Sophokles: Antigone

Harpyie, Archäologisches Nationalmuseum, Athen, 2011, ankehueper
Harpyie, Archäologisches Nationalmuseum, Athen, 2011, ©ankehueper

Aktuelle Bezüge
Ambivalenz des Chors
Einstieg Klasse 10

Aktuelle Bezüge

Säkularer Rationalismus versus Religion

(in Arbeit)

Tyrannis/Ein-Mann-Herrschaft versus Meinungspluralismus

Nach Haimons Auffassung sollte der Herrscher nicht allein die eigene Meinung gelten lassen, sondern die der Anderen für seine Entscheidung mit bedenken. Kreon ist für Haimon “leer”, da er nur eine “Denkart” zulässt. Sophokles, der selbst in der Hochzeit der athenischen Demokratie wichtige Staatsämter innehatte, belehrt sein zeitgenössisches Publikum im Spiegel der Antigone über politische Geführdungen, auch der neuen Staatsform Demokratie […]. Kreon beharrt in der Attitüde des Alleinherrschers rigoros auf dem von ihm gesetzten Recht, während Haimon auch die Berechtigung anderer Positionen in der Polis hervorhebt. […] Kreon fehlt es an einer Grundfähigkeit des Politischen, dem, was Immanuel Kant als Maxime der Urteilskraft bezeichnet hat: “an der Stelle jedes andern denken”, der Fähigkeit zum Perspektivwechsel, um auf diese Weise zu einer “erweiterten Denkungsart” zu gelangen […]. Da es Kreon am Willen oder auch an der Fähigkeit zum Perspektivwechsel und zur erweiterten Denkungsart gebricht, gelangt er von einer gut begründeten rechtlichen Ausgangsposition letztlich zur Tyrannei.

Ingo Juchler: Narrationen in der politischen Bildung, Bd. 1, Sophokles, Thukydides, Kleist und Hein, Wiesbaden, 2015, S. 31

Widerstand

(in Arbeit)

Hybris – “den Bogen überspannen”

(in Arbeit)

Oikos-Polis – Familie-Staat

(in Arbeit)

Machtkampf Mann-Frau

V. 61 f. “Ismene: […] Nein, zu bedenken gilt es, einmal, dass wir Frauen sind und drum nicht gegen Männer kämpfen können”

V. 248 “KREON. Was sagst du? Welcher Mann hätt tollkühn dies gewagt?”

V. 484 f. “Kreon: […] Da wär wahrhaftig ich kein Mann, sie wär der Mann, wenn man ihr straflos hingehn ließe diese Übermacht.”

V. 506 f. “Antigone: […] Allein, die Ein-Mann-Herrschaft ist mit vielem glückgesegnet, und ihr steht’s zu, zu tun, zu sagen, was sie will.”

V. 525 “Kreon: […] Doch meiner Lebtag wird kein Weib regieren!”

V. 531 f. “Kreon: Du, die im Hause gleich der Natter eingeschlichen mich heimlich aussogst, und ich merkte nicht, dass ich zwei Unheilsgeister aufzog und Umsturz des Throns,”

V. 677 ff. “Kreon: […] So muss man denn, was angeordnet ist, verfechten und nie darf einem Weib man unterliegen. Denn besser ist’s, wenn’s sein muss, uns verdrängt ein Mann, und nie soll’s heißen, dass wir Weibern unterlegen sind.

(Zitate aus der Reclam XL-Ausgabe, Übersetzer: Kurt Steinmann)

Sophokles beschreibt in den blutigen Ereignissen seiner Dramen die Gefahren menschlicher Freiheit innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung. Die vitale Vieldeutigkeit seiner Figuren, die zutiefst mitmenschlich sind und doch anmaßend alle Gesetze sprengen, war Vorbild für Bertolt Brecht, Igor Strawinski oder Carl Orff. Bis in die 1970er Jahre als politischer Widerstand inszeniert, sieht man in ›Antigone‹ seither vor allem den Geschlechterkampf.

