Margarete/Gretchen und Veronika

Vergleichen Sie Margaretes/Gretchens und Veronikas Selbstgesprächsszenen:

Text 1 (aus “Abend”)

Ich gäb’ was drum, wenn ich nur wüßt’,
Wer heut der Herr gewesen ist!
Er sah gewiß recht wacker aus,
Und ist aus einem edlen Haus;
Das konnt’ ich ihm an der Stirne lesen –
Er wär’ auch sonst nicht so keck gewesen.

(…)

Es ist so schwül, so dumpfig hie,
Sie macht das Fenster auf.
Und ist doch eben so warm nicht drauß.
Es wird mir so, ich weiß nicht wie –
Ich wollt’, die Mutter käm’ nach Haus.
Mir läuft ein Schauer übern ganzen Leib –
Bin doch ein töricht furchtsam Weib!

(…)

Wie kommt das schöne Kästchen hier herein?
Ich schloß doch ganz gewiß den Schrein.
Es ist doch wunderbar! Was mag wohl drinne sein?
Vielleicht bracht’s jemand als ein Pfand,
Und meine Mutter lieh darauf.
Da hängt ein Schlüsselchen am Band,
Ich denke wohl, ich mach’ es auf!
Was ist das? Gott im Himmel! Schau,
So was hab’ ich mein’ Tage nicht gesehn!
Ein Schmuck! Mit dem könnt’ eine Edelfrau
Am höchsten Feiertage gehn.
Wie sollte mir die Kette stehn?
Wem mag die Herrlichkeit gehören?

Sie putzt sich damit auf und tritt vor den Spiegel.

Wenn nur die Ohrring’ meine wären!
Man sieht doch gleich ganz anders drein.
Was hilft euch Schönheit, junges Blut?
Das ist wohl alles schön und gut,
Allein man läßt’s auch alles sein;
Man lobt euch halb mit Erbarmen.
Nach Golde drängt,
Am Golde hängt
Doch alles. Ach wir Armen! (…)

Text 2 (aus der fünften Vigilie):

(…) Aber auf Veronika hatte das Gespräch einen ganz eignen Eindruck gemacht.
Habe ich’s denn nicht schon immer gewußt, dachte sie, daß der Herr Anselmus ein recht gescheidter, liebenswürdiger junger Mann ist, aus dem noch was Großes wird?
Wenn ich nur wüßte, ob er mir wirklich gut ist?
– Aber hat er mir nicht jenen Abend, als wir über die Elbe fuhren, zweimal die Hand gedrückt? hat er mich nicht im Duett angesehen mit solchen ganz sonderbaren Blicken, die bis ins Herz drangen?
Ja, ja! er ist mir wirklich gut – und ich – Veronika überließ sich ganz, wie junge Mädchen wol pflegen, den süßen Träumen von einer heitern Zukunft.

Sie war Frau Hofräthinn, bewohnte ein schönes Logis in der Schloßgasse, oder auf dem Neumarkt, oder auf der Moritzstraße – der moderne Hut, der neue türkische Shawl stand ihr vortrefflich – sie frühstückte im eleganten Negligee im Erker, der Köchinn die nöthigen Befehle für den Tag ertheilend.
„Aber daß Sie mir die Schüssel nicht verdirbt, es ist des Herrn Hofraths Leibessen!“
– Vorübergehende Elegants schielen herauf, sie hört deutlich: „Es ist doch eine göttliche Frau, die Hofräthinn, wie ihr das Spitzenhäubchen so allerliebst steht!“
– Die geheime Räthinn Ypsilon schickt den Bedienten und läßt fragen, ob es der Frau Hofräthinn gefällig wäre, heute ins Linkische Bad zu fahren?
– „Viel Empfehlungen, es thäte mir unendlich leid, ich sey schon engagirt zum Thee bei der Präsidentinn Tz.“
– Da kommt der Hofrath Anselmus, der schon früh in Geschäften ausgegangen, zurück; er ist nach der letzten Mode gekleidet, „wahrhaftig schon zehn,“ ruft er, indem er die goldene Uhr repetiren läßt und der jungen Frau einen Kuß giebt.
„Wie gehts, liebes Weibchen, weißt Du auch, was ich für Dich habe?“ fährt er schäkernd fort und zieht ein Paar herrliche nach der neuesten Art gefaßte Ohrringe aus der Westentasche, die er ihr statt der sonst getragenen gewöhnlichen einhängt.
„Ach, die schönen niedlichen Ohrringe,“ ruft Veronika ganz laut, und springt, die Arbeit wegwerfend, vom Stuhl auf, um in dem Spiegel die Ohrringe wirklich zu beschauen.
„Nun was soll denn das seyn,“ sagte der Conrektor Paulmann, der eben in Cicero de Officiis vertieft, beinahe das Buch fallen lassen, „man hat ja Anfälle wie der Anselmus.“ (…)

Vergleichsaspekte:

  • Umstände des Selbstgesprächs (Ort, Zeugen)
  • Auslöser des Selbstgesprächs
  • Gemütszustand, Stimmung
  • Umgang mit dem Schmuck, Bedeutung des Schmucks
  • Beziehung zum Geschenkgeber
  • Bedeutung des sozialen Status
  • Atmosphäre, Rolle des Magischen/Unheimlichen

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