Der goldne Topf 57

– Mehrere Tage und Wochen und Monate waren vergangen, der Anselmus war verschwunden, aber auch der Registrator Heerbrand ließ sich nicht sehen, bis am vierten Februar, da trat er in einem neuen modernen Kleide vom besten Tuch, in Schuhen und seidenen Strümpfen, des starken Frostes unerachtet, einen großen Strauß lebendiger Blumen in der Hand, Mittags Punkt zwölf Uhr in das Zimmer des Conrektors Paulmann, der nicht wenig über seinen geputzten Freund erstaunte.

Feierlich schritt der Registrator Heerbrand auf den Conrektor Paulmann   los, umarmte ihn mit feinem Anstande und sprach dann: „Heute an dem Namenstage Ihrer lieben verehrten Mamsell Tochter Veronika, will ich denn nun Alles gerade heraus sagen, was mir längst auf dem Herzen gelegen!

Damals, an dem unglücklichen Abend, als ich die Ingredienzen zu dem verderblichen Punsch in der Tasche meines Matins herbeitrug, hatte ich es im Sinn, eine freudige Nachricht Ihnen mitzutheilen und den glückseligen Tag in Fröhlichkeit zu feiern, schon damals hatte ich es erfahren, daß ich Hofrath worden, über welche Standeserhöhung ich jetzt das Patent cum nomine et sigillo principis erhalten und in der Tasche trage.“

– „Ach, ach! Herr Registr – Herr Hofrath Heerbrand, wollte ich sagen,“ stammelte der Conrektor.

– „Aber Sie, verehrter Conrektor,“ fuhr der nunmehrige Hofrath Heerbrand fort, „Sie können erst mein Glück vollenden.

Schon längst habe ich die Mamsell Veronika im Stillen geliebt und kann mich manches freundlichen Blickes rühmen, den sie mir zugeworfen, und der mir deutlich gezeigt, daß sie mir wol nicht abhold seyn dürfte.

Kurz, verehrter Conrektor! – ich, der Hofrath Heerbrand, bitte um die Hand Ihrer liebenswürdigen Demoiselle Tochter Veronika, die ich, haben Sie nichts dagegen, in kurzer Zeit heimzuführen gedenke.“

– Der Conrektor Paulmann schlug voller Verwunderung die Hände zu  sammen und rief: „Ei – Ei – Ei – Herr Registr – Herr Hofrath, wollte ich sagen, wer hätte das gedacht! – Nun, wenn Veronika sie in der That liebt, ich meines Theils habe nichts dagegen; vielleicht ist auch ihre jetzige Schwermuth nur eine versteckte Verliebtheit in Sie, verehrter Hofrath! man kennt ja die Possen.“

– In dem Augenblick trat Veronika herein, blaß und verstört, wie sie jetzt gewöhnlich war.

Da schritt der Hofrath Heerbrand auf sie zu, erwähnte in wohlgesetzter Rede ihres Namenstages und überreichte ihr den duftenden Blumenstrauß nebst einem kleinen Päckchen, aus dem ihr, als sie es öffnete, ein Paar glänzende Ohrgehänge entgegenstrahlten.

Eine schnelle fliegende Röthe färbte ihre Wangen, die Augen blitzten lebhafter und sie rief: „Ei, mein Gott! das sind ja dieselben Ohrgehänge, die ich schon vor mehreren Wochen trug und mich daran ergötzte!“ – „Wie ist denn das möglich,“ fiel der Hofrath Heerbrand etwas bestürzt und empfindlich ein, „da ich dieses Geschmeide erst seit einer Stunde in der Schloßgasse für schmähliches Geld erkauft?“

– Aber die Veronika hörte nicht darauf, sondern stand schon vor dem Spiegel, um die Wirkung des Geschmeides, das sie bereits in die kleinen Oehrchen gehängt, zu erforschen.

Der Conrektor Paulmann eröffnete ihr mit gravitätischer Miene und mit ernstem Ton die Standeserhöhung Freund Heerbrands und seinen Antrag. Veronika schaute den Hofrath mit durchdringendem Blick an und sprach: „Das wußte ich längst, daß Sie mich heirathen wollen. – Nun es sey! – ich verspreche Ihnen Herz und Hand, aber ich muß Ihnen nur gleich – Ihnen Beiden nämlich, dem Vater und dem Bräutigam, Manches entdecken, was mir recht schwer in Sinn und Gedanken liegt – jetzt gleich, und sollte darüber die Suppe kalt werden, die, wie ich sehe, Fränzchen so eben auf den Tisch setzt.“

Ohne des Conrektors und des Hofraths Antwort abzuwarten, unerachtet ihnen sichtlich die Worte auf den Lippen schwebten, fuhr Veronika fort:

„Sie können es mir glauben, bester Vater! daß ich den Anselmus recht von Herzen liebte, und als der Registrator Heerbrand, der nunmehr selbst Hofrath worden, versicherte, der Anselmus könne es wol zu so etwas bringen, beschloß ich, er und kein Anderer solle mein Mann werden. Da schien es aber, als wenn fremde feindliche Wesen ihn mir entreißen wollten, und ich nahm meine Zuflucht zu der alten Liese, die ehemals meine Wärterinn war, und jetzt eine weise Frau, eine große Zauberinn ist.