fischerverlage.de

[…] In dieser Hinsicht überschreitet die sophokleische Antigone weibliche Normvorstellungen. Sie klagt nicht nur, sondern sie handelt auch und übertritt in der Bestattung, die rituell männliche Aufgabe ist, den weiblihen Normenrahmen. Sophokles läßt Antigone diese Grenze überschreiten, um den Ansprch der Chthonioi als dem staatlichen Anspruch mindestens ebenbürtig erscheinen zu lassen. Durch ihre Bestattungsaktion weist Antigone die staatlichen Ge- und Verbote als labil aus. Die schwache Jungfrau vollbringt die männliche Tat der Bestattung und tastet damit das politisch Machtgefüge an. Haimon und Ismene werden von Sophokles als Figuten benützt, die in ihrer Schwäche vor Kreon Antigones Stärke unterstreichen. Durch die Einführung der Todesstrafe und durch die erlobung Haimons mit Antigone steigert Sophokles die Tragik des Geschehens.

(Zimmermann, Christiane: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst, Tübingen 1993,  S. 296)

Grenzüberschreitung, Hybris, Machtmissbrauch der Herrschenden

Die Schülerinnen und Schüler sollen […] das Fehlverhalten des Kreon als ursächlich für das tragische Ende des Stücks ausmachen und […] zu einem Verständnis von Hybris gelangen […]. [Sie sollen] die Tendenz des Menschen, hybrid seine Grenzen zu überschreiten, als Ursache für den tragischen Ausgang des Stücks erkennen, […] die überzeitliche Relevanz der Thematik begreifen, indem sie Stellung nehmen zu einer ihnen dargebotenen Zeitungsschlagzeile und Beispiele hybriden Verhaltens in der heutigen Zeit suchen (z.B. die diktatorische Herrschaft Saddam Husseins im Irak; die aktuelle Diskussion um ein militärisches Eingreifen im Irak und einen eventuellen Alleingang der USA; die „Gotteskrieger“; biochemische Waffen; Gentechnik).

fachdidaktik-einecke.de

“Konflikt zwischen Gewissen und Gehorsam”

Sie verkörpert den Konflikt zwischen Gewissen und Gehorsam: Antigone begräbt ihren Bruder, obwohl es verboten ist. Die Konsequenz, mit der sie handelt, weil sie überzeugt ist das Richtige zu tun, macht Antigone zu einer der berühmtesten Theaterfiguren überhaupt.  […] Sophokles’ “Antigone” stammt zwar aus dem 5. Jahrhundert vor Christus, aber stellt auch noch im 21. Jahrhundert die letzten Fragen, allen voran: Wem sollten wir uns verpflichtet fühlen, unserem Gewissen oder dem Gesetz?

br.de

“Kollision zweier sittlicher Mächte”

Das Thema der „Antigone“ ist die „Kollision“ zweier sittlicher Mächte: Familienliebe und Staatsgesetz. So definiert es Hegel, und er deutet den metaphysischen Sinn der Tragödie als die Vernichtung der Individuen, die sich zur Verwirklichung je einer dieser Mächte aufgeworfen haben, wobei eben diese Vernichtung die wahrhafte Gerechtigkeit darstellt. Die letzten Worte des Chors, die Mahnung, weise zu sein und Ehrfurcht zu haben vor den Göttern, sind der Schlüssel zu dieser Erklärung.

zeit.de


Ambivalenz des Chors

Einzugslied des Chors (“Strahl der Sonne…”)
Bereits im Einzugslied des Chors lassen sich verschiedene Verstehensebenen ausmachen: Vordergründig ist der Chor loyal, doch es gibt zahlreiche Hinweise auf eine zweifelnde, antithetische Haltung, die allerdings uneingestanden bleibt:

