Der goldne Topf 55

– Aber plötzlich entstand von der andern Seite her ein dumpfes widriges Gemurmel.

Er konnte bald deutlich bemerken, daß dies Gemurmel von einer alten Kaffeekanne mit halbzerbrochenem Deckel herrührte, die ihm gegenüber auf einem kleinen Schrank hingestellt war.

So wie er schärfer hinschaute, entwickelten sich immer mehr die garstigen Züge eines alten verschrumpften Weibergesichts, und bald stand das Aepfelweib vom schwarzen Thor vor dem Repositorium.

Die grinsete und lachte ihn an und rief mit gellender Stimme: „Ei, ei, Kindchen! – mußt Du nun ausharren?

– Ins Kristall nun Dein Fall! – hab’ ich Dir’s nicht längst voraus gesagt?“

„Höhne und spotte nur, Du verdammtes Hexenweib,“ sagte der Student Anselmus, „Du bist Schuld an Allem, aber der Salamander wird Dich treffen, Du schnöde Runkelrübe!“

– „Ho, ho!“ erwiederte die Alte, „nur nicht so stolz! Du hast meinen Söhnlein ins Gesicht getreten, Du hast mir die Nase verbrannt, aber doch bin ich Dir gut, Du Schelm, weil Du sonst ein artiger Mensch warst, und mein Töchterchen ist Dir auch gut.

Aus dem Kristall kommst Du aber nun einmal nicht, wenn ich Dir nicht helfe; hinauflangen zu Dir kann ich nicht, aber meine Frau Gevatterinn, die Ratte, welche gleich über Dir auf dem Boden wohnt, die soll das Brett entzweinagen, auf dem Du stehst, dann purzelst Du hinunter und ich fange Dich auf in der Schürze, damit Du Dir die Nase nicht zerschlägst, sondern fein Dein glattes Gesichtlein erhältst, und ich trage Dich flugs zur Mamsell Veronika, die mußt Du heirathen, wenn Du Hofrath worden.“

„Laß ab von mir, Satans-Geburt,“ schrie der Student Anselmus voller Grimm, „nur Deine höllischen Künste haben mich zu dem Frevel gereizt, den ich nun abbüßen muß.

– Aber geduldig ertrage ich Alles, denn nur hier kann ich seyn, wo die holde Serpentina mich mit Liebe und Trost umfängt!

– Hör’ es Alte und verzweifle!

Trotz biete ich Deiner Macht, ich liebe ewiglich nur Serpentina – ich will nie Hofrath werden – nie die Veronika schauen, die mich durch Dich zum Bösen verlockt!

– Kann die grüne Schlange nicht mein werden, so will ich untergehen in Sehnsucht und Schmerz!

– Hebe Dich weg – hebe Dich weg – Du schnöder Wechselbalg!“

– Da lachte die Alte auf, daß es im Zimmer gellte, und rief: „So sitze denn und verderbe, aber nun ist’s Zeit ans Werk zu gehen, denn mein Geschäft hier ist noch von anderer Art.“

– Sie warf den schwarzen Mantel ab und stand da in ekelhafter Nacktheit, dann fuhr sie in Kreisen umher, und große Folianten stürzten herab, aus denen riß sie Pergamentblätter, und diese im künstlichen Gefüge schnell zusammenheftend und auf den Leib ziehend, war sie bald wie in einen seltsamen bunten Schuppenharnisch gekleidet.

Feuersprühend sprang der schwarze Kater aus dem Tintenfasse, das auf dem Schreibtische stand, und heulte der Alten entgegen, die laut aufjubelte und mit ihm durch die Thür verschwand.

Anselmus merkte, daß sie nach dem blauen Zimmer gegangen, und bald hörte er es in der Ferne zischen und brausen, die Vögel im Garten schrieen, der Papagei schnarrte: „Rette – rette – Raub – Raub!“

– In dem Augenblick kam die Alte ins Zimmer zurückgesprungen, den goldnen Topf auf dem Arm tragend und mit gräßlicher Gebehrde wild durch die Lüfte schreiend: „Glück auf! – Glück auf! – Söhnlein – tödte die grüne Schlange! auf, Söhnlein, auf!“

– Es war dem Anselmus, als höre er ein tiefes Stöhnen, als höre er Serpentina’s Stimme.

Da ergriff ihn Entsetzen und Verzweiflung.

– Er raffte alle seine Kraft zusammen, er stieß mit Gewalt, als sollten Nerven und Adern zerspringen, gegen das Kristall – ein schneidender Klang fuhr durch das Zimmer und der Archivarius stand in der Thür in seinem glänzenden damastnen Schlafrock: „Hei, hei! Gesindel, toller Spuk – Hexenwerk – hieher – heisa!“

So schrie er.

