Der goldne Topf – Selbstmord/Suizid

Psychologisch-medizinischer Deutungsansatz:

Es  ist bemerkenswert, mit welchem psychologischen Instinkt Hoffmann noch im vorwissenschaftlichen Stadium diese Einzelsymptome der Schizophrenie erkannt und in der Person des Studenten Anselmus zu einem geschlossenen Krankheitsbild vereinigt hat (…)
Die andersartige, phantastische Welt, mit der Anselmus konfrontiert wird, besteht nach dieser Lesart allein in seinem Inneren. Die Verwandlung des Türklopfers in die Fratze des Äpfelweibs wäre somit (…) paranoide Vorstellung eines vom Verfolgungswahn Besessenen (…)
Auch die Katatonie, eine klinische Hauptform der Schizophrenie, in der motorische Störungen bis zur Erstarrung führen können, wird von Hoffmann in ein poetisches Bild umgesetzt, wenn Lindhorst den abtrünnigen Anselmus in eine Kristallflasche einschließt und damit zur Bewegungslosigkeit verdammt (…). Dieser Zugang zur Lektüre ist freilich viel düsterer als einer, der im Goldnen Topf ausschließlich ein Märchen sieht. Denn nicht Atlantis und damit eine poetische, versöhnliche Utopie steht dann am Ende von Anselmus’ Weg, sondern konsequenterweise der Selbstmord. Mit der Episode in der Flasche bzw. auf der Elbbrücke ist der Held aus dem Text verschwunden (…) – aber wohin? Das letzte Kapitel spricht von einer Entrückung nach Atlantis, (…) aber könnte dieses Versunkensein nicht auch zum Ausdruck bringen, dass sich Anselmus von der Brücke hinab in die Elbe gestürzt hat und dabei ertrunken ist? Dass der psychisch Kranke nicht nur metaphorisch seinen Halt verloren hat, sondern auch im wortwörtlichen, für ihn tödlichen Sinne? Schon in der zweiten Vigilie hat der Student gerade noch vom Schiffer davon abgehalten werden können, zum Entsetzen aller Mitfahrenden den vermeintlichen Schlänglein in die Elbfluten nachzustürzen (…). Auch in der Diskussion mit den aus der Sicht Anselmus’ ebenfalls in Flaschen eingesperrten Kreuzschülern in der elften Vigilie behaupten diese: »[ Er] bildet sich ein in einer gläsernen Flasche zu sitzen, und steht auf der Elbebrücke und sieht gerade hinein ins Wasser.« (…) Dies deutet auf einen Wahnzustand bei Anselmus hin. Der letzte Satz der elften Vigilie spricht explizit vom ›Sturz‹ »in die Arme der holden lieblichen Serpentina« (…). Die Prophezeiung des Äpfelweibs vom Beginn der Erzählung hätte damit ihre makabre Erfüllung gefunden: »ins Kristall bald dein Fall« (…).
Quelle: Neubauer, Martin. Der goldne Topf von E.T.A. Hoffmann. Reclam Verlag. 2017

Vergleiche auch folgende Textstelle:

2. Vigilie, erste Türklopferszene:
“Die Klingelschnur senkte sich hinab und wurde zur weißen durchsichtigen Riesenschlange, die umwand und drückte ihn, fester und fester ihr Gewinde schnürend, zusammen, daß die mürben zermalmten Glieder knackend zerbröckelten und sein Blut aus den Adern spritzte, eindringend in den durchsichtigen Leib der Schlange und ihn rot färbend. – »Töte mich, töte mich!« wollte er schreien in der entsetzlichen Angst, aber sein Geschrei war nur ein dumpfes Röcheln. – Die Schlange erhob ihr Haupt und legte die lange spitzige Zunge von glühendem Erz auf die Brust des Anselmus, da zerriß ein schneidender Schmerz jähling die Pulsader des Lebens, und es vergingen ihm die Gedanken. – ”

Nicht zu vergessen: Anselmus’ Immigration nach Atlantis (=versunkene Insel)

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