  • Kontrast zum vorangegangenen Gespräch Antigone-Ismene (nach dem Motto: Alles super, die Sonne geht auf, der Krieg ist vorbei, lasset uns feiern) – muss den Leser/Zuschauer zwangsläufig misstrauisch machen
  • Durch Ares’ Erwähnung (auf der Seite Eteokles’) wird auf den Konflikt Ares-Hephaistos angespielt; Hephaistos erwischte seine Frau Aphrodite mit Ares in flagranti; wenn Polyneikes mit Hephaistos (rechtmäßiger Ehemann) assoziiert wird, bedeutet das, dass ihm im Streit um Theben mehr Legitimität zugebilligt wird als Eteokles (vgl. Oldenbourg Interpretationen S.38). In der Steinmann-Übersetzung bei Reclam kommt allerdings Hephaistos an dieser Stelle nicht vor: “und eh noch die Bekränzung der Türme der Pechfackeln Feuer ergriff” V. 120 ff. (vgl. Hölderlin-Übersetzung: “ehe die Krone der Türme die Fackel des Hephästos genommen.”)
  • Bakchios (=Dionysos, Gott des Rausches, des Wahnsinns) wird zunächst mit der Partei Polyneikes’ in Verbindung gebracht (“Taumelnd hinunter auf die widerhallende Erde stürzte 135er, in der Hand die Fackel, der in wütendem Ansturm bakchisch rasend heranschnob mit der Wucht der widrigsten Winde.” V. 134 ff.), doch dann wird Bakchios angerufen, die Siegesfeierlichkeiten in Theben anzuführen (“Drum schafft nach den Kriegen, den jüngst vergangnen, Vergessen, und alle Tempel der Götter lasst uns in nachtlangen Tänzen begehen, und Thebens Erderschüttrer des Grundes, Bakchios, gehe voran! V. 150 ff.). Vergleiche hierzu Oldenbourg Interpretationen S. 39 f.: “Der Schlussanruf an Bakchios ist allerdings nicht ohne eine geheime Ironie. (…) Indem der Chor Dionysos (…) in die Stadt als ihren Führer hineinruft, verdeutlicht er (…), dass die (…) Kraft des Bakchios nun auch den Krieg in die Stadt hineinträgt.”
  • Der Leser/Zuschauer muss sich die ganze Zeit fragen, warum auch Eteokles sterben musste, wenn doch die Götter auf seiner und Thebens Seite standen. Standardbegründung ist hier: der Fluch, der auf der Familie des Ödipus liegt. Vordergründig vertritt der Chor das höhere Recht Thebens, ist damit Kreon gegenüber loyal. In seiner Wortwahl vertritt er jedoch gleichzeitig die Gleichgeordnetheit der Geschwister (vgl. Oldenbourg Interpretationen S. 39).

Erste Szene

  • V. 211 ff.
    Der Chorführer bestätigt, das Kreon das Recht hat, dieses Gesetz zu erlassen, doch er äußert sich nicht, ob er das Gesetz auch richtig findet (ausweichendes Verhalten)
  • Er weigert sich (zweifach) zur ausführenden Gewalt ernannt zu werden
    (hält sich raus, bleibt auf Distanz)
  • Nachdem der Wächter Bericht erstattet hat, gibt der Chor zu bedenken, dass die Bestattung “gottgewirkt” sei (und handelt sich eine herbe Rüge seitens Kreon ein).

Erstes Standlied des Chors (“Zahlreich ist das Ungeheure …”)

Einerseits Lobgesang auf die Möglichkeiten/Natur des Menschen, andererseits Kritik an den Grenzen:

  • Der Tod kann nicht überwunden werden.
  • Der Mensch hat nicht nur die Fähigkeit zum Guten, sondern auch zum Bösen.

Der Chor bezieht nicht Stellung, ob er Antigones/Kreons Handeln für gut oder böse hält. Diese Verweigerung einer loyalen Stellungnahme ist bereits Stellungnahme.


Einstieg Klasse 10

https://www.youtube.com/watch?v=xoIcG2Z8rO8 (“Schneller Lesen no.1 – Antigone; Sophokles” – 2:46 Minuten)

https://www.youtube.com/watch?v=1BimFa6qRz4 (“Antigone to go (Sophokles in 11 Minuten)” – 10:58 Minuten)

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