen bekannt seyn wird.

– Aber hüten Sie sich vor jedem Tinteflecken; fällt er auf die Abschrift, so müssen Sie ohne Gnade von vorn anfangen, fällt er auf das Original, so ist der Herr Archivarius im Stande, Sie zum Fenster hinauszuwerfen, denn es ist ein zorniger Mann.“

Woher dieses plötzliche unmotivierte Jobangebot?
Und warum sofort diese eigenartige Warnung?

– Der Student Anselmus war voll inniger Freude über den Antrag des Registrators Heerbrand; denn nicht allein, daß er sauber schrieb und mit der Feder zeichnete, so war es auch seine wahre Passion, mit mühsamem kalligraphischen Aufwande abzuschreiben; er dankte daher seinen Gönnern in den verbindlichsten Ausdrücken, und versprach die morgende Mittagsstunde nicht zu versäumen.

In der Nacht sah der Student Anselmus nichts als blanke Speziesthaler und hörte ihren lieblichen Klang.

– Wer mag das dem Armen verargen, der um so manche Hoffnung durch ein launisches Mißgeschick betrogen, jeden Heller zu Rathe halten und manchem Genuß, den jugendliche Lebenslust foderte, entsagen mußte.

Distanziert sich der Erzähler von der Seriosität des Jobangebots?

Schon am frühen Morgen suchte er seine Bleistifte, seine Rabenfedern, seine chinesischen Tusche zusammen; denn besser, dachte er, kann der Archivarius keine Materialien erfinden.

Vor allen Dingen musterte und ordnete er seine kalligraphischen Meisterstücke und seine Zeichnungen, um sie dem Archivarius, zum Beweis seiner Fähigkeit das Verlangte zu erfüllen, aufzuweisen.

Alles ging glücklich von statten, ein besonderer Glücksstern schien über ihn zu walten, die Halsbinde saß gleich beim ersten Umknüpfen wie sie sollte, keine Nath platzte, keine Masche zerriß in den schwarzseidenen Strümpfen, der Hut fiel nicht noch einmal in den Staub, als er schon sauber abgebürstet.

Ist das Gesellschaftskritik? Wer einen Job in Aussicht hat, gewinnt Selbstsicherheit?

– Kurz! – Punkt halb zwölf Uhr stand der Student Anselmus in seinem hechtgrauen Frack und seinen schwarzatlasnen Unterkleidern, eine Rolle Schönschriften und Federzeichnungen in der Tasche, schon auf der Schloßgasse in Conradi’s Laden und trank – eins – zwei Gläschen des besten Magenliqueurs, denn hier, dachte er, indem er auf die annoch leere Tasche schlug, werden bald Speziesthaler erklingen.

Unerachtet des weiten Weges bis in die einsame Straße, in der sich das uralte Haus des Archivarius Lindhorst befand, war der Student Anselmus doch vor zwölf Uhr an der Hausthür.

Erinnert mich an Franz Kafka: Der Prozess

 

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