Da richteten sich die schwarzen Haare der Alten wie Borsten empor, ihre gluthrothen Augen erglänzten von höllischem Feuer, und die spitzigen Zähne des weiten Rachens zusammenbeißend zischte sie: „frisch – frisch ’raus – zisch aus, zisch aus,“ und lachte und meckerte höhnend und spottend, und drückte den goldnen Topf fest an sich und warf daraus Fäuste voll glänzender Erde auf den Archivarius, aber so wie die Erde den Schlafrock berührte, wurden Blumen daraus, die herabfielen.

Da flackerten und flammten die Lilien des Schlafrocks empor, und der Archivarius schleuderte die in knisterndem Feuer brennenden Lilien auf die Hexe, die vor Schmerz heulte; aber indem sie in die Höhe sprang und den pergamentnen Harnisch schüttelte, verlöschten die Lilien und zerfielen in Asche. „Frisch darauf, mein Junge!“ kreischte die Alte, da fuhr der Kater auf in die Luft und brauste fort nach der Thür über den Archivarius, aber der graue Papagei flatterte ihm entgegen und faßte ihn mit dem krummen Schnabel im Genick, daß rothes feuriges Blut ihm aus dem Halse stürzte, und Serpentina’s Stimme rief: „Gerettet! – gerettet!“

– Die Alte sprang voller Wuth und Verzweiflung auf den Archivarius los, sie warf den Topf hinter sich und wollte die langen Finger der dürren Fäuste emporspreizend den Archivarius umkrallen, aber dieser riß schnell den Schlafrock herunter und schleuderte ihn der Alten entgegen.

Da zischten und sprühten und brausten blaue knisternde Flammen aus den Pergamentblättern, und die Alte wälzte sich im heulenden Jammer und trachtete immer mehr Erde aus dem Topfe zu greifen, immer mehr Pergamentblätter aus den Büchern zu erhaschen, um die lodernden Flammen zu ersticken, und wenn ihr es gelang, Erde oder Pergamentblätter auf sich zu stürzen, verlöschte das Feuer.

Aber nun fuhren wie aus dem Innern des Archivarius flackernde zischende Strahlen auf die Alte.

„Hei, hei! drauf und dran – Sieg dem Salamander!“ dröhnte die Stimme des Archivarius durch das Zimmer, und hundert Blitze schlängelten sich  in feurigen Kreisen um die kreischende Alte.

Sausend und brausend fuhren in wüthendem Kampfe Kater und Papagei umher, aber endlich schlug der Papagei mit den starken Fittigen den Kater zu Boden, und mit den Krallen ihn durchspießend und festhaltend, daß er in der Todesnoth gräßlich heulte und ächzte, hackte er ihm mit dem scharfen Schnabel die glühenden Augen aus, daß der brennende Gischt herausspritzte.

– Dicker Qualm strömte da empor, wo die Alte zur Erde niedergestürzt unter dem Schlafrock gelegen, ihr Geheul, ihr entsetzliches schneidendes Jammergeschrei verhallte in weiter Ferne.

Der Rauch, der sich mit durchdringendem Gestank verbreitet, verdampfte, der Archivarius hob den Schlafrock auf und unter demselben lag eine garstige Runkelrübe.

„Verehrter Hr. Archivarius, hier bringe ich den überwundenen Feind,“ sprach der Papagei, indem er dem Archivarius Lindhorst ein schwarzes Haar im Schnabel darreichte.

„Sehr gut, mein Lieber,“ antwortete der Archivarius, „hier liegt auch meine überwundene Feindinn, besorgen Sie gütigst nunmehr das Uebrige; noch heute erhalten Sie als ein kleines Douceur sechs Kokusnüsse und eine neue Brille, da, wie ich sehe, der Kater Ihnen die Gläser schändlich zerbrochen.“

„Lebenslang der Ihrige, verehrungswürdiger Freund und Gönner!“ versetzte der Papagei sehr vergnügt, nahm die Runkelrübe in den Schnabel und flatterte damit zum Fenster hinaus, das ihm der Archivarius Lindhorst geöffnet.

Dieser ergriff den goldnen Topf und rief stark: „Serpentina, Serpentina!“

– Aber wie nun der Student Anselmus hoch erfreut über den Untergang des schnöden Weibes, das ihn ins Verderben gestürzt, den Archivarius anblickte, da war es wieder die hohe majestätische Gestalt des Geisterfürsten, die mit unbeschreiblicher Anmuth und Würde zu ihm hinaufschaute.

– „Anselmus,“ sprach der Geisterfürst, „nicht Du, sondern nur ein feindliches Prinzip, das zerstörend in Dein Inneres zu dringen und Dich mit Dir selbst zu entzweien trachtete, war Schuld an Deinem Unglauben. –

Du hast Deine Treue bewährt, sey frei und glücklich.“

Ein Blitz zuckte durch das Innere des Anselmus, der herrliche Dreiklang der Kristallglocken ertönte stärker und mächtiger, als er ihn je vernommen – seine Fibern und Nerven erbebten – aber immer mehr anschwellend dröhnte der Akkord durch das Zimmer, das Glas, welches den Anselmus umschlossen, zersprang und er stürzte in die Arme der holden lieblichen Serpentina.

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