Der goldne Topf 56

Eilfte Vigilie.
Des Conrektors Paulmann Unwille über die in seiner Familie ausgebrochene Tollheit. – Wie der Registrator Heerbrand Hofrath worden, und im stärksten Froste in Schuhen und seidenen Strümpfen einherging. – Veronika’s Geständnisse. – Verlobung bei der dampfenden Suppenschüssel.

„Aber sagen Sie mir nur, werthester Registrator! wie uns gestern der vermaledeite Punsch so in den Kopf steigen und zu allerlei Allotriis treiben konnte?“

– Dies sprach der Conrektor Paulmann, indem er am andern Morgen in das Zimmer trat, das noch voll zerbrochener Scherben lag, und in dessen Mitte die unglückliche Perücke in ihre ursprüngliche Bestandtheile aufgelöset im Punsche umherschwamm.

Als der Student Anselmus zur Thür hinausgerannt war, kreuzten und wackelten der Conrektor Paulmann und der Registrator Heerbrand durch das Zimmer, schreiend wie Besessene und mit den Köpfen an einander rennend, bis Fränzchen den schwindligten Papa mit vieler Mühe ins Bett brachte und der Registrator in höchster Ermattung aufs Sopha sank, welches Veronika, ins Schlafzimmer flüchtend, verlassen.

Der Registrator Heerbrand hatte sein blaues Schnupftuch um den Kopf gewickelt, sah ganz blaß und melancholisch aus und stöhnte: „Ach, werther Conrektor, nicht der Punsch, den Mamsell Veronika köstlich bereitet, nein! – sondern lediglich der verdammte Student ist an all’ dem Unwesen Schuld.

Merken Sie denn nicht, daß er schon längst mente captus ist? Aber wissen Sie denn nicht auch, daß der Wahnsinn ansteckt?

– Ein Narr macht viele; verzeihen Sie, das ist ein altes Sprichwort; vorzüglich, wenn man ein Gläschen getrunken, da geräth man leicht in die Tollheit und manövrirt unwillkührlich nach und bricht aus in die Exerzitia, die der verrückte Flügelmann vormacht.

Glauben Sie denn, Conrektor! daß mir noch ganz schwindlich ist, wenn ich an den grauen Papagei denke?“

– „Ach was,“ fiel der Conrektor ein, „Possen! – es war ja der alte kleine Famulus des Archivarii, der einen grauen Mantel umgenommen und den Studenten Anselmus suchte.“

„Es kann seyn,“ versetzte der Registrator Heerbrand, „aber ich muß gestehen, daß mir ganz miserabel zu Muthe ist; die ganze Nacht über hat es so wunderlich georgelt und gepfiffen.“

– „Das war ich, erwiederte der Conrektor; denn ich schnarche stark.“

– „Nun, mag das seyn,“ fuhr der Registrator fort – „aber Conrektor, Conrektor! – nicht ohne Ursache hatte ich gestern dafür gesorgt uns einige Fröhlichkeit zu bereiten – aber der Anselmus hat mir Alles verdorben. – Sie wissen nicht – o Conrektor, Conrektor!“

– Der Registrator Heerbrand sprang auf, riß das Tuch vom Kopfe, umarmte den Conrektor, drückte ihm feurig die Hand, rief noch einmal ganz herzbrechend: „o Conrektor, Conrektor!“ und rannte Hut und Stock ergreifend schnell von dannen.

„Der Anselmus soll mir nicht mehr über die Schwelle,“ sprach der Conrektor Paulmann zu sich selbst, „denn ich sehe nun wol, daß er mit seinem verstockten innern Wahnsinn die besten Leute um ihr Bischen Vernunft bringt; der Registrator ist nun auch geliefert – ich habe mich bisher noch gehalten, aber der Teufel, der gestern im Rausch stark anklopfte, könnte doch wol am Ende einbrechen und sein Spiel treiben. – Also abage Satanas! – fort mit dem Anselmus!“

– Veronika war ganz tiefsinnig geworden, sie sprach kein Wort, lächelte nur zuweilen ganz seltsam und war am liebsten allein.

„Die hat der Anselmus auch auf der Seele,“ sagte der Conrektor voller Bosheit, „aber es ist gut, daß er sich gar nicht sehen läßt, ich weiß, daß er sich vor mir fürchtet – der Anselmus, deshalb kommt er gar nicht her.“

Das Letzte sprach der Conrektor Paulmann ganz laut, da stürzten der Veronika, die eben gegenwärtig, die Thränen aus den Augen und sie seufzte: „Ach, kann denn der Anselmus herkommen? der ist ja schon längst in die gläserne Flasche eingesperrt.“

– „Wie – was?“ – rief der Conrektor Paulmann. „Ach Gott – ach Gott, auch sie faselt schon wie der Registrator, es wird bald zum Ausbruch kommen. – Ach du verdammter, abscheulicher Anselmus!“

– Er rannte gleich fort zum Doktor Eckstein, der lächelte und sagte wieder: „Ei, Ei!“

– Er verschrieb aber nichts, sondern setzte dem Wenigen, was er geäußert, noch weggehend hinzu: „Nervenzufälle! – wird sich geben von selbst – in die Luft führen – spazieren fahren – sich zerstreuen – Theater – Sonntagskind – Schwestern von Prag – wird sich geben!“

– „So beredt war der Doktor selten,“ dachte der Conrektor Paulmann, „ordentlich geschwätzig.“

 

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