Die versprach mir, zu helfen und den Anselmus mir ganz in die Hände zu liefern.

Wir gingen Mitternachts in der Tag- und Nachtgleiche auf den Kreuzweg, sie beschwor die höllischen Geister, und mit Hülfe des schwarzen Katers brachten wir einen kleinen Metallspiegel zu Stande, in den ich, meine Gedanken auf den Anselmus richtend, nur blicken durfte, um ihn ganz in Sinn und Gedanken zu beherrschen.

– Aber ich bereue jetzt herzlich das Alles gethan zu haben, ich schwöre allen Satanskünsten ab.

Der Salamander hat über die Alte gesiegt, ich hörte ihr Jammergeschrei, aber es war keine Hülfe möglich; so wie sie als Runkelrübe vom Papagei verzehrt worden, zerbrach mit schneidendem Klange mein Metallspiegel.“

Veronika holte die beiden Stücke des zerbrochenen Spiegels und eine Locke aus dem Nähkästchen, und Beides dem Hofrath Heerbrand hinreichend, fuhr sie fort: „Hier nehmen Sie, geliebter Hofrath, die Stücke des Spiegels, werfen Sie sie heute Nacht um zwölf Uhr von der Elbbrücke, und zwar von da, wo das Kreuz steht, hinab in den Strom, der dort nicht zugefroren, die Locke aber bewahren Sie auf treuer Brust.

Ich schwöre nochmals allen Satanskünsten ab und gönne dem Anselmus herzlich sein Glück, da er nunmehr mit der grünen Schlange verbunden, die viel schöner und reicher ist, als ich.

Ich will Sie, geliebter Hofrath, als eine rechtschaffene Frau lieben und verehren!“

– „Ach Gott! – ach Gott,“ rief der Conrektor Paulmann voller Schmerz, „sie ist wahnsinnig, sie ist wahnsinnig – sie kann nimmermehr Frau Hofräthinn werden – sie ist wahnsinnig!“

– „Mit Nichten,“ fiel der Hofrath Heerbrand ein, „ich weiß wol, daß Mamsell Veronika einige Neigung für den vertrakten Anselmus gehegt, und es mag seyn, daß sie vielleicht in einer gewissen Ueberspannung sich an die weise Frau gewendet, die, wie ich merke, wol Niemand anders seyn kann als die Kartenlegerinn und Kaffeegießerinn vor dem Seethor, – kurz, die alte Rauerin.

Nun ist auch nicht zu läugnen, daß es wirklich wol geheime Künste giebt, die auf den Menschen nur gar zu sehr ihren feindlichen Einfluß äußern, man lieset schon davon in den Alten, was aber Mamsell Veronika von dem Sieg des Salamanders und von der Verbindung des Anselmus mit der grünen Schlange gesprochen, ist wol nur eine poetische Allegorie – gleichsam ein Gedicht, worin sie den gänzlichen Abschied von dem Studenten besungen.“

„Halten Sie das wofür Sie wollen, bester Hofrath!“ fiel Veronika ein, „vielleicht für einen recht albernen Traum“ – „Keinesweges thue ich das,“ versetzte der Hofrath Heerbrand, „denn ich weiß ja wol, daß der Anselmus auch von geheimen Mächten befangen, die ihn zu allen möglichen tollen Streichen necken und treiben.“

Länger konnte der Conrektor Paulmann nicht an sich halten, er brach los: „Halt, um Gotteswillen, halt! haben wir uns denn etwa wieder übernommen im verdammten Punsch, oder wirkt des Anselmi Wahnsinn auf uns?

Herr Hofrath, was sprechen Sie denn auch wieder für Zeug? – Ich will indessen glauben, daß es die Liebe ist, die Euch in dem Gehirn spukt, das giebt sich aber bald in der Ehe, sonst wäre mir bange, daß auch Sie in einigen Wahnsinn verfallen, verehrungswürdiger Hofrath, und würde dann Sorge tragen wegen der Descendenz, die das Malum der Eltern vererben könnte.

– Nun, ich gebe meinen väterlichen Segen zu der fröhlichen Verbindung und erlaube, daß Ihr Euch als Braut und Bräutigam küsset.“

Dies geschah sofort, und es war, noch ehe die aufgetragene Suppe kalt worden, die förmliche Verlobung geschlossen. Wenige Wochen nachher saß die Frau Hofräthinn Heerbrand wirklich, wie sie sich schon früher im Geiste erblickt, in dem Erker eines schönen Hauses auf dem Neumarkt und schaute lächelnd auf die Elegants hinab, die vorübergehend und hinauflorgnettirend sprachen: „Es ist doch eine göttliche Frau die Hofräthinn Heerbrand!“ – –


Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *